Sturm und Drang


DER STURM UND DRANG (1770-1785)

1. Begriffsbestimmung

Vorwiegend eine Bewegung der Jugend, die sich gegen überlieferte Normen richtet. Suche nach Freiheit in dreifachem Sinne: politisch-soziale Freiheit, ethische Freiheit und ästhetische Freiheit. Bekämpft die Verstandesbetonung der Aufklärung.

1.1. Geniezeit und Gefühlskult

Kult des Originalgenies, das an keine Regeln gebundene Genie. Knüpft z.T. an Klopstocks Gefühlssprache und Gefühlsintensität an.

1.2. Kulturkritik

Gegen jede einengende Regelgebung, das Originalgenie betrachtet die Regeln als Krücken für die Kranken.

1.3. Gesellschaftskritik

Deutliche soziale Tendenz, lebhaftes soziales Engagement, Kampf gegen soziale Missstände.

1.4. Begriff der Nation/Volksdichtung

Dichtung als Ausdruck einer Nationalindividualität (Volksseele), Entdeckung und erste Beschäftigung mit der Volksdichtung.

2. Anreger

2.1. Johann Georg Hamann (1730-178[smiley: cool]

Betonung des Intuitiven: die intuitiven, unmittelbaren Gefühle sind wichtiger als wissenschaftlich fundierte Reflexionen. Betont als erster die Gefühlswelt des einfachen Volkes. Ruf nach Naturlebendigkeit und echten Empfindungen.

2.2. Johann Gottfried Herder (1744-1803)

Kann als eigentlicher Vater der Epoche betrachtet werden. Betont die Bedeutung des eigenen Volkes, des Mutterbodens, für die Dichtung: Nationalindividualität und Volksseele. Fordert von der Dichtung die Ursprünglichkeit, die man in Volksliedern findet. Sucht durch Bestrebungen, das Volkslied wiederzubeleben, das Einfache und Unmittelbare.
Von deutscher Art und Kunst (1773). Vorbilder: Shakespeare; Percy: Reliques of Ancient English Poetry (1765); Machperson: Ossian (1760-63).

3. Dichtung

3.1. Der Göttinger Hain

Gegründet 1772. Freundschaftskult, Patriotismus, Freiheitsdrang, Sinn für deutsche Vergangenheit, Naturnähe. Starkes empfindsames Element (Klopstock als Vorbild). Wichtige Dichter: Johann Heinrich Voss (1751-1862): wirklichkeitsnahe und volkstümliche Dichtung; Ludwig C. H. Hölty (1748-1776): Empfindungs- und Naturlyrik.

3.2. Die deutsche Kunstballade/Gottfried August Bürger (1747-1794)

Bürgers Lenore (1773) wird als die erste deutsche Kunstballade betrachet. Dieser Ballade liegt ein weit verbreitetes Motiv aus der Volkssage zugrunde: der tote Geliebte, der zurückkehrt, um seine Braut mit ins Grab zu nehmen.

3.3. Der junge Goethe

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Der junge Goethe muss als der einflussreichste Dichter der Epoche betrachtet werden.
Lyrik: Sesenheimer Lieder 1770/71: Dichtung als Selbstaussage (persönliche Erlebnisse als Ausgangspunkt der Dichtung), Einflüsse vom Volkslied.
In den großen Hymnen (z.B. Prometheus und Ganymed) Verherrlichung des Genies in freien Rhythmen.
Dramatik: Götz von Berlichingen (1773): Verherrlichung des Kraftkerls, Götz als Selbsthelfer. Freheitssehnsucht. Auflösung der traditionellen dramatischen Form. Vorbild für eine Menge von Ritterdramen.
Urfaust (Niederschrift wahrscheinlich um 1774, erst 1884 in einer Abschrift entdeckt). Die Problematik und der Charakter Fausts entsprechen schon hier den späteren Fassungen (vgl. unter Klassik).
Epik: Die Leiden des jungen Werthers (1774): der konsequenteste Ausdruck des empfindsamen Subjektivismus. Der Untergang eines Menschen, der sich der Unbedingtheit seiner Gefühle hingibt.

3.4. Dramatik

Michael Reinhold Lenz (1751-1792): Der Hofmeister (1774), Die Soldaten - sozialkritische Tendenz.
Heinrich Leopold Wagner (1747-1799): Die Kindermörderin (1776). Das Schicksal der Kindermörderin beliebtes sozialkritisches Sturm-und-Drang-Motiv (vgl. auch Goethes Faust).
Friedrich Maximillian Klinger: Die Zwillinge: Brudermordmotiv; Sturm und Drang: die Epoche hat nach diesem Drama ihren Namen erhalten.

3.5. Der junge Schiller

Friedrich von Schiller (1759-1805)
Die Räuber (1780): Auflehnung gegen die entartete menschliche Gesellschaft und ihre Gesetze, der Räuberhauptmann, der sich an seinem Jahrhundert rächen will.
Kabale und Liebe (1784): bürgerliches Trauerspiel, in dem u.a. die Standesunterschiede und die Fürstenwillkür behandelt werden.

4. Zusammenfassung

Hauptsächlich eine Bewegung der Jugend, die sich gegen die übertrieben verstandesmäßige Haltung der Aufklärung richtet und die durch die Entfesselung der Phantasie und der Gefühle einen neuen Zugang zur Wirklichkeit und zur Dichtung sucht. Deutliche sozialkritische Tendenz.