Die deutsche Klassik


Die deutsche Klassik


1. Einleitung

Im engeren Sinn umfasst die Klassik den Zeitraum von Goethes italienischer Reise bis zu Schillers Tod (1786-1805). In dieser Übersicht wird Klassik umfassender verstanden, nämlich Goethe und Schiller nach dem Sturm und Drang. Im Allgemeinen werden nur Goethe und Schiller als "Klassiker" betrachtet, aber es muss betont werden, dass die Jahre zwischen 1775 und 1830 als eine Blütezeit der deutschen Kultur zu betrachten sind.

Für das Verständnis der Klassik sind die Gedanken Johann Joachim Winkelmanns (17717-176[smiley: cool] von entscheidender Bedeutung. Antike und Griechentum werden als Vorbild für das moderne Leben und die moderne Kunst betrachtet: "Das allgemeine Kennzeichen der griechischen Meisterstücke ist eine edle Einfalt und stille Größe." Das Griechenbild Winkelmanns ist eine wichtige Voraussetzung für das Bildungs- und Humanitätsideal der Klassik: Forderung nach harmonischer Einheit und Ganzheit der Persönlichkeit.

2. Goethe

2.1. Erstes Weimarer Jahrzehnt (1775-1786)

Allmähliche Überwindung der Lebenshaltung der Sturm-und-Drang-Zeit: Wendung zu einer ruhigeren und harmonischeren Lebenshaltung. Pflicht ist wichtiger als Rebellion, dauernde Freundschaft wichtiger als kurzlebige Leidenschaft.
Urfassung mehrerer Dramen (vgl. 2.2.).
Die Änderung in der Lebenshaltung wird zunächst vor allem in der Lyrik sichtbar, z.B. "Wandrers Nachtlied", "An den Mond", "Grenzen der Menschheit" (eine für den allmählichen Wandel in Goethes Lebenshaltung charakterische Überschrift).
Naturhafte, geheimnisvolle Balladen, z.B. "Erlkönig".
Beginnendes naturwissenschaftliches Studium (Naturforschung statt Naturerelebnis).

2.2. Erste italienische Reise und die Zeit danach 1786-1794

Die italienische Reise war für Goethe in mancher Hinsicht eine Reise zur Quelle der europäischen Kultur. Überwindung des Subjektiven durch die Begegnung mit der zeitlosen Kunst und Kultur der Antike.
Egmont (1775/1787). In diesem Trauerspiel ist die Hauptfigur immer noch mit den Sturm-und-Drang-Gestalten verwandt, aber eine deutliche Bändigung des Stils macht sich bemerkbar.
Iphigenie auf Tauris (1779/1787). In diesem Schauspiel lässt sich Goethes Weg zu einer neuen Lebenshaltung deutlich beobachten: Glaube an die humanistischen Möglichkeiten der menschlichen Natur, Betonung der Harmonie und der Menschlichkeit, Lösung der Konflikte durch Mut zur Wahrheit.
Torquato Tasso (1789) - Tragödie eines Menschen, der sich nach dem Absoluten, Vollkommenen sehnt. Hinweis auf die Bedeutung der Selbstbeschränkung: Auch der schöpferische Mensch muss sich in die bestehende Ordnung der Gesellschaft einfügen.

2.3. Die Freundschaft mit Schiller (1794-1805)

Für die künstlerische und persönliche Entwicklung Goethes von der größten Bedeutung.
Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795/96) - Entwicklungs- und Bildungsroman, wichtigstes Werk dieser Periode. Überwindung des zügellosen Individualismus der Jugendzeit durch Hingabe an das tätige Leben und seine Pflichten: Bildung zur Gemeinschaft.
Unterhaltung deutscher Ausgewanderten (1795) - Novellensammlung. Ausgangspunkt für die Entwicklung der deutschen Prosanovelle des 19. Jahrhunderts.
Hermann und Dorothea (1796/97) - Gegenwartsepos in Hexametern. Antike Form mit zeitgenössischem Inhalt. Leben in der Kleinstadt: die bewahrenden Kräfte der bürgerlichen Ordnung werden dem Chaos der Revolution gegenübergestellt.
"Balladenjahr" (1797) - Entstehung einer Reihe von Balladen. Auch bei Goethe eine stärkere Betonung des Gedanklichen und Weltanschaulichen.

