Karens Arbeit über Fontanes IRRUNGEN WIRRUNGEN


Karen E. Jahnsen
Fernstudium
Mai 2000

Semesterarbeit über
Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen


Diese Semesterarbeit behandelt einige dichterische Mittel, die für den Autor des Romans "Irrungen, Wirrungen" (1888 erschienen) und für den vorliegenden Text typisch sind. Dabei werden die folgenden Elemente charakterisiert: Sprache, Motive, Symbole und Erzählsituation.

Ausgangspunkt einer solchen Erörterung kann eine Beschreibung des literaturgeschichtlichen Hintergrunds des Werks sein. Fontane gilt als einer der letzten großen Vertreter des Bürgerlichen Realismus, eine literarische Epoche, die sich von 1848 bis 1871 erstreckte. Für die Realisten dieser Periode ging es darum, in den literarischen Werken die Wirklichkeit, und zwar in erster Linie die äußerlichen Verhältnisse, genau und getreu, zur gleichen Zeit auf eine nüchterne und objektive Art und Weise, zu gestalten. Dies war auch Fontanes Anliegen, wie aus dem folgenden Zitat aus einer von ihm 1886 geäußerten Bemerkung zum Thema hervorgeht:

"Aufgabe des modernen Romans scheint mir die zu sein, ein Leben, eine Gesellschaft, einen Kreis von Menschen zu schildern, der ein unverzerrtes Wiederspiel des Lebens ist, das wir führen. Das wird der beste Roman sein, dessen Gestalten sich in die Gestalten des wirklichen Lebens einreihen [...]."

"Irrungen, Wirrungen" entspricht diesem Ideal und kann sowohl als Zeitroman wie auch Gesellschaftsroman bezeichnet werden. Im Roman wird also eine Geschichte erzählt, die sich auch tatsächlich ereignet haben könnte, und dies spiegelt sich in der Form des Romans wider. Es ist überdies nicht das "Was" des Erzählten, das Vorrang hat, sondern die Art der Darstellung, das "Wie", was ein Studium der oben genannten dichterischen Mittel um so interessanter erscheinen lassen sollte.

Was die Sprache des Romans betrifft, sieht man, dass der Autor eine sachliche Darstellungsweise bevorzugt hat, das heißt, es wird auf Sentimentalität und Poesie verzichtet. Stattdessen werden die Umgebungen und die Vorgänge durch weitgehend neutrale Wörter und ungekünstelte Ausdrücke geschildert. Die realistische Gestaltung des Geschehens wird außerdem dadurch gefördert, dass die Schauplätze mit ihren wirklichen Namen genannt werden: "Kurfürstendamm" (S. 3), "Lästerallee" (S. 33), "Wilmersdorf" (S. 54), "Hankels Ablage" (S. 65), "[Charlottenburger] Schlosspark" (S. 176). An diesen Kennzeichen ahnen wir vermutlich etwas von Fontanes früherer beruflicher Tätigkeit als Journalist, und seinen nur durch Recherche vor Ort zu erfüllenden Forderungen an Authentizität.

Ein anderes, verwandtes, Merkmal des sprachlichen Stils bildet Fontanes Vorliebe für Details, die bereits am Anfang der Erzählung zum Vorschein kommt. Die Beschreibung des heimatlichen Milieus einer der Hauptfiguren ist sehr genau und nachvollziehbar, was zur Unmittelbarkeit und Glaubwürdigkeit beiträgt. Der "Zauber des Details" ist auch an verschiedenen erzählerischen Feinheiten zu erkennen, u.a. schon am Titel des Romans "Irrungen, Wirrungen". Der Klangeffekt, der Reim, ist eine Wirkung, die übrigens auch bei anderen Werktiteln Fontanes auftritt. Beispiele hierfür sind "Es kribbelt und wibbelt weiter" (Titel eines seiner Gedichte) und "Fein Gespinnst, kein Gewinnst", der Titel, der ursprünglich für die Kriminalgeschichte "Unterm Birnbaum" geplant war.

