-- Start der Aufzeichnung: Montag, 15. Oktober 2001 7:15 Uhr Dreistadt-Zeit --
Oddny kommt.
Lars2 kommt.
Benedikt meint: "Wir haben eben über alltägliche Helden gesprochen..."
Renate kommt.
Benedikt sagt: "Zu den alltäglichen Helden gehört dann natürlich auch Curts Vater, der Tag für Tag sich 'aufreibt'. (S.248f.)"
Anne E ist soeben ausgestiegen.
Benedikt fragt: "Ich glaube viele von euch, haben den Text nicht gut gefunden. Was würdet ihr kritisieren wollen?"
Solfrid fragt: "welcher Text meinst Du?"
Benedikt [zu Solfrid]: "Ankunft im Alltag"
Gro_L fragt: "Ich glaube, dass das Buch für Jungendliche gemeint ist. Stimmt das nicht?"
Solfrid sagt: "Ich finde den Text sehr interessant, es wird aber etwas langweilig weil die Charaktere so "flach" sind"
Tellef sagt: "Das ganze Buch ist teilweise ein politisches Dokument. Es ist geschrieben in m erzierischenr Hinsicht."
Benedikt [zu Gro_L]: "Das wäre mir neu, dass es sich um ein Jugendbuch handelt."
Renate fragt: "Sollte das damals nicht den Jugendlichen zeigen, dass man sich einordnen muss - und kann?"
Gro_L sagt: "OK, gut zu lernen"
Oddny fragt: "aber aufbaulich ist das Buch gemeint zu sein , nicht ?"
Else2 kommt.
Solfrid sagt: "Es ist ja ein Roman, voller Hoffnung für eine bessere Zukunft für alle Menschen - wenn wir für einander da sein wollen"
Renate fragt: "Ich finde auch, dass es ein Buch für junge Leute gewesen sein muss... Ist das 'verkehrt' verstanden?"
Lars2 sagt: "Die Figuren sind schablonenhaft.Haman z.B. ist als ein Übermensch gezeichnet."
Tellef erzaehlt: "Das Buch ist aber auch fazinierend, weil es beziehungen zwischen Personen schildert. Diese Personen sind nicht von den politischen Verhältnisse abhängig."
Benedikt [zu Renate]: "Ich weiss nicht, ob nur Jugendliche als Adressaten gedacht waren. Aber eure Kritikpunkt (Erbauung usw.) kann ich nachvollziehen."
Benedikt fragt: "Lars2 nennt einen wichtigen Kritikpunkt schablonenartige Charaktere. Gibt es noch mehr in diese Richtung?"
Oddny sagt: "Curt = etwas westliches / Kapitalistisches = nicht ganz gut, Recha + Nikolaus = guten DDR-bürger"
Benedikt [zu Oddny]: "Ja. Die Schwarz/Weiss-Malerei"
Gro_L meint: "Der Junge aus dem Kinderheim. Wenn man eine Chance gegeben wird, wird man ein guter Mensch..."
Tore_T erzaehlt: "Die Schreibweise hat mich fast provoziert. Dem Leser wird keine Chance gegeben, selbst zu denken. Er soll erzogen werden. Das Buch ist von einem Besserwisser geschrieben."
Tellef sagt: "Erwin der Scwererziehbare, mag typischer Weise Coca Cola."
Solfrid sagt: "Die Charaktere haben keine seelisch "komplexität"
Benedikt [zu Tore_T]: "Ich bin vollkommen Deiner Meinung. Es scheint so, als ob die Parteilichkeit verhindert, das interessante Literatur entsteht."
Renate fragt: "War Brigitte Reimann politisch überzeugt?"
Else2 fragt: "Das Buch ist das System gut angepasst? Die Verfasserin brauchte wohl die Begutachtung?"
Renate fragt: "Warum hat sie so geschrieben?"
Benedikt sagt: "dass interessante - entschuldigung"
Solfrid sagt: "aber weil es so "korrekt" ist, wird es auch langweilig zulesen"
Oddny fragt: "ist das Buch typisch der DDR-Literatur ?"
Benedikt [zu Solfrid]: "Ja, aber wir können daraus lernen, was in der DDR als korrekt angesehen wurde. Daraum lesen wir diesen recht schlechten Text"
Benedikt [zu Oddny]: "Es ist typisch für die systemtreue DDR-Literatur!"
Tore_T sagt: "zu Solfrid: Das finde ich auch. Dasselbe könnte auf 150 statt 250 Seiten gesagt werden."
Benedikt sagt: "Keine Angst - das ist das einzige Beispiel für systemkonforme Literatur in diesem Kurs."
Tore_T sagt: "zu Benedikt: Ja, aus diesem Blickwinkel ist das Buch interessant."
Oddny meint: "ok, aber wurde sie (die Literatur )nicht durchgeschaut ?..."
Renate fragt: "Bitte, hat sie so geschrieben, weil sie überzeugt war - oder weil sie überleben wollte?"
Oddny fragt: "oder war das System naiv ?"
Solfrid fragt: "Das Buch ist interessant -obwohl es langweilig geschrieben ist. Es fehlt der "Nerve" - wie sagt man in Deutsch?"
