Parabelstück
(Drama,1943)
Die Handlung
Drei Götter werden zur Erde geschickt, um herauszufinden, ob der Zustand der Erde wirklich so schlimm ist, wie die Menschen behaupten. Das Dilemma der Götter ist: Den Menschen zufolge seien die Bedingungen, um die Gebote befolgen und gleichzeitig harmonisch mit der Umgebung leben zu können, in dieser Gesellschaft unmöglich zu erfüllen. Entweder müsse die Welt, oder die göttlichen Gebote geändert werden. Die Götter suchen genügend gute Menschen, die ein menschenwürdiges Dasein leben können und in der Lage sind, die Gebote zu halten, um zu beweisen, dass die Bedingungen doch erfüllbar sind.
Das prostituierte Mädchen Shen Te ist der erste (und schlieBlich auch der einzige) Mensch, den die Götter gefunden haben, der dem göttlichen Idealbildnis einigermaBen entspricht. Als Bezahlung für eine Übernachtung bekommt sie von den Göttern Geld genug, um ein neues Leben als Besitzerin eines kleinen Tabakladens anzufangen. Das Stück handelt von Shen Tes Streben nach einem Leben in Harmonie mit den Geboten und der Gesellschaft. Auffallend an Shen Te ist, dass sie sich in etwas, was sie nicht ist, verwandeln muss, um zu überleben. Sie ist sich ihrer Rolle in einer Welt des Egoismus und Kapitalismus bewusst und leidet darunter. Ihr Gewissen formt ihr Denken, aber ihre Handlungen werden durch das materielle Sein bestimmt.
Zentrale Probleme/ Thema
In welchem Grad ist es moralisch legitim, eigennützig zu handeln, um dem Gemeinnutz zu dienen? Ist es in unserer Gesellschaft überhaupt möglich nur gut zu sein?
Das Stück wurde 1939/40 im Exil fertiggeschrieben, eine Zeit von schwerem Pessimismus geprägt. Brecht war der Meinung, dass der Nationalsozialismus und der Faschismus als Kapitalismus in seiner nacktesten und brutalsten Form zu charakterisieren sei.
Das Stück übt auch Kritik an der Moral des bürgerlichen Christentums: Wenn der Mensch von Natur aus gut ist, warum müssten die Götter (lies: die Kirche) dann das Gute durch Gebote und Drohungen behaupten?
Bertolt Brecht war kein frommer Mensch, er war aber der Meinung, dass der Mensch unter humanen und günstigen Lebensbedingungen gut sein würde. In einer Welt, in der Geld das zentrale Machtmittel ist, haben die meisten Menschen keine günstigen Lebensbedingungen, und in den reichen Teilen der Welt keinen guten Willen, diese zu verbessern.
Brauchen wir andere Götter, oder brauchen wir andere Menschen, um eine gute Welt zu bilden? Bertolt Brecht war Kommunist. Fordert er durch dieses Stück zur Revolution auf?
Ich finde...
Auch Krieg kann im weiteren Sinne als eine brutalere Form des Kapitalismus charakterisiert werden. Einige Leute machen hohe Profite durch das Leid Tausender, ja sogar Millionen von Menschen. Oder umgekehrt: Kapitalismus ist vielleicht eine Form von Krieg, in dem Millionen von Menschen leiden, während - oder weil - ein kleiner Teil der (Welt-) Bevölkerung hohe Profite machen ("muss"). (Extremer Eigennutz!)
Ein fantastisches Drama, dessen Aktualität leider nicht passee ist. Ganz im Gegenteil!
Literatur
- Bengt Algot Sørensen: Geschichte der deutschen Literatur - Band 2
Verlag C. H. Beck, München 1997
- Vorlesungen: A. Tjeldflåt, Sept. 1998