"Auf dem Dokument steht Oeysteins Bewertung der Novelle Hauptmanns."
(1888, Novelle)
Handlung
Bahnwärter Thiel hat jahrelang ein eintöniges und trostloses Leben geführt. Nach dem Tod seiner ersten Frau Minna heiratet er die herschsüchtige und dominierende Lene. Er braucht jemand, der sich um seinen kleinen Sohn Tobias kümmern kann, während er im Dienst ist. Geblendet von sexuellen Trieben übersieht Thiel Lenes Misshandlung seines Sohns, obwohl er Minna, der Mutter des Jungen, hoch und heilig versprochen hat, auf Tobias gut aufzupassen.
Thiel teilt sein Leben in zwei Welten ein. Die eine ist die Welt der Lebendigen, die andere ist die Welt seiner gestorbenen Frau, des Vergangenen. Ein Konflikt zwischen den zwei Welten ist schon vor einer Zeit lang in seinem Unterbewußtsein hervorgerufen worden, wenn die Welt der Lebendigen seine mühsam errichtete Lebensordnung bedroht. Er wird allmählich nicht mehr im Stande Traum und Wirklichkeit auseinander zu halten. Seine Nachlässigkeit und Passivität wird für die ganze Familie schwerwiegende Konsequenzen haben.
Bahnwärter Thiel enstand, als Gerhart Hauptmann sich schon seit längerer Zeit mit den kleinen Leuten, unter anderem Förstern, Fischern und Bahnwärtern bekannt gemacht hatte. Dieses und seine Berliner Naturalistenfreunde hatten sicherlich einen starken Einfluss auf seine Arbeiten gehabt.
Hauptmann gilt als der bedeutendste Vertreter des deutschen Naturalismus.
Themen
Der Konflikt zwischen dem bedrohlichen Neuen - der Industrialisierung - und dem Individuum ist ein zentrales Thema dieses Werkes. Der Zug symbolisiert die neue Zeit, die Industrialisierung, die mit rasender Geschwindigkeit wirtschaftliche und soziale Änderungen hervorzwingt. Die Eisenbahn symbolisiert die Entwicklung, auf die man als kleiner Mensch keinen Einfluss hat und vor der man wie auf einem Spinnennetz nicht fliehen kann.
Ein weiterer thematischer Aspekt ist die Macht der Sexualität über den Menschen. Sehr interessant in diesem Zusammenhang ist die stereotypische Darstellung der zwei zentralen Frauen in dieser Novelle; Minna als eine fast heilige Figur, Lene als Triebwesen, oder die inkarnierte Sexualität. Der Zug kann in dieser Hinsicht den Sexualtrieb symbolisieren, eine Maschine, die keine Rücksicht kennt. Im Fall Thiels heißt das Selbstbefriedigung auf Kosten seines Sohnes.
Persönliche Meinung
Bahnwärter Thiel war nicht einfach zu lesen. Die Novelle ist nicht besonders schwierig zu verstehen, aber die mystiche und tragische Darstellung ist ziemlich düster und deprimierend. Mir gefällt es viel besser, wenn Innovation und Dynamik als Chancen und Sexualität als was besonders Schönes betrachtet werden.
Literatur
Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel
- Klassiker auf CD-ROM. Philipp Reclam jun., Stuttgart/ DIRECTMEDIA Publishing, Berlin 1997
- Vorlesungen: A. Tjeldflåt, Sept. 1998