15.05.02


-- Start der Aufzeichnung: Mittwoch, 15. Mai 2002 7:15 Uhr Dreistadt-Zeit --


Else2 kommt.
Heinz-Peter ruft: "Hallo Else2!"
Else2 fragt verwundert: "hallo - ich bin die einzige da??"
Heinz-Peter sagt: "Tja, das verstehe ich auch nicht."
Heinz-Peter sagt: "Der Rekorder läuft übrigens schon."
Heinz-Peter sagt: "Laut Semesterplan haben wir ja heute Unterricht."
Heinz-Peter sagt: "Dass der Unterricht im modernen Deutsch abgesagt worden ist, hat man mir leider nicht mitgeteilt"
Else2 sagt: "hat vielleicht damit zu tun, dass es ab 17.30 keine Unterricht gab"
Heinz-Peter sagt: "Das ist schon einmaøl geschehen, aber es kamen trotzdem Studenten."
Tore_T kommt.
Heinz-Peter ruft: "Hallo Tore!"
Tore_T ruft: "Hallo!"
Tore_T fragt: "Es gibt also heute Unterricht?"
Heinz-Peter sagt: "Wir warten noch einen kleinen Augenblick."
Tore_T sagt: "ok"
Heinz-Peter fragt: "Warum sollte es heute keinen Unterricht geben?"
Else2 fragt: "ich glaube Solfjeld unterwegs war?"
Heinz-Peter sagt: "Es hat leider keine Absprache zwischen K.S. und
Heinz-Peter meint: "So. Meint ihr, wir sollten Unterricht machen, oder soll ich nur die vorbereiteten Dias in den Rekorder legen? Wie ihr wollt..."
Else2 sagt: "und Montag musste auch Sissel den Unterricht stornieren (sagt man das ?), aber der ist bis 21.5.verschoben2"
Tore_T sagt: "Ein gutes Idee. Die Dias sind immer sehr nützlich."
Else2 sagt: "ich habe bis heute keine Fragen vorbereitet, aber vielleicht Tore."
Tore_T sagt: "Ich auch nicht."
Heinz-Peter fragt: "Dann zeige ich meine Dias. Wer will, bleibt hier, und wer will, geht raus. Ok?"
Tore_T sagt: "ok"

Heinz-Peter zeigt Dia 21.

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In unserer vorigen Sitzung war die Diskussion sehr lebhaft. Das ist erfreulich, hat aber zur Folge, dass ich nicht spontan und gleichzeitig auf alle Beiträge und Fragen eingehen kann. Ich hoffe, ihr habt dafür Verständnis und fühlt euch nicht 'übergangen', wenn ihr einmal keine Antwort bekommt.

Heute beschäftigen wir uns zuerst noch einmal mit Martin Luther, danach haben wir ein freies Programm (Fragen usw.).








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Heinz-Peter zeigt Dia 22.

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Einige von euch haben darauf hingewiesen, dass Luther als erster deutscher Übersetzer nicht nur die lateinische Bibel (die sogenannte Vulgata) benutzt, sondern auch die Originalsprachen Hebräisch (für das Alte Testament) und Griechisch (für das Neue Testament) herangezogen hat. Das ist soweit richtig, man muss aber bedenken, dass Luther als junger Mann im Jahre 1505 (übrigens infolge eines Gelübdes in Todesangst) in den Orden der Augustiner eingetreten ist und dort im Jahre 1512 eine (katholische) Bibelprofessur übernommen hat. Er war mit der Vulgata daher sehr vertraut. In seinen späteren Schriften, in denen er Rechenschaft über seine Übersetzungsprinzipien ablegt, so im berühmten 'Sendbrief vom Dolmetschen', zitiert er den Ausgangstext fast immer in der lateinischen Version der Vulgata. Es sieht so aus, als habe auch für Luther der lateinische Text im Vordergrund gestanden. Ausserdem gab es zu Luthers Zeit bereits eine - auf der Vulgata beruhende! - deutschsprachige Bibeltradition, der er in vielen Fällen entweder unbewusst folgt oder der er sich auch ganz bewusst anschliesst. Dass er eine bestimmte ältere deutsche Bibelübersetzung (davon gab es ja etliche) bei seiner Arbeit benutzt hat, konnte bis heute nicht bewiesen werden, ich halte es aber nach eigener längerer Beschäftigung mit alten deutschen Bibeltexten für wahrscheinlich - und auch legitim.









