Semesterarbeit zu Monika Maron: Stille Zeile Sechs
Das Thema dieser Semesterarbeit ist der Grundkonflikt des Romans Stille Zeile Sechs und wie er sich in der Hauptfigur spiegelt. Dabei werden auch einige wichtige Elemente des Aufbaus und der Erzählweise dargestellt.
Der Roman erschien 1991 und gehört zur sogenannten Wendeliteratur, das heißt die Literatur, die sich mit Themen befasst, die im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung von besonderem Interesse sind. Vor allem Autoren und Autorinnen der ehemaligen DDR sind bei diesem Stoff repräsentiert, und Monika Marons Roman Stille Zeile Sechs ist ein treffendes Beispiel dafür, indem er eine Auseinandersetzung mit dem System der DDR vorführt.
Der Grundkonflikt wird anhand einer Erzählung, die in der letzten Zeit der DDR spielt, präsentiert. Zwei unterschiedliche Auffassungen des politischen und gesellschaftlichen Systems in der DDR bilden die Grundlage des Konfliktstoffs, und kommen vor allem zum Ausdruck in dem Verhältnis zwischen zwei Personen, die zugleich zwei Generationen vertreten, und deren divergierenden Ansichten und Verhaltensweisen. Eine in der DDR geborene und aufgewachsene Historikerin, aus der sogenannten "Nachgeborenengeneration", protestiert gegen das totalitäre System, so wie es sich in der DDR gestaltete, während ein alter Mann, ein ehemals mächtiger Funktionär, sich dafür einsetzt, seine eigene Rolle als Befürworter und aktiv wirkender Verfechter dieser Gesellschaftsform zu rechtfertigen.
Der Protest der Hauptfigur, Rosalind Polkowski, richtet sich zwar zum Teil gegen das politische System und dessen Vertreter, aber der Roman darf nicht nur als eine gesellschaftskritische Geschichte gelesen werden. Die Geschichte ist eher als Kritik gegen Unterdrückung im allgemeinen Sinne zu verstehen. Als Rosalind von dem alten Bonzen Beerenbaum gefragt wird, wer sie in der Nazizeit gewesen wäre, antwortet sie, "Vielleicht wäre ich Kommunist geworden." Diese Aussage deutet darauf hin, dass wir es mit einer Person zu tun haben, die ständig einer Oppositionsrolle zu spielen hat, weil sie sich als Individuum nach der Freiheit sehnt. Die Frage von der Freiheit wird auch in anderen Bereichen sichtbar, u.a. im Verhältnis zur Elterngeneration (Vater) und zur "Männerwelt" und zum Bildungshochmut (ihr Freund Bruno).
Die Hauptperson ist von Eltern aufgezogen worden, die sich als pflichttreue Vertreter des sozialistischen Staates betrachtet und zum Aufbau und zur Förderung des Systems beigetragen hatten, was sie selbst auch anfangs tut (jedoch wahrscheinlich weniger idealistisch als die Elterngeneration) als sie tagtäglich ihre Arbeit in einer Forschungsstätte nachgeht. Eines Tages wechselt aber ihre äußerliche Gewissenhaftigkeit in einen Widerwillen, der sich nicht mehr unterdrücken lässt. Rosalind kündigt, und wir erfahren, dass sie sich dafür entschlossen hat, "nicht mehr für Geld zu denken". Sie zieht sich zurück, mit dem Vorsatz, ihr eigenes Leben ganz nach den eigenen persönlichen Wünschen und Interessen einzurichten. (Dies ist übrigens ein charakteristischer Zug der Thematik Marons - eine Heldin, die sich der Auseinandersetzung mit der realen Welt entzieht.) Auf diese Weise kommt ihr Protest zunächst zum Vorschein.
