Auf dem Dokument steht folgendes ...
(Roman, 1991)
(Der nachfolgende Text wurde 2004 leicht überarbeitet)
Handlung und Thematik
Die Handlung spielt in der DDR der achtziger Jahre. Die Historikerin Rosalind Polkowski hat ihren Beruf aufgegeben, weil sie nicht mehr für Geld denken will und sich mehr Unabhängigkeit wünscht. Sie tritt als Schreibkraft für den alten Parteibonzen Herbert Beerenbaum an, der an seine Memoiren arbeitet. Dadurch begegnen sich zwei total unterschiedliche Auffassungen der Realität der derzeitigen DDR-Gesellschaft. Die zweimal die Woche zum Diktat gelegten Termine entwickeln sich immer mehr zu einem aufregenden Generationskonflikt. Dieser Konflikt könnte als eine Auseinandersetzung zwischen einem am Rande des Zusammenbruchs stehenden totalitären System und radikalen Strömungen einer neuen Zeit interpretiert werden.
Die Beerdigung Beerenbaums baut die Rahmenhandlung des Romans und symbolisiert den Untergang der DDR. "Stille Zeile Sechs" weist auf Beerenbaums Adresse (in echt Stille StraBe) in dem früheren Partei- und Regierungsviertel in Berlin hin. In der DDR sagte man gerne, wichtig sei, was zwischen den Zeilen stünde; daraus "Stille Zeile".
Persönliche Meinung
Historisches und DDR-gesellschaftliches Wissen ist sehr vorteilhaft, um die Handlung der Geschichte ganz folgen zu können:
- über die Bedeutung des Hotel Lux in Moskau in den Kriegsjahren und die deutschen Exilkommunisten dort
- über den Ausmaß des stalinistischen Terrors in den Dreißigern und Vierzigern
- über Rosa Luxemburg und die deutsche kommunistische "Revolution"
- über das Leben in der DDR im allgemeinen.
Mit all dies als Hintergrund werden Beerenbaums aufgeblasenen Phrasen, Beschönigungen und Lügen auch für den Leser noch provozierender.
Persönlich hatte ich wenig oder kein Wissen darüber, als ich das Buch gelesen habe. Vieles habe ich erst verstanden, als in der Vorlesung darüber ausführlich erzählt wurde.
Schuld und Sühne, Rache und Opfer, Verhängnis und Gericht als Themen des Romans haben 15 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer nicht an Aktualität verloren: Es geht um die Schuldfrage bei politisch motivierten Handlungen, die in einem gewissen Zeitraum nicht nur gesetzlich legal waren, sondern sogar als Pflichten der Bürger gesehen wurde. In Stille Zeile Sechs spielt außerdem die persönliche Überzeugung des Täters über die Richtigkeit seiner Taten eine große Rolle.
Rein sprachlich ist das Buch wenig anspruchsvoll.
Ossi-Witz:
Honeckers Geliebte sagt zu ihm: "Honni, bitte mach die Mauer auf!"
Honecker: "Du willst wohl mit mir allein sein!"
Literatur
Eckhard Franke: Monika Maron
Vorlesungen: T.J. Ropeid, April 1998