Ein wesentliches Merkmal des Romans ist die Verwendung von Gesprächen, die u.a. die Handlung weiter tragen, Gesellschaftskritik und Zeitgeschichte enthalten und der Personencharakteristik dienen. Fontane lässt also die verschiedenen Figuren durch ihre sprachlichen Eigenartigkeiten hervortreten.

Lene vermeidet, im Gegensatz zu den anderen Figuren des Romans, Redensarten und floskelhafte Redewendungen: "[...] Es heißt immer, die Liebe mache blind, aber sie macht auch hell und fernsichtig." (S. 33) Von ihrer Hellsichtigkeit und Selbstironie zeugt ihr Antwort, als Botho sie fragt, welches Boot sie nehmen sollen: "Naturlich die Forelle. Was sollen wir mit der Hoffnung?" (S. 69)

Botho, dagegen, neigt zur Verwendung von Redensarten und Phrasen: "So jung kommen wir nicht wieder zusammen." (S. 60) In seinen Selbstgesprächen gebraucht er häufig kurze Sinneinheiten und Sätze: "Dacht ich's doch ... Ich weiß schon, eh' ich gelesen. Arme Lene." (S. 96); "Ob ich nun frei bin? ... Will ich's denn? Ich will es nicht. Alles Asche. Und doch gebunden." (S. 159) Die damals herrschende Mode in den oberen Ständen, französische Fremdwörter zu verwenden, kommt in den Konversationen mit Botho, der als Mann von der Welt natürlich das Französische beherrscht, zum Ausdruck: "Garçonschaft" (S. 47), "Nonchalance" (S. 173), "Suffisance" (S.179).

Käthe wird als schwatzhaft dargestellt und vom Erzähler sogar direkt als oberflächlich charakterisiert, indem "... sie die Kunst des gefälligen Nichtssagens mit einer wahren Meisterschaft übte." (S. 127) Ihre Neigung zum ständig wiederholten Gebrauch von bedeutungsarmen oder sogar inhaltslosen Wörter wie "komisch" und "reizend" kommt in den folgenden Aussagen zum Vorschein: "Kötzschenbroda? Zu komisch." (S. 110); "Nichts komischer als diese Männer" (S. 111); "Ich finde jetzt die Kleine reizender als die Mutter." (S. 140); "Seine Konversation war reizend, wenn man auch mitunter nicht wußte, wie man's nehmen sollte." (S. 173)

Frau Nimptsch, die Familie Dörr, der Wirt von "Hankels Ablage" und die Offiziersliebchen sind die "einfachen Leute", die die phrasenhafte Rede pflegen. Volksweisheiten und Sprichwörter machen einen wichtigen Einschlag ihrer Sprache aus: "[...] Aber der Mensch denkt un Gott lenkt, un heute rot un morgen tot." (S. 63); "[...].'Von nichts kommt nichts', sagt das Sprichwort und hat auch ganz recht [...]." (S. 77) Eng verbunden mit der Ausdrucksweise dieser Personen ist die lautliche Färbung durch die Verwendung von lokalen Ausdrücken im Berliner Dialekt: "Jott, so'n Hahn." (S. 11); "Eine düchtige Husche, ..." (S. 12); "Un son'n Knallerballer wie deiner, der is nich für jeden." (S. 20)

Eine nähere Untersuchung der Wortwahl und der daran angeknüpften Motive und Symbole ergibt viele interessante Hinweise zur Erschließung des Romans. Die Einleitung des ersten Kapitels ist mit Worten und Ausdrücken wie "Vorgärtchen", "zurückgelegen", "Zurückgezogenheit", "eigentliche Hauptsache", "versteckt" und "verborgen" versehen. Dies deutet darauf hin, dass etwas bis auf weiteres ausgespart, für den Leser unzugänglich, ist. Man fragt sich, was das sein möge, und warum es verborgen bleiben müsse, und wird also neugierig, wie sich die Handlung entwickeln wird. Die gleichen Worte bewirken auch eine Vorstellung von einem Kontrast, nämlich zwischen "Sein" und "Schein". Auf diese Weise wird ein Konflikt angedeutet.

