Die Aufklärung


DIE AUFKLÄRUNG(1720-1800)
1. Deutschland im 18. Jahrhundert

Machtkampf zwischen Österreich und Preußen. Unter Friedrich II. wird Preußen eine Militärmacht ersten Ranges.

1.1. Politisches System

Das Deutsche Reich existiert nur noch im Namen. Kleinstaaterei: Eine Unzahl von souveränen Kleinstaaten, in denen der Landesherr unumschränkt regiert. Vor allem nach preußischem Vorbild teilweises Heranwachsen eines "aufgeklärten Absolutismus".

1.2. Sozialstruktur

Vorwiegend ein Agrarstaat mit starker Trennung der Stände (Adel, Bürger, Bauern). Vorherrschaft des Adels. Das Bürgertum war zunächst wegen der vielen innerdeutschen Grenzen und Zollschranken wenig einflussreich. Von den Bauern waren viele leibeigen. In der zweiten Jahrhunderthälfte wachsender ökonomischer Einfluss des Bürgertums.

2. Die Aufklärung (1720-1800)

Überwindung des Lebensgefühls der Barockzeit (1620-1720): Antithetische Lebenshaltung (Kluft zwischen diesseitiger und jenseitiger Welt) - a) Flucht in die Religion (Mystik), b) Diesseitsgenuss (alles ist vergänglich, aber Genuss des Vergänglichen). Für die Barockzeit sind große Spannungen kennzeichnend, die z.T. auf die Erfahrungen im Dreißigjährigen Krieg zurückgeführt werden können: Pessimismus - Todesangst - Lebenshunger.

2.1. Weltbild und Lebenshaltung

Ausgeglichenheit und Harmonie. In der Kunst: das Klare und Übersichtliche.
Immanuel Kant: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus einer selbst verschuldeten Unmündigkeit."
Populärphilosophische Vorstellungen - Ausgangspunkt des aufklärerischen Optimismus: Unsere Welt als die beste aller möglichen Welten, die Vereinbarkeit des Bösen mit der Güte und Weisheit Gottes (Theodizee).
Wichtiger als weltfremde Gelehrsamkeit ist praktisches Wissen, das zu Nutzen führt.
Rationalismus: Die menschliche Vernunft ist fähig, aus eigener Kraft alle Probleme zu lösen.
Toleranz.

2.2. Rolle des Bürgertums

Das Bürgertum wird der neue Kulturträger. Beginnendes bürgerliches Selbstbewusstsein. Ablehnung der höfisch-aristokratischen Lebensführung, die als unecht und gekünstelt aufgefasst wird.

2.3. Einfluss des Pietismus

Religiöse Emanzipationsbewegung: Betonung der persönlichen Glaubenserfahrung, Kult des Gefühlslebens. Beginn eines religiösen und gefühlsmäßigen Unterstroms, der für die Entwicklung des deutschen Geisteslebens von großer Bedeutung wird.

3. Kunst und Dichtung

3.1. Volksbildende Schriften

Vor allem nach englischem Vorbild "Moralische Wochenschriften": praktische Lebenshilfe, Beitrag zur Erziehung und Bildung. Ausdruck des aufklärerischen Bildungsoptimismus. Wichtiger Beitrag zur bürgerlichen Emanzipation.

3.2. Erste Kunst- und Dichtungstheorien

Johann Christoph Gottsched (1700-1766): Kampf gegen den Geist des Barock, für Klarheit und gesunde Vernunft. Versuch einer kritischen Dichtkunst vor die Deutschen (1730): Rechtfertigung der Dichtung, Betonung der Regeln, lateinische und französische Vorbilder (Horaz, Racine, Boileau). Hauptverdienst: praktische Bühnenreform, Systematisierung, Deutsch als Gelehrtensprache.

Die beiden Schweizer Bodmer und Breitinger bilden ein Gegengewicht zu Gotttscheds nüchterner Betonung der Regeln. Bei ihnen Betonung des Gefühls und der Phantasie. In Von dem Wunderbaren in der Poesie (1740) wird die Bedeutung der schöpferischen Phantasie unterstrichen: Dichtung als Nachahmung jeder vorstellbaren Welt. Englische und griechische Vorbilder (Milton und Homer).

3.3. Robinsonaden

Empfindsame, erzieherische und zeitkritische Elemente. Johann Gottfried Schnabel: Insel Felsenburg (1731 ff): utopischer Entwurf einer neuen Gesellschaftsordnung.

3.4. Das rationalistische Lehrgedicht

Barthold Heinrich Brockes (1680-1747): Irdisches Vergnügen in Gott (1721-1748, 9 Bände): in mancher Hinsicht das beste dichterische Beispiel für das Weltgefühl des Aufklärungsmenschen: Geborgenheit, Optimismus, alles ist sinnvoll und nützlich, die Zweckmäßigkeit und Schönheit der Natur als Beweis für die Größe und Weisheit Gottes.
Albrecht von Haller (1708-1777): Die Alpen (1729): Beschreibung des idyllisch-unschuldigen Wesens der einfachen Alpenbewohner. Vorbild späterer Naturbeschreibungen.

