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Süddeutsche Zeitung, 12.9.02
Die lieben Verwandten
Wie aus den Deutschen ein Volk von Nazi-Gegnern wurde
Nach den folgenden Umfrageergebnissen müsste die Geschichte des Nationalsozialismus neu geschrieben werden: 26 Prozent der damals erwachsenen Bevölkerung haben Verfolgten geholfen, 13 Prozent waren im Widerstand aktiv, 17 Prozent haben immer den Mund aufgemacht, wenn es darum ging, Unrecht beim Namen zu nennen. Außerdem war lediglich ein Prozent der Bevölkerung an Verbrechen beteiligt. Antijüdisch sind ganze drei Prozent gewesen.
So jedenfalls sieht die Geschichte des Dritten Reiches aus, wenn Bundesbürger nach den Einstellungen und Handlungsweisen ihrer Angehörigen gefragt werden. Die Zahlen entstammen einer repräsentativen Umfrage des Emnid- Institutes. Die Umfrage ergänzt eine Interviewstudie, für die die Angehörigen deutscher Familien zu ihren Erinnerungen an die NS-Zeit befragt wurden.
Die Untersuchungen für das Buch Opa war kein Nazi weisen auf eine dramatische Diskrepanz zwischen dem Familiengedächtnis und der Erinnerungskultur hin: Während im offiziellen Gedenken unablässig der Holocaust und die Verbrechen der Deutschen betont werden, kultiviert das Alltagsgedächtnis ein Bild, in dem Nazis die anderen, niemals aber Mitglieder der eigenen Familien sind. Besonders die Enkelgeneration deutet die in der Familie gehörten Geschichten um: zu Erzählungen vom alltäglichen Widerstand, vom couragierten Verhalten in gefährlicher Zeit. Die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung spielt im Familiengedächtnis nur eine marginale Rolle.
Auschwitz entsorgen
Mit der Repräsentativbefragung wird deutlich, dass das durchaus vorhandene Wissen über die Zeit des Nationalsozialismus sofort gegenstandslos wird, wenn Menschen über die Rolle ihrer eigenen Eltern oder Großeltern sprechen. Dann zeigt sich, dass die eigene Oma oder der eigene Opa offenbar alles daran setzte, das NS-Systems zu sabotieren. Entsprechend geben nur zwei Prozent an, ihre Angehörigen hätten den Nationalsozialismus als sehr positiv empfunden; vier Prozent glauben, die Haltung ihrer Eltern oder Großeltern sei eher positiv gewesen.
Ein solches Geschichtsbild ist keineswegs das Ergebnis mangelnder Schulbildung: Die Befragten mit Abitur oder Hochschulabschluss sind von der positiven Rolle ihrer Angehörigen am meisten überzeugt. Von dieser Gruppe glauben sogar 30 Prozent, ihre Eltern oder Großeltern hätten Verfolgten geholfen, und 15 Prozent wähnen ihre Angehörigen im Widerstand. Man muss sich das vorstellen: Mehr als ein Viertel der 80 Millionen Volksgenossen helfen Verfolgten! Da mussten die in Deutschland verbliebenen Juden alle Hände voll zu tun gehabt haben, um die Unterstützungsbedürfnisse ihrer Helfer zu befriedigen. Ein jüdischer Kollege kommentierte die Zahlen sarkastisch: Manche Juden sind so gut versteckt worden, dass man sie bis heute nicht wiedergefunden hat.
Parallel zu diesen Bildern von couragierter Widerstandsbereitschaft ist die Überzeugung verbreitet, dass die Angehörigen der Befragten zum einen viel im Krieg erlitten(65 Prozent), zum anderen aber auch Gemeinschaft erlebt haben (63 Prozent), was zeigt, dass Kernelemente der von der NS- Propaganda stilisierten Not- und Opfergemeinschaft bis heute nachklingen. Dokumentieren diese Zahlen ein Versagen der Geschichtsdidaktik? Nein, aber sie belegen, dass Aufklärung manchmal gerade dann unbeabsichtigte Folgen hat, wenn sie erfolgreich ist. Denn der Umstand, dass gerade die jüngeren Menschen in der Bundesrepublik Deutschland allen Umfragen zufolge über ein solides Wissen zu den nationalsozialistischen Verbrechen verfügen, sagt nichts darüber aus, welchen Gebrauch sie von diesem Wissen machen. Der Befund, dass desto mehr Widerständler in den Familien auftauchen, je höher der Bildungsstand der Befragten ist, weist darauf hin, dass kognitives Geschichtswissen und emotionale Geschichtsgewissheit zwei völlig verschiedene Dinge sind. Gerade wenn man gut über die Geschichte der nationalsozialistischen Verbrechen informiert ist, erhöht sich die subjektiv empfundene Notwendigkeit, Familiengeschichten zu verfertigen, in denen den eigenen Großvätern oder Großmüttern die Rolle der guten Deutschen zukommt.
In Anlehnung an eine Formulierung Ernst Blochs ließe sich sagen: was die Schule gemacht hat, war richtig, aber was sie nicht gemacht hat, war falsch. Falsch könnte die Überzeugung sein, dass aus dem Holocaust sinnvolle Lehren zu ziehen sind. Warum sollte ausgerechnet das grauenvollste Menschheitsverbrechen dazu geeignet sein, Ideale von Toleranz, Empathie, Egalität zu vermitteln, wo es selbst doch die krasseste Negation solcher Werte war? Falsch scheint auch die Fixierung auf die Vermittlung von kognitivem Wissen zu sein. Geschichtsbewusstsein umfasst mehr als das Speichern von Jahres- und Opferzahlen, und die emotionale Dimension von Vergangenheitsvorstellungen wird in der Geschichtspädagogik extrem unterschätzt. Besonders falsch wird diese Fixierung auf Wissensvermittlung, wenn damit zugleich ein moralisches, nicht kognitives Lernziel erreicht werden soll. Falsch scheint die Überzeugung, man müsse nur das Richtige sagen, dann würden die richtigen Schlüsse daraus gezogen. Dass politische und moralische Aufklärung nicht eine Frage von Wissen, sondern vor allem eine von gesellschaftlicher und schulischer Praxis sind, wird dabei übersehen.
Führende Vertreter des Erinnerungsdiskurses wie etwa Aleida und Jan Assmann haben die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, die kollektive Erinnerung an das Grauen würde zu einer pluralen Gedenk- und Erinnerungskultur führen zu einer Art negativer Identitätsbildung, die in einer Ethik der gemeinsamen Erinnerung von Tätern und Opfern positiv gewendet wird. Die Ergebnisse der Untersuchungen zu dem Buch Opa war kein Nazi deuten das Gegenteil an: dass nämlich eine deutsche Opfergeschichte zur dominierenden Vergangenheitserzählung werden könnte, die davon berichtet, dass auch die Deutschen unter den Nazis schwer gelitten haben, sich davon aber nicht abhalten ließen, für das Gute einzutreten.
Insofern wird die deutsche Erinnerungskultur vermutlich auf eine Entsorgung von Auschwitz hinauslaufen. Die Allgegenwart von Holocaust-Gedenkstätten widerspricht dem nicht. Wenn die Erinnerung in Denkmäler gegossen ist, wird sie bedeutungslos. Denkmäler, hat Robert Musil angemerkt, sind unsichtbar; sie stören den Verkehr nicht, der sie umfließt, ohne sie zur Kenntnis zu nehmen.
HARALD WELZER
Der Autor arbeitet als Sozialpsychologe am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen und ist Mitautor des Buches Opa war kein Nazi (Fischer Taschenbuch Verlag 2002).