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FRISCH: DER ANDORRANISCHE JUDE
AUFGABEN ZUM TEXT (Inhalt/Struktur):
1) Versuchen Sie die Erzählung, "Der andorranische Jude", als Beispiel der fiktionalen Erzählung zu charakterisieren. Nennen Sie die wichtigsten Gattungsmerkmale, und bestimmen Sie die Erzählsituation.
2) Kommentieren Sie den Tittel der Erzählung im Hinblick auf Wirkung und Thema. Was ist seine Wirkung auf den Leser? Was ist die Beziehung von Tittel und Thema?
3) Skizzieren Sie die Fabel der Erzählung. Was ist ihr Anliegen, formulieren Sie Stoff, Motiv und Thema der Erzählung?
4)Schreiben Sie die Erzählung um: 1) als Wirklichkeitsbericht (Zeitungsbericht), 2) aus der Perspektive Andris (Ich-ES).
NB!!! BITTE ZUERST UNTEN DIE DEFINITIONEN LESEN!
ZUR ERZÄHLTHEORIE:
ERZÄHLSITUATIONEN: Die auktoriale, die personale und die Ich-Erzählsituation
Die auktoriale Erzählsituation:
Charakteristisch ist die Anwesenheit eines persönlichen Erzählers, der sich durch Einmengung und Kommentare zum Erzählten kundgibt. Er ist aber nicht mit dem Autor identisch! Denn er weiß entweder weniger oder manchmal auch mehr als vom Autor zu erwarten wäre, er vertritt Meinungen, die nicht unbedingt auch die des Autors sein müssen. Er ist also eine eigenständige Gestalt, die ebenso vom Autor geschaffen worden ist, wie die Charaktere des Romans. Befindet sich als Mittelsmann der Geschichte an der Schwelle zwischen der fiktiven Welt des Roman und der Wirklichkeit des Autors. Die berichtende Erzählweise ist vorherrschend.
Die Ich-Erzählsituation:
Der Erzähler gehöhrt zur Welt der Romancharaktere. Er hat das Geschehen erlebt, miterlebt, beobachtet oder unmittelbar in Erfahrung gebracht. Die berichtende Erzählweise vorherr-schend (>> Briefroman, Tagebuchroman).
Die personale Erzählsituation:
Der Erzähler verzichtet auf seine Einmengung in die Erzählung und tritt so weit hinter den Charaktern des Romans zurück, daß seine Anwesenheit dem Leser nicht mehr bewußt wird. Dem Leser öffnet sich die Illusion, als befände er sich selbst auf dem Schaupatz des Geschehens oder er betrachte die dargestellte Welt mit den Augen einer Romanfigur, die jedoch nicht erzählt, sondern in deren Bewußtsein sich das Geschehen gleichsam spiegelt. Damit wird diese Romanfigur zur persona, zur Rollenmaske, die der Leser anlegt: Die Illusion der Unmittelbar-keit, mit welcher das dargestellte Geschehen zur Vorstellung des Lesers wird, ist als charakteristisches Merkmal der personalen Erzählsituation anzusehen.
Oppositionen der Erzählsituation:
Berichtende Erzählung >>> persönlicher Erzähler
oder Szenische Darstellung: 1) dramatisierte Szene: reiner Dialog, Dialog mit knapper Regieanweisung>>>unpersönlicher Erzähler 2) unkommentierte Spiegelung der dargestellten Wirklich-keit im Bewußtsein einer Romangestalt >>> Reflektor
Fragen: Wer erzählt? Erzähler oder Reflektor? Was ist die Position des Erzählers?
Herrscht Identität oder Nicht-Identität der Seinsbereiche des Erzählers und der Romancharaktere? Aussen- oder Innenperspektive?
Auktoriale Erzählsituation: Dominanz der Außenperspektive
Ich-Erzählsituation: Dominanz der Identität der Sinnesbereiche von Erzähler und Charakteren.
Personale Erzählsituation: Dominanz des Reflektor-Modus.
Erzähler-Figur oder Reflektor-Figur:
1)Erzähler-Figur: erzählt, berichtet, teilt mit, korrespondiert, referiert, bezieht sich auf ihr eigenes Erzählen, kommentiert das Erzählte, redet den Leser an.
(Prinzip: Mittelbarkeit)
2) Reflektor-Figur: reflektiert, spiegelt Vorgänge der Außenwelt in ihrem Bewußtsein wider, registriert, empfindet, nimmt wahr aber immer nur still-schweigend, denn sie "erzählt" nie. D.h. Sie verbalisiert ihre Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle nicht. Denn sie befindet sich nicht in einer Kommunikationssituation.
