Gebrauch von haben und sein als temporale Hilfsverben
(Reiten S. 238 243)
Verbklassen: durative Aktionsart perfektive Aktionsart
1. transitive Verben: haben haben
2. intransitive Verben: haben sein
Das Tabelle oben gibt die Hauptregeln für den Gebrauch von haben oder sein als Hilfsverb bei der Bildung des Perfekts und Plusquamperfekts.
Definitionen/Erläuterungen:
Transitive Verben sind Verben, die ein Akkusativobjekt regieren (z.B. (jemanden) töten, (jemanden/etwas) finden, (jemanden/etwas) schicken).
Intransitive Verben sind Verben, die andere Objekte (Od, Og, Op) regieren (z.B. (jemandem) helfen, (einer Person) gedenken, (auf etwas) verzichten) oder kein Objekt überhaupt regieren (z.B. schlafen, gehen, sterben).
Nicht wenige Verben können sowohl tr. wie intr. gebraucht werden, vgl. z.B.
Er hat den Zweig gebrochen. versus Der Zweig ist gebrochen.
Aktionsart: Die Art und Weise, wie die durch das Verb bezeichnete Handlung verläuft.
Durative Verben: Diese Verben bezeichnen einen andauernden Zustand/Prozess bzw. eine andauernde Handlung. Sie können mit temporalen Adverbialen, die die Dauer bezeichnen, kombiniert werden (Er hat nur zwei Stunden (lang) geschlafen).
Perfektive Verben: Diese Verben bezeichnen eine momentane Handlung bzw. ein momentanes Geschehen und können (in der Regel) nicht mit einem durativem Adverbial verbunden werden (Er ist (*zwei Stunden lang) eingeschlafen). Im Allgemeinen können wir die perfektiven Verben in zwei Gruppen einteilen: Verben, die eine Zustandsänderung bezeichnen (z.B. einschlafen, erwachen, sterben) und Verben, die eine Ortsänderung bezeichnen (gehen, kommen, laufen).
1. Wie aus der Tabelle oben ersichtlich, spielt der Aktionsartunterschied bei den transitiven Verben keine Rolle für die Wahl von Hilfsverb: Man benutzt sowieso haben. Es gibt aber hier ein paar Ausnahmen/Besonderheiten, auf die man aufmerksam sein sollte.
a) eingehen und loswerden sind (im Sinne der Definition) tr. Verben, bilden aber trotzdem das Perfekt mit sein, beim tr. Verb durchgehen schwankt der Gebrauch: Wir sind eine Wette eingegangen. Ich bin ihn endlich losgeworden. Der Lehrer ist/hat die Arbeiten mit den Schülern durchgegangen.
b) Ein sog. Inhaltsobjekt (d.h. ein Objekt, das inhaltlich und u.U. auch formal mit dem Verb verwandt ist) beeinflusst nicht die Wahl des Hilfsverb: Er ist (den Heldentod) gestorben. Wir sind (einen schweren Gang) gegangen. Das Inhaltsobjekt hat viele Eigenschaften mit einem modalen Adverbial gemeinsam, steht auf der Schwelle zwischen Oa und Advmod.
c) Ein Substantiv ohne Artikel/Attribut in Fügungen wie Ski laufen, Schlange stehen, Rad fahren, Auto fahren usw. gilt nicht als Oa. Diese Elemente beeinflussen auch nicht die Wahl des Hilfsverbs: Wir sind Ski gelaufen. Er hat lange Schlange gestanden. Sie ist Auto gefahren.
d) Die reflexiven Verben (mit Ausnahme von sich begegnen) und die Modalverben bilden wie die tr. Verben das Perfekt mit haben: Er hat sich geschämt. Wir haben uns um eine Lösung bemüht. (Aber: Wir sind uns auf der StraBe begegnet.) Er hat nicht kommen können.
2. Bei den intransitiven Verben spielt die Aktionsart im Prinzip die entscheidende Rolle bei der Wahl des Hilfsverb: Perfektive Verben, die eine Zustandsänderung oder eine Ortsänderung bezeichnen, bilden das Perfekt mit sein, die durativen mit haben. Es gibt aber eine Reihe von Besonderheiten/Ausnahmen, die man kennen muss, um richtig entscheiden zu können.
A. Verben der Zustandsänderung bilden in der Regel das Perfekt mit sein: Er ist (plötzlich) aufgewacht. Die Blumen sind schon verwelkt. Das ist mir nicht aufgefallen.
a) Einige einfache gewöhnliche Verben der Zustandsänderung ((ab)trocknen, altern, bleichen, faulen, gären, heilen, reifen, rosten) können sowohl durativ als auch perfektiv gebraucht werden. Bei durativer Verwendung denkt man nicht an eine Zustandsänderung, sondern nur an den Prozess in seiner Dauer, und dann kann man (neben sein) auch haben als Hilfsverb verwenden. Bei den meisten ist aber die Tendenz, auch bei durativer Verwendung sein zu benutzen, sehr stark, und sein ist immer korrekt:
Der Wein ist/hat gegoren.
Die Wunde ist/(hat) gut geheilt.
Die Wäsche ist/hat gut getrocknet.
Das Obst ist/(hat) in den letzten Tagen gereift.
Das Blech ist/(hat) gerostet.
Wenn man in erster Linie an die Zustandsänderung denkt, muss man sein verwenden:
Der Wein ist zu Essig gegoren.
Er ist rasch gealtert.
