-- Start der Aufzeichnung: Mittwoch, 13. März 2002 7:18 Uhr Dreistadt-Zeit --
Heinz-Peter fragt: "Die technischen Schwierigkeiten sind behoben?"
Anne_E sagt: "Nicht am Montag, aber heute bei mir"
Renate sagt: "Ich steige auf die alte Art und Weise ein - da klappt es"
Tore_T ruft: "Danke, Oddny!"
Heinz-Peter sagt: "Geir ist wohl immer noch nicht da."
Heinz-Peter ruft: "Wir haben wieder ein grosses Programm. Dia!"
Tellef sagt: "Er war im modernen D."
Heinz-Peter zeigt Dia 20.
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Auch heute sind alle Dias, die ich zeige, auf dem Projektor 'Verb'. Es ist wohl besser, wenn hier nicht so viele verschiedene Objekte rumliegen.
Heute wollen wir weiter über Tristan, Zeile 144ff, sprechen. Leider habe ich von euch keine einzige schriftliche Übersetzung bekommen. Ich hoffe, wir können trotzdem einen vernünftigen Unterricht durchführen.
Der Abschnitt von Zeile 144 bis 172 ist einigermassen leicht, und wir wollen ihn nicht detailliert besprechen. Habt ihr Fragen zu diesem Teil?
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Tore T ist soeben ausgestiegen.
Renate sagt: "Ich hatte leider keine Zeit, alles zu schreiben. Aber übersetzt habe ich es - wenigstens versucht."
Heinz-Peter sagt: "Gut."
Renate sagt: "ich handgeschrieben."
Heinz-Peter fragt: "Wo gab es Probleme?"
Heinz-Peter fragt: "No problems?"
Anne_E fragt: "vürbaz?"
Else2 fragt: "zehant in 144?"
Heinz-Peter sagt: "weiter (an Isolde"
Heinz-Peter sagt: "zehant: sofort"
Heinz-Peter fragt: "Wer ist Brangæne?"
Else2 fragt: "149 - lanc?"
Heinz-Peter sagt: "über lanc: langsam"
Else2 sagt: "Brang. ist Isoldes Vertraute"
Tore T ist eingestiegen.
Heinz-Peter sagt: "Richtig, Else."
Heinz-Peter sagt: "Weil Isolde Tristans Geliebte ist, verbringt Br. sogar die Hochzeitsnacht mit König Marke, Isoldes 'rechtmässigem' Mann."
Heinz-Peter fragt: "Weitere Unklarheiten?"
Renate fragt: "vürbaz = weiter - aber woher kommt das?"
Else2 sagt: "157 und 159 -ich verstehe es einigermass, aber eine gute Übersetzung?.."
Gro_L fragt: "Z. 155 - erkam?"
Heinz-Peter [zu Renate]: "schwer zu sagen"
Renate sagt: "ok"
Heinz-Peter sagt: "erkomen: erschrecken"
Heinz-Peter sagt: "erkam: Präteritum"
Renate sagt: "dort steht also zweimal erschrecken.."
Renate fragt: "weil es so stark war?"
Heinz-Peter sagt: "Genau. Das ist der typische Doppelformen-Stil."
Heinz-Peter sagt: "Kann verschiedene Gründe haben."
Heinz-Peter meint: "Dann kommt hier der definitive Übersetzungs-Service..."
Anne_E sagt: "veige vaz-Z159"
Heinz-Peter zeigt Dia 21.
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Übersetzung von Tristan, Zeile 144-172:
Sie stand auf und ging sofort dorthin, wo der Trank und das Gefäss verborgen und aufbewahrt [typische Doppelformel, s.u.] war. Ihrem Herren Tristan bot sie es an, dieser reichte es weiter an Isolde. Sie trank widerwillig und langsam, gab es Tristan zurück und er trank, und beide glaubten, es sei Wein. Inzwischen kam auch Brangæne herein, erkannte das Glas und begriff genau, was geschehen war. Sie erschrak so sehr [hier haben wir wieder eine Reihung von zwei so gut wie synonymen Wörtern, in diesem Fall Verben], dass es ihr alle Kraft nahm und sie totenblass wurde. Mit totem Herzen ging sie dorthin, nahm das leidige, unheilvolle Gefäss, trug es hinaus und warf es in die tobende, wilde See. "O weh!" rief sie, "weh mir, dass ich je auf die Welt gekommen bin! Ich Arme, wie habe ich mein Ansehen verloren und das Vertrauen [meiner Herrin] enttäuscht! Gott möge es immer bedauern, dass ich auf diese Reise ging [und] dass der Tod mich nicht hinweggenommen hat, bevor ich mit Isolde auf diese unheilvolle Fahrt geschickt wurde! O weh, Tristan und Isolde, dieser Trank ist euer beider Tod!"