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Else2 fragt: "Übrigens, gibt es ehemalige(?) Examensaufgaben, die an uns geschickt werden können, damit wir einen Eindruck bekommen, worum es geht?"
Heinz-Peter [zu Else2]: "Einen solchen Kurs hat es ja noch nie gegeben. "
Heinz-Peter sagt: "Das ist also etwas schwierig. Ich werde darüber nachdenken."
Heinz-Peter fragt: "Ist das Dia soweit klar?"
Else2 sagt: "danke, das Dia ist OK"

Heinz-Peter zeigt Dia 23.

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Um den Eindruck von Luthers Bibeldeutsch noch etwas zu vertiefen, folgt hier ein Ausschnitt aus der Genesis, Kapitel 1 (Schöpfungsgeschichte):

VND Gott sprach / Es werde eine Feste zwischen den Wassern / vnd die sey ein Vnterscheid zwischen den Wassern. Da machet Gott die Feste / vnd scheidet das wasser vnter der Festen / von dem wasser vber der Festen / Vnd es geschach also (...)
VND Gott sprach / Es lasse die Erde auffgehen Gras vnd Kraut / das sich besame / vnd fruchtbare Bewme
('Bäume') / da ein jglicher nach seiner art Frucht trage / vnd habe seinen eigen Samen bey jm selbs auff Erden (...)
Vnd Gott machet zwey grosse Liechter / ein gros Liecht / das den Tag regiere / vnd ein klein Liecht / das die Nacht regiere / dazu auch Sternen. Vnd Gott setzt sie an die Feste des Himels / das sie schienen auff die Erde vnd den Tag vnd die Nacht regierten / vnd scheideten Liecht vnd Finsternis. (...)
VND Gott sprach / Es errege sich das Wasser mit webenden vnd lebendigen Thieren / vnd mit Geuogel / das auff Erden vnter der Feste des Himels fleuget.








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Heinz-Peter fragt: "Was sagt ihr zu diesem Ausschnitt?"
Tore_T sagt: "Der Text ist nicht schwierig zu verstehen."
Heinz-Peter fragt: "Versteht ihr den letzten Abschnitt?"
Else2 fragt: "Geuogel - was bedeutet das?"
Heinz-Peter sagt: "Man muss lesen 'Gevogel' (u für v), also eine Wortbildung mit der ungefähren Bedeutung 'viele Vögel'"
Tore_T sagt: "Nein - die sechs letzten Zeilen verstehe ich nicht."
Heinz-Peter sagt: "Ja, ich denke auch, dass diese Zeilen ziemlich schwierig sind."
Heinz-Peter sagt: "Hier zeigt sich ein grosser Abstand zwischen der Luthersprache und dem Neuhochdeutschen."

Heinz-Peter zeigt Dia 24.

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Es zeigt sich erneut ein deutlicher Abstand zwischen Luthers Deutsch und der nhd. Schriftsprache auf allen sprachlichen Ebenen, z.B. in der Morphologie (schwacher Plural Sternen; schwaches Präteritum scheideten statt schieden; Form fleuget statt fliegt) und jetzt auch im Wortschatz (sich besamen für 'Samen hervorbringen'). Der letzte zitierte Abschnitt ist heute so schwer verständlich, dass man ihn im Zuge der offiziellen Revision der Lutherbibel von 1984 fast ganz neu formuliert hat:
Lutherbibel von 1545:
VND Gott sprach / Es errege sich das Wasser mit webenden vnd lebendigen Thieren / vnd mit Geuogel / das auff Erden vnter der Feste des Himels fleuget.
revidierte Lutherbibel von 1984:
Und Gott sprach: Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier, und Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels.

Dem würde ich hinzufügen, dass das Wort Feste hier sehr veraltet ist und offenbar eine Konzession an 'konservative' Lutheraner darstellt. Verstehen tut's keiner mehr!