2.4. Der späte Goethe (1805-1832)

Faust I (180[smiley: cool]. Durch Schillers Anregung hatte Goethe die Arbeit an der Faustdichtung wieder aufgenommen. Volkstümlicher Stoff, aber allgemein menschliche Thematik: der nach Erkenntnis suchende Mensch, das Schicksal des Individuums Faust als repräsentatives Schicksal des Menschen überhaupt.
Die Wahlverwandschaften (1809) - Eheroman. Durch Entsagung und Pflicht werden Leidenschaften überwunden, die die menschliche Harmonie bedrohen.
West-Östlicher Divan (1819) - Gedichtsammlung. Lebensweisheiten des alten Goethe in orientalisch inspirierter Form.
Faust II (1832) - z.T. schwer zugängliche Weiterführung von Faust I. Am Ende die schon durch den Anfang der ganzen Faustdichtung angedeutete Erlösung Fausts.

3. Schiller

3.1. Don Karlos (1787) - Kritik des Despotismus, aber z.T. Überwindung des Sturm-und-Drang-Stils (Blankvers). Nähert sich dem klassischen Ideendrama: Forderung nach Gedankenfreiheit.

3.2. "Studienjahre" (1788-99)
Geschichtliche, philosophische und ästhetische Studien und Schriften.
Über Anmut und Würde (1793) - Versuch, den für Immanuel Kant charakteristischen Gegensatz zwischen "Pflicht" und "Neigung" zu überwinden. "Anmut": ein Zustand der Harmonie, für den der Zusammenfall von äußerem Sittengesetz und innerer Neigung charakteristisch ist. "Würde" zeigt der Mensch, wenn er die Neigungen, die mit den Forderungen der Pflicht nicht übereinstimmen, überwindet.
Über das Erhabene (1793) - Schillers Theorie des Tragischen. Der "erhabene" Untergang eines Menschen, der es wählt, dem Sittengesetz, der Pflicht zu folgen (nach ursprünglicher Verkennung dieses Sittengesetzes).
Über naive und sentimentalische Dichtung (1795/96) - über das Wesen alter und neuer Dichtung und verschiedener Dichtertypen. Naiv und sentimental sind die Grundmöglichkeiten des Dichtens abhängig von der Zeit und der persönlichen Veranlagung; "naiv" = unbewusst, naturnah, "sentimental" = ideengebunden, die natürliche Harmonie nur noch als Gegenstand der Sehnsucht und der idealischen Gestaltung.
Ideenlyrik - Kunst als Führerin und Bildnerin des Menschen. Maß und Würde, Freiheit und Schönheit als Ziele des Menschen.
Balladen (vorwiegend 1797/9[smiley: cool] - auch ideenbeherrscht. Entfernung von der Naturnähe und Dämonie der volkstümlichen Ballade.

3.3. Die Zeit der klassischen Dramen 1799-1805

Wallenstein (1799) - Dramentrilogie. Neuer ruhiger dramatischer Stil. Der Mensch, dessen Größe, Würde im Untergang am größten ist.
Maria Stuart (1800) - analytisches Drama. Selbstüberwindung und Läuterung Marias im Tod. Die Geschichte als bloßer Hintergrund eines allgemein menschlichen Geschehens.
Die Jungfrau von Orleans (1801) - auch hier Läuterung durch Selbstüberwindung. Verherrlichung des gerechten Kampfes für das Vaterland.
Die Braut von Messina (1803) - Tragödie nach antikem Vorbild (mit Chor). Höhepunkt der antikisierenden Tendenzen der Klassik.
Wilhelm Tell (1804) - Wendung zu einem volkstümlichen Stoff. Wilhelm Tell als Repräsentant des ganzen Volkes, indem er seine eigene Freiheit und die des Volkes erkämpft.

4. Zusammenfassung

Die Klassik als Versuch, das Typische, allgemein Gültige, llgemein Menschliche dichterisch zu gestalten. Ruhe und Harmonie der Persönlichkeit als Ziel (geht auf das antike Menschenideal der Griechen zurück). Antiker Stil und antike Lebensanschauung als Führer zu einer wesenhaften Menschendarstellung. Kein Streben ins Maßlos (wie im Sturm und Drang), sondern Vollendung in der diesseitigen Welt. Geschlossene, streng aufgebaute Dichtungen (an sich die äußere Form des klassischen Weltbildes).