In der privaten Sphäre eingeigelt, setzt sie sich dann (durch Individualismus gekennzeichnete) Ziele verschiedener Art, zum Beispiel das Klavierspiel zu erlernen, was auch an sich in gewisser Hinsicht als Protest gedeutet werden kann, weil ihre Eltern ihr als Kind diesen Wunsch abgelehnt hatten, möglicherweise weil sie eine solche Fähigkeit als bürgerlich, und daher nicht mit den sozialistischen Idealen vereinbar, beurteilten. Dass die Erwartungen, die sie in die neuen Möglichkeiten ihres Lebens setzt etwas übertrieben und unrealistisch sind, sieht man am deutlichsten an ihrem Vorhaben, die Rezitative der Oper "Don Giovanni" ins Deutsche zu übersetzen - ohne die Ausgangssprache zu beherrschen, und sogar ohne Opern zu mögen. Hier geht es um ihre eigene persönliche Freiheit "Der Erfolg wie der Mißerfolg erschienen mir gleichermaßen verlockend, zumal mein Interesse ausschließlich spielerischer Natur war, unverdorben durch professionellen Ehrgeiz oder durch Zwang." (S. 3
Das dritte Projekt, dem sie sich widmen will, besteht in einem Studium des deutsch-jüdischen Schriftstellers Ernst Toller, der bekannt wurde für seinen Bemühungen, seine humanitären und sozialistischen Ideale in die Praxis umzusetzen, indem er sich unter anderem mit politischen Fragen des Pazifismus, des Rechtsradikalismus und der Menschenrechte beschäftigte. Diesen Plan verwirft Rosalind aber, nachdem er von ihrem Freund Bruno missbilligend als Ausdruck ihrer "eigenen aktionistischen Sehnsüchte" und als Trost gegen die Untätigkeit ihres neuen Daseins bezeichnet wird.
Die Ziele, die sie sich in der Privatsphäre gesetzt hat, sind schwer durchzuführen, aber vielleicht gerade aus diesem Grund bezeugen sie zweckmäßig den starken Willen der Hauptperson, sich von einem erstarrten Muster zu befreien. Sie will die Freiheit, und sucht sie in Herausforderungen geistiger und intellektueller Art, und zwar solchen Aktivitäten, die sich in erster Linie auf der individuellen, privaten Ebene verwirklichen lassen. Durch die Abkehr der Hauptfigur vom Berufsleben und von der aktiven Teilnahme am Gesellschaftsleben im totalitären Staat wird hier die Freiheit der Gedanken betont.
Rosalinds Protest nimmt schärfere Formen an, als sie Herrn Beerenbaum, einen alten Bonzen, kennenlernt. Der Konflikt zwischen den beiden wird schon ganz früh im Roman angedeutet, und zwar als Rosalind sich zum erstenmal mit Herrn Beerenbaum unterhält, oder sogar noch früher, als sie ihn beobachtet und sich über ihn Gedanken macht. Sie findet ihn gar nicht sympathisch wegen seines altmännerlichen Aussehens und Benehmens, und sie bemerkt, wie diese Art von Abneigung gelegentlich in "unbezähmbare Hassgefühle" (S. 15) münden konnte. Das Verhältnis zum Herrn Beerenbaum trägt dazu bei, dass die Frustrierung und die Ansichten der Ich-Person deutlich zum Vorschein kommen, denn Beerenbaum verkörpert sowohl das System als auch die Elterngeneration. Dass Rosalind auf Beerenbaums Vorschlag eingeht, ihm mit seinen Memoiren zu helfen, mag, angesichts ihres starken Widerwillens, unlogisch sein, aber es ist zugleich ein Zeichen dafür, dass sie ein Bedürfnis nach Aufschluss über die Vergangenheit und ihre eigenen negativen Gefühle hat, um diese endlich besser verstehen und bewältigen zu können.