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Tore_T fragt: ""es errege sich das wasser -" ?"
Else2 fragt: "opprørt hav?"
Heinz-Peter erzaehlt: "Erst im späten 20. Jahrhundert hat man gewagt, den Wortlaut der Lutherbibel zu verändern, wenn er nicht mehr verständlich schien. Das hat aber grosse Diskussionen ausgelöst."
Heinz-Peter erzaehlt: "Insgesamt würde ich das jetzt so zusammenfassen, dass Luthers Rolle in der deutschen Sprachgeschichte immer noch nicht angemessen beurteilt werden kann."
Heinz-Peter erzaehlt: "Es ist hierfür noch viel Forschung notwendig. Vielleicht erscheint die Person Luthers heute aber auch gar nicht mehr so interessant. Die Sprachgeschichtsschreibung ist heute nicht mehr so sehr an einzelnen Personen interessiert."
Heinz-Peter fragt: "Habt ihr noch Fragen oder Bemerkungen zu Luther?"
Tore_T fragt: "Luthers Bedeutung für die Sprachgeschichte wird also in letzter Zeit gemindert?"
Else2 fragt: "wenn ich das richtig verstanden habe, Luther war also nicht der erste Übersetzer?"
Heinz-Peter sagt: "Nein, es gab Bibelübersetzungen (teilweise oder vollständige) vor Luther."
Heinz-Peter sagt: "Das hat schon im Althochdeutschen angefangen, und im 14. Jahrhundert begann eine beachtliche Übersetzungsaktivität."
Heinz-Peter sagt: "Zwischen der Erfindung des Buchdrucks um 1450 und Luthers erster Übersetzung des NT sind rund 12 vollständige deutsche Bibeln im Druck erschienen."
Else2 sagt: "Warum hat er die Ehre als DER Übersetzer denn erhalten"
Tore_T fragt: "Luthers Schriftsprache ist einfacher und stärker von der mündlichen Sprache geprägt als andere Schriftvarianten. Stimmt das?"
Heinz-Peter erzaehlt: "Durch die Lutherbibel hat die deutschsprachige Bibel aber sicherlich enen neuen Stellenwert erhalten. Daher kann man sagen, dass mit der Lutherbibel eine neue Epoche der Bibelübersetzung begonnen hat."
Heinz-Peter [zu Tore_T]: "Das kann man so sicherlich sagen, wenn es auch etwas vage ist."
Heinz-Peter [zu Else2]: "Weil er der grosse Reformator war, und weil seine Übersetzung auch sehr gut war. Verschiedene Gründe also."
Heinz-Peter [zu Else2]: "Dennoch war das insgesamt eine gewisse 'Mystifikation'."
Tore_T fragt: "Kann die Variante Luthers als eine Reaktion gegen die Kazleisprachen gesehen werden?"
Heinz-Peter sagt: "Wohl kaum eine 'Reaktion'. Es gab im 16. Jahrhundert bereits ein beachtliches Textsortenspektrum mit grossen stilistischen Variationen."
Tore_T sagt: "ok"
Heinz-Peter fragt: "Weitere Fragen zum Pensum habt ihr nicht, wenn ich eben richtig verstanden habe?"
Tore_T sagt: "Nein, ich hatte leider keine Fragen vorbereitet. (Das bedeutet nicht, dass alles klar ist)"
Else2 sagt: "jetzt nicht, aber unbedingt später, während des Sommers und bevor dem Examen"
Heinz-Peter sagt: "Dann danke ich euch dafür, dass ihr heute abend hier geblieben seid."
Heinz-Peter sagt: "Fragen könnt ihr ja auch später an mich richten (via mail)."
Else2 sagt: "können wir denn E-post direkt schicken"
Tore_T sagt: "Danke für sehr instruktive Unterrichtstunden."
Heinz-Peter sagt: "E-Post könnt ihr direkt schicken. Ob ich alles beantworten kann, weiss ich natürlich jetzt nicht. Dann bleibt mir nur noch zu sagen:"

Heinz-Peter zeigt Dia 25.

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Damit ist unser Kurs beendet. Ich danke euch für euer Interesse und eure Mitarbeit. Den Kielfahrern wünsche ich einen ertragreichen Aufenthalt in Deutschland. Euch allen wünsche ich 'lykke til' fürs Examen, und uns allen wünsche ich
god sommer !
Takk for meg.








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Tore_T ruft: "God sommar!"
Heinz-Peter ruft: "Ha det bra!"
Else2 sagt: "Gleichfall - und schöne Urlaubstage"

-- Ende der Aufzeichnung: Mittwoch, 15. Mai 2002 8:00 Uhr Dreistadt-Zeit --

Else2 ist soeben ausgestiegen.