3.5. Fabeln und Satiren

Zwei Gattungen, die die Forderung der Aufklärung, Poesie solle nutzen und erfreuen, auf nahezu ideale Weise erfüllen.
Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769) - der wahrscheinlich volkstümlichste Dichter der Aufklärung: Fabeln und Satiren (1746-4[smiley: cool].

3.6. Anakreontik und literarisches Rokoko

Französische und griechische Vorbilder (der antike Grieche Anakreon). Das Kleine, Elegante und Graziöse, die Geselligkeit: Ideal der lächelnden, lebensfrohen Weisheit. Harmonie von Geist und Körper (Kalokagathie, vgl. den Harmoniegedanken der deutschen Klassik). Eskapistische Tendenzen: Schäferdichtungen, Sehnsucht nach einem unproblematischen Dasein.
Friedrich von Hagedorn (1708-1754): Gedichte, in denen Harmonie, Heiterkeit, Lebensfreude, Vergnügen zum Ausdruck kommen.

3.7. Die Empfindsamkeit

Wachsendes psychologisches Interesse, das z.T. auf den Einfluss des Pietismus zurückgeführt werden kann: Selbstbeobachtung und Selbstkritik. Bürgerlicher Gefühlskult mit deutlich erzieherischen Tendenzen: Dichtung als Erbauung und Lebenshilfe. Kult der Freundschaft und der Gefühle. Am wichtigsten der empfindsame Roman: gegenwartsnah, bürgerlich, moralisierend.

3.8. Drei Erneuerer der deutschen Dichtung

3.8.1. Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803)

Starke Betonung der Gefühle, ungewöhnliche Erlebnisfähigkeit, der Dichter als Seher und Prophet und die Dichtung als heiliger Beruf. Oden und Hymnen, z.T. in sogenannten freien Rhythmen. Im Epos Der Messias (1748-1773) eine noch nie gekannte sprachliche Dynamik. Erneuerung der dichterischen Sprache durch sprachliches Experimentieren. Klopstocks dichterische Sprache hat eine beinahe ekstatische Kraft und großen Phantasiereichtum. Großer Einfluss auf die zeitgenössische Dichtung. Besondere Bedeutung für den Sturm und Drang, der an Klopstocks Gefühlsbetontheit, seine Phantasie und seine Erlebnisfähigkeit anknüpft.

3.8.2. Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781)

Bedeutendster Vertreter der deutschen Aufklärung. Endgültige Überwindung der französischen Theatertradition. Shakespeares Dramatik als neues Vorbild. Glänzender Polemiker und Stilist.
Laookon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie (1766) behandelt das Verhältnis zwischen bildender Kunst und Dichtung: Die bildende Kunst ahmt die statische Natur nach, die Dichtung die transitorische Natur, d.h. dass die Dichtung das Statische in Handlungen auflösen muss.
Hamburgische Dramaturgie (1767-69): gegen das Theater des französischen Klassizismus gerichtet. Vom Drama werden echte, lebendige Menschen verlangt, mit denen wir uns identifizieren können, keine überlebensgroßen Helden oder Märtyrer.
Minna von Barnhelm (1767): Lustspiel, in dem Lessing lebendige, psychologisch glaubhafte Dramenfiguren zeichnet. Umkehrung der traditionellen Geschlechtsrollen: die junge Minna als tatkräftig und vernünftig dargestellt, ihr Verlobter, der Major von Tellheim, als unvernünftig und handlungsunfähig.
Emilia Galotti (1772): bürgerliches Trauerspiel, in dem die Frage nach der sittlichen Selbstbestimmung des Menschen gestellt wird. Kritik am fürstlichen Machtmissbrauch und am dekadenten Hofleben.
Nathan der Weise (1779): Ideendrama, in dem Lessings Vorstellungen von religiöser Toleranz zum Ausdruck kommen.

3.8.3. Christoph Martin Wieland (1733-1813)
Wichtigster Romanschriftsteller der deutschen Aufklärung. Psychologische Motivierung des menschlichen Verhaltens. Seine Romane und Epen spielen im antiken Griechenland, das Geschehen lässt sich jedoch auf deutsche Verhältnisse übertragen: Kritik am Spießbürgertum.

3.9. Spätaufklärung
Aufklärerische Ideen blieben lange lebendig, vor allem in Berlin, was z.T. als eine Gegenbewegung zur übersteigerten Empfindsamkeit betrachten werden kann.

4. Zusammenfassung
Bürgerliche Emanzipationsbewegung, Befreiung von den Konventionen einer durch die Aristokratie dominierte Gesellschaft. Kult der Gefühle und der Freundschaft. Glaube an die Vernunft: die Menschen sind denkende, d.h. mit Vernunft begabte Wesen. Erziehung, Nutzen, Optimismus. Eine Lebenshaltung, die jedoch auch die Gefahr läuft, oberflächlich und selbstgefällig zu werden.