(Prinzip: Unmittelbarkeit)
ZEIT IN DER ERZÄHLUNG: ERZÄHLZEIT - ERZÄHLTE ZEIT:
Die Dauer des Erzählens (bzw. des Lesens) einer Geschichte nennt man Erzählzeit (Beispiele: Frischs "Der andorranische Jude" ca. 5 Minuten, Rathenows "Böse Geschichte mit gutem Ende" 10-15 Minuten). Die Erzählte Zeit ist die Dauer des Erzählten. (Beispiele: In Frischs und Rathenows Texten handelt es sich um mehrere Jahre.) Hier spricht man von zeitraffendem Erzählen. Wenn die beiden Zeiten ungefähr mit einander zusammenfallen, haben wir es mit zeitdeckendem Erzählen zu tun. (Beispiel: Borcherts Nachts schlafen die Ratten doch). Wenn die Erzählzeit länger ist als die Erzählte Zeit handelt es sich um zeitdehnendes Erzählen. Die Wahl der Zeitverhähltnisse sind Kunstgriffe, die bestimmte Wirkungen der Erzählung und Reaktionen beim Lesen der Erzählung hervorbringen.
(Franz Stanzel: Theorie des Erzählens, Göttingen 1979)
VERBFORMEN DER ERZÄHLUNG: fiktionale Erzählung - Wirklichkeits-bericht
Kennzeichnend für die fiktionale Erzählung ist das epische Präteritum. Das Geschehen ist jedoch nicht für den Leser "ver-gangen", es wird vielmehr als "gegenwärtig" erlebt. Der Leser ist auf den Fortgang (die Zukunft) gespannt. Ein weiteres Merkmal stellen die deiktische (verweisende) Zeitadverbien (jetzt, morgen, heute, gestern) dar: "Aber am Morgen hatte sie den Baum zu putzen. Morgen war Weihnachten".
In einem Wirklichkeitsbericht ist die entsprechende Verbform das historische Präteritum. Deiktische Zeitadverbien würden dort als sinnlos empfunden werden, und wären durch eine nicht-deiktische Adverbialkonstruktion zu ersetzen: "Am Tage danach hatte sie den Baum zu putzen...".
INHALTLICHE BEGRIFFE:
DIE FABEL: Inhaltserzählung, Handlungsgerüst. Die chronologisch-schematische Wiedergabe des Handlungsverlaufes (eines erzählbaren Werkes: Epik).
DER STOFF: Ein ausserhalb des dichterischen Werkes stehendes Element, das dem Dichter als Quellenmaterial dient. Der Stoff ist immer an bestimmte Figuren gebunden, und zeitlich-räumlich mehr oder weniger festgelegt. Stoffquellen: Material aus der Tradition mündlicher und schriftlicher Überlieferung, das dichterisch bearbeitet wird. Auch Zeitungsberichte und literarisher Stoff bilden vorgeprägte Fabel. Beispiel: Der Romeo und Julia-Stoff, die Geschichte des Jüngligs Romeo und des Mädchen Julia, die zu einer bestimmten Zeit in einer italienischen Stadt wohnen und ein bestimmtes Schicksal erleiden.
DAS MOTIV: Eine typische, bedeutende Situation, die sich immer wiederholen kann. Losgelöst von individueller Festlegung auf Zeit, Raum und Figuren schematisiert das Motiv eine konkrete Situation. Beispiel: Das Romeo und Julia-Motiv ist das Schema einer typischen Situation, nämlich die Liebe zwischen den Kindern von verfeindeten Familien (Dichterisch gestaltet von Shakespeare in: Romeo and Juliet, und von Gottfried Keller in: Romeo und Julia auf dem Dorfe). Weitere Beispiele: * Das Wiedererkennenmotiv, Wiederkennen durch das Zusammenpassen der zwei Hälften eines geteilte Ringes, oder durch den passenden Schuh (Märchenmotiv). * Das Brudermordmotiv, das Vatermordmotiv, das Heimkehrermotiv, der Mann zwischen zwei Frauen (Dramen- und Epikmotive)* Das Nacht-, Sonnenuntergang-, Mond-, Frühlingmotiv (Lyrikmotive)
DAS THEMA: Der Grundgedanke, die Idee eines Werkes, sein allgemeines Anliegen. Das Thema ist vom Motiv abstrahierbar. Während das Motiv eine konkrete, stoffliche Situation schematisiert, ist das Thema abstrakt, und bezeichnet den ideellen Bereich, dem sich das dichterishe Werk zuordnen läßt. Beispiel: Der liebende Mensch (in einer typischen Liebesgeshichte ist häufig das Motiv: der Mann zwischen zwei Frauen).