Benedikt [zu Renate]: "Sie wollte sicherlich ihren Beitrag zum Aufbau des Sozialmus leisten."
Renate sagt: "Danke."
Renate sagt: "Ich habe versucht, etwas darüber zu finden - ohne Erfolg."
Solfrid sagt: "ich denke, wie viel Autoren, will Reimann ihren Beitrag zu einer besseren Gesellschaft geben"
Renate fragt: "Und wer hat diese Art von Literatur "Ankunftsliteratur" getauft?"
Tore_T fragt: "zu Benedikt: Könntest du uns vielleicht etwas über B. Reimann und ihre politische Einstellungen erzählen?"
Renate fragt: "War das ein 'Kompliment'?"
Benedikt meint: "Brigitte Reimann hat sich später von ihrem Roman distanziert - fand ihn naiv. Lest dazu bitte folgendes Zitat ..."
Benedikt zeigt Dia 17.
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"Ich war als lernbegierige Schülerin zu den Arbeitern gegangen - zu einer Klasse von Heroen. Ich fand das Heldentum, das ich erwartet hatte, in ihrer Arbeit, in den acht Stunden oder mehr auf dem Gelände. Allmählich merkte ich aber, dass viele nicht über ihre Lohntüte hinausblickten, dass es Streit wegen der Prämien gab, dass Solidaritätsmarken gedankenlos geklebt wurden . . ., dass Tüftler, von denen ich glaubte, sie opferten ihre Abende um der Sache willen, in Wahrheit auf materiellen Gewinn spekulierten, dass auf Versammlungen anders geredet wurde als unter vier Augen und - was mich am meisten befremdete - dass die Wünsche und Ziele sich bei vielen in der Ansammlung von unerlässlichen Requisiten eines gehobenen Lebensstandards erschöpften . . . Wie ist es möglich, dass Menschen, die im Betrieb Aktivisten und Neuerer sind, zu Hause die Filzlatschen anziehen und sich begnügen?"
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Renate fragt: "Wann und wo ist dieses Zitat veröffentlicht worden?"
Tore_T sagt: "Diese Information ist interessant."
Renate fragt: "Wann hat sie sich distanziert?"
Solfrid sagt: "so haben viele Menschen ihre Illusionen verloren.."
Benedikt [zu Tore_T]: "T und Renate Ich möchte euch auf zwei Links verweisen, die sich im Archiv Reimann befinden, die sich ausführlich und kritisch mit der Autorin B. Reimann beschäftigen. (Hier ist zu wenig Platz dafür)"
Lars2 fragt: "Ihre Tagebücher waren kritisch dem System gegenüber?"
Renate ruft: "Danke!"
Benedikt [zu Lars2]: "Ja"
Tore_T sagt: "zu Benedikt: Danke."
Benedikt sagt: "Ich möchte noch mal zum Text zurück und auf einige Merkmale hinweisen."
Benedikt erzaehlt: "Wir haben über den Titel Meister in Meister Haman gesprochen. Es gibt noch weitere Mythologisierungen im Text, die Reimanns Text in die Nähe des Religiösen rücken ..."
Benedikt meint: "schaut euch mal folgende Passage an ..."
Benedikt zeigt Dia 18.
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[...]und wie zum erstenmal aus den hohen weissen Schornsteinen der Rauch gestiegen war, hellgrau und schwadig und träge zergehend in der dünnen blauen Mailuft, und wie er der Rauchfahne, dieser schönsten, stolzesten Fahne über seinem Kombinat, zugeschrien, zugejubelt hätte.
(B. Reimann, Ankunft im Alltag, S.30)
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Benedikt fragt: "Hm ... keine Ideen?"
Geir fragt: "Rauch eines Opfers?"
Lars2 sagt: "Wie ein Opfer. Vgl. Kain und Abel."
Benedikt [zu Geir]: "und Lars2 Ja das war auch meine Assoziation ..."
Tellef sagt: "Die Schornsteine sind Sümbole für etwas "höheres"."
Benedikt erzaehlt: "Es gibt noch weitere Passagen, in denen das Neue des Sozialismus an sehr alte Vorstellungen geknüpft wird. Denkt mal an die Nachtschicht, die ja symbolisch gemeint ist ..."
Benedikt fragt: "Wie verläuft ganz konkret im zeitlichen Sinne eine Nachtschicht?"
Geir sagt: "Vom Abend bis zum Morgen."
Geir sagt: "Dann kommt ein neuer Tag."
Tore_T sagt: "Die Dizippel sollten mit dem Meister wachen (Getsemane)"
Benedikt [zu Geir.]: "Ja. Wir könnten also wieder an die Heilsgeschichte (Jesus) denken. "Du bist das Licht der Welt."
Lars2 sagt: "Erinnert mich an die Geschichte von Getsemane."
Solfrid sagt: "es ist dunkel und wird hell - man sieht "das Licht" - bekommt eine "Erlösung"
Benedikt sagt: "Getsemane stimmt. Allerdings schläft Recha ... haha"
Renate meint: "Wenn das so ein schlechtes Buch ist, hat sie das bestimmt nicht alles so ausgedacht..."