Die drei Strukturelemente Kontrastierungen, Parallelisierungen und Wiederholungen sind von besonderer Bedeutung,denn die Struktur reflektiert die Thematik von "Irrungen, Wirrungen". Unter Kontrastierung versteht man hier eine Gegenüberstellung von Ungleichheiten (gegensätzlichen Motiven), was zur Statik führt. Parallelisierung heißt hier das Zusammenführen von Gleichheiten (Parallelgeschichten), wobei Dynamik erreicht wird. Durch Wiederholung derselben Motive (Leitmotivik) entsteht außer Einheit und Zusammenhang auch der Effekt der Kreisförmigkeit. Das Zusammenwirken dieser strukturellen Elemente zeichnet sich als eine unauflösbare Situation ab, nämlich die der Liebenden, die gegen die Normen der Gesellschaft verstoßen.

Die folgenden Gegensatzpaare sind Beispiele der Kontrastierung im Roman: Adel Arbeiterschaft; Licht Dunkel; Sonne Schatten; Vorne Hinten; Verdecken Entdecken; Stärke Schwäche; Eigentlich Uneigentlich; Einbildung Realität; Illusion Illusionslosigkeit; Traum Wirklichkeit. Das Effektmittel der Parallelisierung erkennt man in den Parallelgeschichten von Lene und Frau Dörr und Botho und Bogislav von Rexin. Die Leitmotivik besteht aus Motiven und Worten wie "Schloss", "Amor/Engel", "Kranz", "Immortellen", "Kette", "Strauß", "Sträußchen", "Band", "Gitter" und letztlich dem Liedtitel "Denkst du daran", alle Begriffe, die mit dem Thema übereinstimmen: etwas, was nicht mit der Realität in Einklang zu bringen ist ("Schloss" als ironische Beschreibung des Wohnhauses der Familie Dörr); Ehe ("Strauß"); Gebundenheit ("Band"); Hoffnung ("Immortellen" Unsterblichkeit); Hoffnungslosigkeit ("Kranz" Tod, ein trauriges Ende, Schicksal); Nostalgie, die Erinnerung an das verlorene Glück ("Denkst du daran").


Es gibt auch andere Motive, oder Leitbegriffe, die auf einer übergeordneten Ebene, im Roman sowie in der gesamten literarischen Produktion Fontanes von zentraler Bedeutung sind. Als erster von diesen Begriffen kann "Ordnung" aufgestellt werden, als Sammelbegriff für die in der Gesellschaft allgemein geltenden Spielregeln, die allerdings, wie es sich in "Irrungen, Wirrungen" ganz deutlich herausstellt, unter Umständen mit den Interessen des Einzelnen, mit dem persönlichen Glück, kollidieren. Fontane hat also das (individuelle) "Glück" als ein wichtiges Motiv auch in diesem Roman, wie in vielen anderen von seinen Werken, mit einbezogen. Dieser Begriff könnte zwar als Trivialmotiv aufgefasst werden, denn er richtet sich direkt an den einzelnen Leser und erweckt dessen Einfühlungsvermögen, und könnte somit auch Sentimentalität hervorrufen, ähnlich wie beim Lesen von Kitschromanen. Diese Wirkung wird doch vermeidet, indem keine billigen Scheinlösungen geliefert werden der Konflikt besteht weiterhin. Als eine mögliche Lösung wird jedoch "Mut" angeboten. Die Episode mit dem Hahn und dem Hund im Hinterhof ist in dieser Hinsicht als eine symbolische Schlüsselszene zu verstehen, in der der Charakter Bothos und sein an Mut fehlendes Verhalten mit der sogleich erbärmlichen und lächerlichen Feigheit des Hahns verglichen werden. Zu bemerken ist hier übrigens, dass diese Art des Erzählens für Fontane typisch ist, nämlich Beschreibungen von scheinbar nebensächlichen Vorgängen zu verwenden, um belangvolle Momente zu illustrieren.