FRISCH: DER ANDORRANISCHE JUDE:
BEANTWORTUNG DER AUFGABEN:
1): Der andorranische Jude ist eine fiktionale Erzählung, weil darin das epische Präteritum vorherrschend ist. Man ist als Leser gespannt auf den Fortgang der Erzählung, auf die Entfaltung des Geschehns: man will wissen, wie die Erzählung endet. Ein Merkmal dieser epischen Erzählung ist das Wechseln der Verbformen: die Verbform wechselt zwischen Präteritum und Präsens. Präsens kommt vor, wenn der Erzähler das Geschehen kommentiert. Am Anfang heißt es nach dem ersten Satz (im epischen Präteritum) ("In Andorra lebte ein junger Mann, den Mann für einen Juden hielt"): "Zu erzählen wäre die vermeint-liche Geschichte seiner Herkunft, sein tägliger Umgang mit den Andorranern, die in ihm den Juden sehen. Beispielsweise ihr Mißtrauen gegenüber seinem Gemüt, das ein Jude, wie auch die Andorraner wissen, nicht haben kann. Er wird auf die Schärfe seines Intellekts verwiesen, der sich eben dadurch schärft, notgedrungen. Oder sein Verhältnis zum Geld, das in Andorra auch eine große Rolle spielt:". Darauf folgt wieder das epische Präteritum: "er wußte, er spürte, [...]". Einige Zeilen weiter wechselt die Verbform wieder zwischen Präteritum und Präsens, wenn der Erzähler den folgenden Kommentar macht: "Denn der Jude, auch das wussten die Andorraner, hat Vaterländer, die er wählt, die er kauft, aber nicht ein Vaterland, wie wir, nicht ein zuge-borenes, und wiewohl er es meinte, wenn es um andorranis-che Belange ging, er redete in ein Schweigen hinein, wie in Watte".
In einem Wirklichkeitsbericht kommt ein solches Wechseln der Verbformen nicht vor. Der Erzähler ist dort ein Berichter-statter (Reporter), der das historische Präsens verwendet. Seine persönliche und subjektive Kommentare werden durch die "objektiven" ersetzt. Wichtig ist dort nicht die Kunst des Erzählens, sondern den Bericht über das Geschehene, den Tatsachenbericht zu vermitteln. Es gilt vor allem das Geschehene zu rekonstruieren, darum ist der Leser in erster Linie auf die Enthüllung des Geschehenen nicht so sehr auf seine Entfaltung gespannt: Er will nicht nur wissen, wie es endet, sondern auch warum es dazu kam, also über die Ursachen des Geschehens Bescheid wissen.
Die Erzählsituation ist auktorial (Siehe Definition)
2):
FABEL: Ein junger Mann wird von den (anderen) Einwohner (s)eines Landes ausgestossen, weil sie glauben, daß er Jude, und daher ein anderer / (anders als sie) sei. Er kämpft vergebens, um als einer von ihnen / (den anderen) akzeptiert zu werden. Er gibt seinen Kampf um Vaterland und Zugehörigkeit auf, nimmt das fertige Bildnis wahr, das die anderen der Gemeinschaft - (die sich als die einen, "unsereiner", sehen) - von ihm / (dem anderen, dem "Juden") haben: er akzeptiert am Ende mit Stolz sein Anders-sein, und wird getötet. Wenn es sich später zeigt, daß er ein Findel-kind gewesen ist, spricht keiner (der anderen) mehr davon, jeder erkennt aber selber im Spiegel seine Züge des Judas.
STOFF: Die Judenverfolgung (und -Vernichtung des zweiten Welt-krieges).
MOTIV: Das Aussenseitermotiv.
THEMA: Menschliche Vorurteile als Angst vor dem Fremden/Anderen. [Oder: Die Dialektik (das "Streitgespräch"/ Gegensätzlich-keit der Rede- und Gegenrede) von Selbstbild und Fremdbild im Prozess der Identitätsbildung].
UND JETZT ZUM SCHLUSS BITTE DIE FOLGENDEN AUFGABEN ZUR TROPOLOGIE (TROPEN UND FIGUREN) BEANTWORTEN:
Kommentieren Sie kurz folgende Zitate aus der Sicht der Rhetorik, und beziehen Sie Ihren Kommentar auf das Thema der Erzählung:
** die Schärfe seines Intellekts ** sooft er das Wort in den Mund genommen, liessen sie es liegen wie eine Münze, die in den Schmutz gefallen ist ** er redete in ein Schweigen hinein, wie in Watte** eine Kluft des Verdachtes ** die Hitze der Leidenschaft ** die Kälte des Verstandes [...] als eine immer bereite Geheimwaffe seiner Rachsucht ** die Wärme des Vertrauens ** die Züge des Judas