Benedikt [zu Solfrid]: "Ja hier schwingt Erlösung mit."
Benedikt fragt: "Hierher gehört auch der Hinweis von Solfrid (glaube ich), den ich eben übergangen habe. Was bauen die Arbeiter denn?"
Renate meint: "Und warum eigentlich immer Bezug auf die Bibel? Die sollte doch keiner lesen - also konnte man sich auch nicht darauf berufen...."
Solfrid sagt: "Ein Kraftwerk - soll auch Licht geben"
Lars2 erzaehlt: "In Ester Buch in der Bibel kommt auch Haman vor, dort als der Böse. Ester als Judin hat dem Volk gerettet. Recha ist halb Judin. Gibt es hier eine Verbindung?"
Benedikt [zu Lars2]: "Hm, das müsste man mal näher untersuchen. So auf Anhieb sehe ich keine Verbindungen."
Benedikt [zu Renate]: "Diese Bibelanklänge sind sicherlich nicht gewollt, zeigen aber, dass Reimann mit ähnlichen (uralten) Vorstellungen arbeitet."
Solfrid sagt: "Unsere Gesellschaft baut seit fast 2000 Jahre auf das Christentum - es ist in unsere Kultur eine tiefe Grundlage"
Benedikt [zu Solfrid]: "Ich dachte eigentlich, es sei ein Wärmekraftwerk. Sie arbeiten am Aufbau einer warmen (herzlichen, humanen) Gesellschaft. "
Renate sagt: "Ja, aber wenn man nie die Bibel gelesen hat und nie eine Kirche betreten... Davon gab es viele in der DDR."
Oddny sagt: " Curt nannte Recha "kleiner Engel", und sagte ; "bringe uns das Licht der sozialistischen Ethik " (S.159)"
Solfrid [zu Benedikt]: "ja, Licht und Wärme, habe ich gedacht"
Renate sagt: "das war eine Antwort für Solfrid.."
Benedikt [zu Solfrid]: "Natürlich ist das Christentum die Grundlage unserer Kultur. Es ist aber interessant festzustellen, dass selbst die erklärten Atheisten mit en Strukturen arbeiten, die sie verdammen."
Benedikt meint: "Einen weiteren Bildbereich möchte ich noch abschliessend kurz erwähnen ..."
Benedikt meint: "Der Arbeitsplatz wird immer wieder 'Hallenschiff' genannt ..."
Solfrid [zu Benedikt]: "oder vielleicht mit etwas neuen ersetzen wollen, wie die Christen damals Balder und Frøya ersetzt haben.."
Benedikt sagt: "Im Bild des Schiffes klingt seit Alters her die Vorstellung der Reise, der Reise des Lebens sowohl des Einzelenen als auch der Gesellschaft an."
Solfrid ruft erregt: "Hallenschiff = Kirchenschiff - interessant!!"
Tellef sagt: "Das Hallenschiff in einer Kirche."
Benedikt meint: "Natürlich auch das Kirchenschiff ..."
Benedikt ruft: "Ich hoffe, dass der Text interessanter wird, wenn man ihn gegen den Strich liest!"
Gro_L fragt: "gegen den Strich (bedeutet)?"
Benedikt sagt: "Gegen den Strich bedeutet hier, dass man die Widersprüche aufdeckt und nicht nur der offensichtlichen Ideologie folgt."
Benedikt sagt: "Das hörst sich jetzt sehr nach Schlusswort an. Schaut euch die Links an und ich lege morgen einige Texte von euch ins Archiv Reimann."
Solfrid erzaehlt: "Ankunft im Alltag ist ja auch eine Reise - auf den Weg zu einer besseren Gesellschaft, wo alles besser verteilt werden soll - alle sollen essen, arbeiten zur Schule gehen etc."
Oddny fragt: "und das wurde in der DDR nicht gemacht ?"
Benedikt [zu Oddny]: "Worauf beziehst Du Dich?"
Oddny fragt: "gegen den Strich gelesen ?"
Bjørg ist soeben ausgestiegen.
Benedikt [zu Oddny]: "Nein, da hatte der Marxismus-Leninismus das Deutungsmonopol."
Renate fragt: "Sind nächste Woche die Filme dran?"
Tore_T ruft: "Jetzt muss ich "Greven av Montechristo sehen. Tschüss!"
Tore T ist soeben ausgestiegen.
Benedikt [zu Renate]: "Ja wir chaten nächste Woche über die DEFA. Aufgaben stehen auf der Tafel."
Benedikt meint: "Also vielen Dank für die lebhafte Diskussion. Gleich erlischt die Recorderlampe. Bis nächste Woche ..."
Lars2 ist soeben ausgestiegen.
Renate sagt: "gut. Bis nächste Woche."
Renate ist soeben ausgestiegen.
Tellef sagt: "Gute Nacht."
Gro_L sagt: "Auf Wiedersehen"
-- Ende der Aufzeichnung: Montag, 15. Oktober 2001 8:07 Uhr Dreistadt-Zeit --
Tellef geht ins Mellomfags-Atelier.