Die Darstellung der Treffen zwischen Rosalind und Beerenbaum gibt dem Leser einen guten Einblick in den Konflikt und die Reaktionen der Hauptfigur. Zuerst gelingt es Rosalind, sich neutral zu verhalten, und dabei nur ihre Hände in der Arbeit mit Beerenbaums Memoiren zu nutzen und nicht ihre Gedanken. Aber nach und nach wird es unmöglich: Es wurde ihr "von einem Treffen zum anderen schwerer, ihm nicht zu widersprechen." (S. 59) Diese Entwicklung geht ihren Gang, und steigert sich, von kleinen, kaum vernehmbaren, Gemütsbewegungen ("ein leichtes Stöhnen"), über Wutanfälle, bis hin zur erdachten Torturszene, in der Rosalinds Wut als physische Gewalttaten zum Vorschein kommt.
Es gibt aber im Roman auch andere Szenen, die von Ruhe und Nachdenklichkeit gekennzeichnet sind, in denen die Freiheit von der Hauptfigur thematisiert wird. Die Hinweise auf Tiere sind zahlreich, Beispiele dafür sind u.a. Rosalinds Beschreibung der Katzen draußen auf dem Rasen vor ihrem Küchenfenster, die frei sind, weil sie sich niemandem zu unterwerfen haben, im Gegensatz zu ihr selbst, eine Person, die sich in ihrem Beruf "eingesperrt" und entmutigt, sogar entmündigt, fühlt. Ähnliche Gefühle hegt sie gegenüber der Männerwelt, wie zum Beispiel in der surrealen Szene im Wohnzimmer mit den fünf schwarzen Sesseln, die sie als "fünf als schwarze Sessel verkleideten, kopflosen Männer[n]" beschreibt. Dass sie sich sie als "kopflos" vorstellt, ist vielleicht als Wunschdenken zu verstehen, denn kopflosen Gestalten ist ja die Fähigkeit zum Sprechen entzogen. Im Gegensatz zu diesen schwarzen, bedrückenden Erscheinungen des Männlichen, wird dann die schöne, leichte Blume, die "Cosmea" (und nicht bei ihren korrekten, maskulin klingenden Namen Cosmos) genannt wird, als etwas Positives empfunden. Diese traumhafte Szenen können als Ausdruck der Suche nach Selbständigkeit, Glück und Schönheit ausgelegt werden.
Die Hauptperson reagiert also auf viele verschiedene Weisen, am Anfang durch Ohnmacht und Passivität (S. 24: "Den Rest des Tages verbrachte ich im Bett."), dann durch Unternehmungslust (vgl. ihre großzügigen Pläne für das Privatleben), später durch schwere Auseinandersetzungen mit Beerenbaum, die ihre destruktiven Seiten zu erkennen lassen. Wie oben erwähnt, spielt auch ihre Phantasie eine wichtige Rolle.
Die Gedanken der Hauptfigur kommen überhaupt gut zum Vorschein. Der Roman ist in der Ich-Form geschrieben, und diese Form verschafft hier eine Nähe zum Erzählten, und verleiht der Erzählung Glaubwürdigkeit. Obwohl der Ich-Erzähler in fiktionalen Texten bekanntlich nicht mit dem Verfasser identisch ist, können wir, mithilfe der biographischen Informationen über die Autorin, in diesem Fall außerdem davon ausgehen, dass der Autorin und der Erzählerin vieles gemeinsam ist.
Die Erzählerin berichtet nicht nur von sich selbst, den Ereignissen und den anderen Figuren der Erzählung, sondern sie nimmt auch Stellung. Sie beschreibt die Momente, die sie für belangvoll hält, ziemlich genau; die physischen Umgebungen, die Leute, die wichtige Rollen in dieser Geschichte spielen. Dabei treten auch ihre eigenen Urteile und Gefühle deutlich hervor, und sie kommentiert das Geschehen. Eine solche Erzählweise bewirkt hier, dass der Leser sich gut in die Situation der Erzählerin hineinversetzen kann und folglich Sympathie für sie empfinden kann. Auf der anderen Seite bekommt man als Leser wenig von den Gedanken der anderen Figuren zu erfahren, denn die Erzählperspektive im Roman ist die der Außensicht.