Der Bruch ist ganz geheilt.
b) Auch einige einfache gewöhnliche Verben der Ortsänderung (Bewegungsverben) können durativ gebraucht werden. Man denkt dabei nur an die Bewegung in ihrem Verlauf, nicht an die Ortsänderung. Bei durativer Verwendung kann man auch bei solchen Verben haben als Hilfsverb verwenden, aber die Tendenz, auch dann sein zu verwenden, ist stark, bei gehen, reisen, wandern ist sein heute sogar obligatorisch. Bei Verben wie klettern, reiten, rudern, schwimmen, segeln kommt beides vor; bei fahren und fliegen kann haben gebraucht werden, wenn das Subjekt Fahrer bzw. Pilot ist, bei laufen und springen kann haben benutzt werden in sportlichem Zusammenhang. Bei tanzen muss man aber bei durativer Verwendung haben benutzen:
Er ist viel gereist/gewandert.
Wir sind über die Brücke gelaufen.
Unsere Staffel ist/hat gut gelaufen.
Ich bin/habe bereits gesprungen.
Wer ist/hat gefahren/geflogen?
Wir sind/haben eine halbe Stunde geschwommen.
Er ist ans Ufer geschwommen.
Er hat dreimal mit ihr getanzt.
Sie sind aus dem Zimmer getanzt.
Weiterhin sollte man sich folgende Besonderheiten/Ausnahmen merken:
c) Intr. Verben der Zustandsänderung können oft in übertragener Bedeutung gebraucht werden. Auch dann ist sein als Hilfsverb zu gebrauchen:
Die Temperatur ist gestiegen/gesunken.
Ist es euch gut gegangen?
Beim Aufräumen sind wir auf alte Fotos gestoßen.
Bist du meinem Rat gefolgt?
d) Die Verben sein und bleiben sind intr. durative Verben. Trotzdem benutzt man sein als Hilfsverb:
Er ist in Rom gewesen.
Ist er da lange geblieben?
d) Gewisse intr. Verben, die einen Anfang oder ein Ende bezeichnen, sind perfektiv, man benutzt aber trotzdem haben als Hilfsverb. Es handelt sich besonders um folgende Verben: anfangen, beginnen aufhören, enden; einsetzen aussetzen; (an)halten, stoppen (aber bei starten verwendet man sein!). Hier kann man auch die beiden Verben zunehmen und abnehmen nennen. - Eine wichtige Ausnahme ist auch stattfinden (perf., trotzdem haben).
Hat der Unterricht angefangen/begonnen?
Er hat aufgehört zu arbeiten.
Der Sturm hat plötzlich eingesetzt.
Der Motor hat wieder ausgesetzt.
Der Bus hatte an der Haltestelle gehalten/gestoppt.
Der Mond hat in den letzten Tagen zugenommen.
Sie hat in letzter Zeit stark abgenommen.
Das Flugzeug ist soeben gestartet.
Die Sitzung hat schon stattgefunden.
e) Wie nach den Regeln zu erwarten, wird bei den durativen intr. Verben stehen, sitzen, liegen normalerweise haben als HV gebraucht. Im Süden des deutschen Sprachgebiets wird aber bei diesen Verben sein gebraucht, was aber nicht als standardsprachlich korrekt angesehen wird:
Wir haben (St.spr.)/sind (Süddt.) im Krieg zusammen im Schützengraben gelegen.
f) Studieren Sie auch folgende Beispiele, die sich aber weitgehend anhand der Hauptregeln erklären lassen:
Das Wasser ist aus dem Wasserhahn getropft. (Ortsänderung!)
Der Wasserhahn hat getropft. (Keine Ortsänderung!)
Bier ist aus dem Fass auf den Boden gelaufen. (O.!)
Das Fass hat gelaufen (ist leck gewesen). (K.O.!)
Er ist/hat die ganze Zeit vor dem Chef gekrochen. (K.O. übertragene Bedeutung!)
Es hat lange gedonnert. (Durative Aktionsart Geräusch!)
Der Zug ist in die Halle gedonnert. (Perfektive Aktionsart Geräusch + Ortsänderung!)
Das Kleid hat gerauscht. (Wie donnern)
Sie ist aus dem Saal gerauscht. (Wie donnern)
Er ist/hat einen neuen Rekord gelaufen. (Eigentlich tr. Gebrauch, ein Oa liegt vor, zu erwarten wäre haben, trotzdem findet man auch sein.)
Er ist einen Kilometer/einen Umweg gelaufen. (Die Akkusativform kann als Adverbial analysiert werden, d.h. intr. Gebrauch.)
Schüsse haben geknallt. (Keine Zustansänderung!)
g) Es gibt bei intr. Verben ziemlich grosse Unterschiede zwischen dem Deutschen und dem Norwegischen, was den Hilfsverbgebrauch betrifft, nicht zuletzt weil die Tendenzen bei intr. Verben in den beiden Sprachen entgegengesetzt sind: Im Norw. kann man bei perf. Bed. in der Regel sowohl ha als være gebrauchen, bei dur. Bed. nur ha, während im Dt. bei perf. Bed. sein zu benutzen ist, das bei dur. Bed. auch in gewissen Fällen neben haben möglich ist (siehe bes. a) und b) oben).
Ein Beispiel:
Han har/er löpt hjem (perf.) Er ist nach Hause gelaufen
Han har löpt lenge (dur.) Er ist/hat lange gelaufen.
Han har/er forsvunnet (perf.) Er ist verschwunden.
Folgendes ist deshalb eine gute Faustregel für norwegische Deutschlernende: Wenn man im Norwegischen være benutzen KANN, SOLL man im Deutschen sein benutzen. Die eindeutigen Ausnahmen in den beiden Sprachen muss man aber auch bei diesem Verfahren kennen.