Auf dem Dokument steht folgendes ...
- Eine tragische Komödie
(Drama, 1955, Neufassung 1980)
(Der nachfolgende Text wurde 2004 überarbeitet)
Die Handlung
Die reichste Frau der Welt, die alte Multimilliardärin Claire Zachanassian besucht ihre Heimatstadt, die verarmte kleine Stadt Güllen. Ziel des Besuchs ist es, der Stadt aus der derzeitig schwierigen wirtschaftlichen Lage zu helfen. Sie stellt nur eine Bedingung: Ihre Hilfe wird nur gegen das Leben Alfred Ills angeboten. Claire Zachanassian, geborene Klara Wäscher, will sich rächen: Alfred Ill hat sie im Stich gelassen, als sie als junges Mädchen schwanger wurde. Sie wanderte aus und wurde in die Prostitution gezwungen. Das Angebot wird von den Bürgern natürlich "im Namen der Menschlichkeit" abgelehnt. Oder doch nicht?
Nach und nach ändert sich das Verhalten der Güllener so, als wären die wirtschaftlichen Probleme der Stadt schon gelöst. Sie nehmen leichtsinnig Kredite auf, und warten darauf, dass die Krise irgendwann irgendwie zu Ende geht. Ein Kampf zwischen Wohlstand und Moral baut sich im Unterbewusstsein der Bevölkerung auf. Für die Güllener wie ein psychologischer Thriller, für den Leser eine überaus groteske Komödie:
Die Probleme lösen sich nämlich schließlich doch nicht von selbst, und die Güllener sehen sich gezwungen, auf das Angebot der alten Dame einzugehen. Am Ende wird der wiedergewonnene Wohlstand göttlich feiert.
Zentrale Themen
Der zentrale Punkt in dieser Komödie ist nicht Alfred Ills Schicksal an sich, sondern dass die Güllener an die Richtigkeit ihres Verbrechens glauben. Das Drama schildert das psychologische Wandeln der Menschen in Güllen, wie sich langsam und fast unbemerkt Solidarität zu brutalem Opportunismus entwickelt. Der Leser erfährt, wie eine anfänglich als "blutbefleckende kriminelle Handlung" zuletzt als eine "moralische Pflicht" angesehen wird.
Das Thema des Dramas ähnelt dem in Max Frischs Andorra: Gewisse Eigenschaften liegen latent im Menschen und können jederzeit aktiviert werden, wenn es die Umstände "erfordern". Der Mensch ist ein egoistischer und opportunustischer Nutzenmaximierer. Die Geschichte zeigt, wie der Mensch seine Handlungen und Verhaltensweisen je nach persönlicher Lage rechtfertigt und wie Werthaltungen und Moral von Handlungen geprägt werden können - statt umgekehrt. In Extremsituationen erkennt man die wahre Natur eines Menschen.
Zur Aktualität des Dramas heute
Thematisiert wird außerdem der Zusammenhang zwischen Geld und Macht. Eine Parallele zur westlichen Wohlstandsgesellschaft, zur Verkäuflichkeit der Moral gegen Wohlstand in unserer Gesellschaft ist durchaus vertretbar. Wer muss dafür büßen, wenn unser Wohlstand "gekauft" ist? Sind wir bereit, die Kindheit eines dreizehnjährigen vietnamesischen Mädchens (billige Arbeitskraft) zu opfern, damit wir bei uns billige Turnschuhe kaufen können?
Der Leser wird gezwungen, die perverse Frage zu stellen, wieviel das Leben eines Menschen wert ist.
Wahrgenommene Werthaltungen einer Gesellschaft entfalten sich häufig als Floskeln und Hüllen ohne wirkliche Inhalt.
Persönliche Meinung
Der Besuch der alten Dame ist eine äußerst unangenehme Geschichte. Das Drama grenzt zu dem Schrecklichsten, was ich jemals gelesen habe. Nicht weil ich die Geschichte schlecht finde, um Gottes Willen! Sie ist hervorragend! Die Handlung schlägt wie eine Faust im Magen und das Lesen tut so weh, dass es geradezu wie eine mentale Vergewaltigung ist. Auf der Bühne* ist Der Besuch der alten Dame nichtsdestoweniger zum Schreien witzig. Eine klare Empfehlung.
Das Drama ist leicht zu lesen.
*Stadttheater Regensburg, Juni 1998
Literatur
Bengt Algot Sørensen: Geschichte der deutschen Literatur - Band 2. Verlag C. H. Beck, München 1997
Kindlers Neues Literaturlexikon, Band 4. München 1988
Verdens Litteraturhistorie - Bind 10. Cappelens Forlag, 1974/ 1982
Vorlesungen: A. Tjeldflåt, März 1998