Gegen Ende der Erzählung, beim letzten Treffen zwischen Rosalind und Herrn Beerenbaum, findet ein Wechsel in der Erzählform statt, und zwar in die dritte Person. Die Erzählerin beschreibt selbst zuerst die Komplexität der als eine Art Höhepunkt zu bewertenden Szene: "Ich weiß es so genau, als hätte ich diese Minuten zweifach erlebt, als Zuschauerin und als Akteurin. Und eigentlich war ich sogar dreifach dabei, denn auch als Akteurin war ich geteilt, in eine, die etwas tat, und eine andere, die etwas zu tun wünschte." (S. 204205) So erhöht sich die Spannung, und später in dieser Szene werden sogar die beiden Erzählformen gleichzeitig benutzt (S. 208: "und dann erkannte auch ich den Todesschrecken auf seinem Gesicht."; "Rosalind sah die ihr entgegengestreckte Hand"; "Als ich endlich verstand, daß sie nichts tun würde, um ihn zu retten, fand ich meine Stimme wieder." Auf diese Weise wird das Chaos deutlich erkennbar, zusammen mit dem Konflikt (der Gefühle), der sich (auch) im Inneren der Erzählerin abspielt.
Was den Aufbau des Romans betrifft, ist er recht kompliziert und vielschichtig. Als Basis fungiert die Rahmenerzählung, die innerhalb eines sehr begrenzten Zeitraums spielt, nämlich am Tag der Beerdigung von Beerenbaum. Die Symbolik ist wirkungsvoll ein Ereignis dieser Art fordert zum Nachdenken auf. Rein konkret handelt es sich um ein Begräbnis, aber symbolisch kann es auch als das Ende einer Epoche oder eines Staates interpretiert werden.
Diese Rahmenerzählung umschließt mehrere kleinere Geschichten und Episoden, die in Form von Rückblicken auf die nahe und ferne Vergangenheit den Hintergrund des Konflikts erhellen. So entsteht eine Reihe von "Räume", die jeweils ihren eigenen "Welten" zugeordnet werden können die "Oberwelt", d.h. Rosalinds Verhältnis zum Herrn Beerenbaum, zum Vater und zum Beruf; die "Privatwelt", d.h. ihre Sehnsucht nach Freiheit (das "Katzenleben"), die Klavierlehrerin Thekla; die "Unterwelt", d.h. die Vorgänge in der Kneipe. Auf allen diesen Ebenen lässt sich das thematische Gegensatzpaar Freiheit vs. Unterdrückung identifizieren.
Die Rahmenerzählung wird im Präteritum dargeboten, mit Ausnahme von der im Präsens gehaltenen allerletzten Szene. Nach den vielen Rückblenden, den schweren, peinigenden Auseinandersetzungen, gelangt die Erzählerin endlich ans "Ziel": "Ich lasse den Sand langsam durch meine Finger auf den Sarg rieseln. Es ist vorbei." (S. 215) Der Tempuswechsel in die Gegenwartsform verspricht neue Möglichkeiten, einen neuen Anfang. Trotzdem ist die Stimmung keineswegs optimistisch. Es werden keine eindeutigen Lösungen geboten die Enttäuschung der Erzählerin lässt sich nicht verleugnen: "Und alles ist wie vorher." (S. 216) Als Leser können wir diese Aussage kaum annehmen, aber ihr Anspruch auf Subjektivität bleibt unbestritten.
Quellen:
Maron, M.: Stille Zeile Sechs. 1991 S. Fischer Verlag (Fischer Taschenbücher 11804)
Franke, Eckhard: Monika Maron, in: Arnold, H.L. (Hg.): Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur KLG
Gutzen, D. et al.: Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft. 1989 Erich Schmidt Verlag