Das reichhaltige Gebrauch von Symbolik kann auch mit den folgenden Beispielen noch weiter veranschaulicht werden: der Hase (im 14. Kapitel) als Symbol der Feigheit (Hinweis auf Bothos Mutlosigkeit); die Vögel in ihren Käfigen (S. 33) als Sinnbild der Menschen, die nicht imstande sind, aus der "Gefangenschaft" der gesellschaftlichen Normen auszubrechen (ein Bild, das hier im übrigen als eine Vorbedeutung fungiert); eine Ablage ("Hankels Ablage" im 11. Kapitel), wo man etwas wegstellt, vergisst die Liebe zwischen den beiden Hauptfiguren muss unterdrückt werden, aufhören, und die Landpartie nach Hankels Ablage leitet die Ende ihres Verhältnisses ein. Die Szene, wo Lene einen Strauß bindet (S. 71) hat ebenfalls eine symbolische Funktion: Lene lehnt es zuerst als unheilvoll ab, den Strauß mit einem Haar zusammenzubinden, weil sie das Sprichwort "Haar bindet" gelernt hat, tut es jedoch, weil Botho darauf besteht, und so weist die Szene auf das Ende hin. Ein Kreuz, das Botho im 14. Kapitel sieht, das Denkmal über dem im Duell gefallenen Berliner Polizeipräsidenten Hinckeldey, macht Botho wieder darauf aufmerksam, dass sein Verhalten als Adeliger einem Ehrenkodex unterliegt (er legt diese Situation selbst folgendermaßen aus: "Was predigt dies Denkmal mir? Jedenfalls das eine, daß das Herkommen unser Tun bestimmt. Wer ihm gehorcht, kann zugrunde gehn, aber er geht besser zugrunde als der, der ihm widerspricht." (S. 102)). Im 23. Kapitel wird auch Minerva erwähnt, eine römische Göttin, die u.a. mit Weisheit und hier auch mit Krieg verbunden wird "Weisheit" ist hier vielleicht eine Anspielung auf Bothos mutmaßlich "richtigen" Beschluss, das Liebesverhältnis zu Lene zu beenden, während der Anblick der Göttin mit dem Speer "bei Fuß" von Botho als ein mögliches Zeichen der Ruhe gedeutet wird.

Die Handlung in "Irrungen, Wirrungen" wird von einem persönlichen Erzähler vermittelt. Dieser Erzähler ist nicht gerade deutlich erkennbar, denn er hält sich fast die ganze Zeit im Hintergrund. Trotzdem kann man seine Anwesenheit eindeutig feststellen, und zwar im ersten Absatz des Romans: "Überhaupt schien sich nichts mit Absicht verbergen zu wollen, und doch mußte jeder, der zu Beginn unserer Erzählung des Weges kam, ...". Mit dem Personalpronomen "unserer" gibt sich der Erzähler als Beteiligter zu erkennen. Im Roman liegt also eine auktoriale Erzählsituation vor, für die die berichtende Erzählweise charakteristisch ist.

Wie in diesem Aufsatz anhand von Beispielen konkreter Textstellen nachgewiesen wird, stehen einem Autor verschiedene dichterische Mittel zur Verfügung, um bestimmte literarische und erzähltechnische Zwecke zu erfüllen. Der Roman "Irrungen, Wirrungen" von Theodor Fontane weist eine Vielfalt von interessanten Details dieser Art auf, besonders im Bereich der Leitmotivik und der Symbolik. Hinzu kommen Belege für eine Reihe von charakteristischen Zügen des realistischen Romans im Allgemeinen, und Fontanes Schreibweise im Einzelnen.


Quellen:
Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen. Reclam Universal-Bibliothek Nr. 8971
Martin Neubauer: Lektüre Durchblick. Mentor Verlag München
Bengt Algot Sørensen: Geschichte der deutschen Literatur. Verlag C. H. Beck