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Heinz-Peter sagt: "der Ausdruck 'die triuwe verlieren' (Zeile 164f) ist etwas schwierig, weil 'triuwe' so ein wichtiges Wort im höfischen Wertesystem ist."
Heinz-Peter sagt: "'triuwe' ist das gegenseitige Vertrauensverhältnis zwischen Herrn und Gefolgsmann/-frau."
Heinz-Peter zeigt Dia 22.
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Die Übersetzung könnt ihr euch später in der Aufzeichnung oder im Projektor ansehen. Jetzt wollen wir versuchen, die Zeilen 173ff zu übersetzen. Beachtet Zeile 175: wie ist die Form getrunken zu erklären?
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Geir kommt.
Heinz-Peter ruft: "Hallo Geir! Freut mich, dich zu 'sehen'!"
Renate sagt: "ist das Passiv? getrunken worden von beiden"
Geir sagt: "Danke gleichfalls :-)"
Heinz-Peter fragt: "Glaubt ihr an Passiv?"
Renate sagt: "nein, stimmt nicht. dort steht 'den tranc'"
Tore_T fragt: "Partizip?"
Else2 fragt: "oder ...haben den Trank getrunken?"
Renate sagt: "also Akk."
Heinz-Peter sagt: "Richtig, Renate."
Heinz-Peter fragt: "Kann es Part. sein?"
Tore_T sagt: "Sie hatten beide den Tränk getrunken"
Heinz-Peter meint: "Das Ganze ist ja ein Nebensatz. 'Als das Mädchen und der Mann..."
Heinz-Peter fragt: "Wo ist das finite Verb?"
Renate sagt: "Im Nebensatz? getrunken."
Heinz-Peter fragt: "Kann das ein finites Verb sein?"
Tore_T sagt: "Das finite Verb ist ausgeschlossen."
Heinz-Peter [zu Tore_T]: "Du meinst, es fehlt?"
Tore_T sagt: "Ja"
Heinz-Peter fragt: "Könnte das sein? Kennt ihr deutsche Sätze ohne finites Verb?"
Tore_T fragt: "In der älteren Sprache, nicht?"
Heinz-Peter ruft: "Richtig, Tore!"
Heinz-Peter sagt: "In Nebensätzen kann das finite Verb fehlen, wenn ein infinites Verb da ist."
Heinz-Peter fragt: "Aber kann 'getrunken' auch ein finites Verb sein?"
Tore_T fragt: "Kann es Präteritum sein?"
Heinz-Peter fragt: "Was ist mit dem Präfix ge-?"
Geir sagt: "Die Handlung ist beendet."
Heinz-Peter sagt: "Richtig, Geir. Hierzu ein Dia."
Heinz-Peter zeigt Dia 23.
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Im Mhd. ist trinken ein starkes Verb der Ablautklasse IIIa. Es kann sich bei einer Form mit Ablaut u daher um den Plural Präteritum handeln oder um das Partizip II (s. Kompendium S. 16). Im letzteren Fall (Part.) würde im Satz das finite Verb fehlen: solche Satzkonstruktionen kommen aber erst später, vor allem im 17. Jahrhundert, in Mode (die Stadt, in der ich so lange gelebt). Es handelt sich also wahrscheinlich um ein Präteritum mit dem 'perfektiven' Präfix ge-, das unter anderem Vorzeitigkeit ausdrücken kann (also im Sinne von 'getrunken hatten').
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Heinz-Peter erzaehlt: "Ganz sicher bin ich allerdings nicht: ich glaube, dass Nebensätze ohne finites Verb (sogenannte 'afinite Konstruktionen') manchmal auch schon im Mhd. vorkommen."
Renate fragt: "Z. 180 - was bedeutet 'sigevanen'?"
Heinz-Peter fragt: "Ist das soweit klar geworden?"
Anne_E sagt: "ja"
Renate sagt: "Ja, alles klar."
Heinz-Peter [zu Renate]: "Ganz leicht: Siegesfahne."
Renate sagt: "Danke."
Heinz-Peter sagt: "Im übrigen ist das ja eine schöne Passage."
Heinz-Peter fragt: "Nicht wahr?"
Heinz-Peter fragt: "In Zeile 186 ist von Isoldes Hass die Rede. Warum hat sie Tristan gehasst?"
Geir sagt: "Im Schwedischen gibt es solche Konstruktionen auch heute, glaube ich."
Heinz-Peter [zu Geir]: "Es gibt sie noch bei Thomas Mann und später."
Oddny sagt: "176: werlde unmuoze ="
Heinz-Peter sagt: "Unruhe der Welt."
Oddny sagt: "danke"
Else2 sagt: "wie mit Z. 179"
Heinz-Peter fragt: "Warum also Hass?"
Renate fragt: "Er hatte jemanden getötet - wer war das noch?"
Heinz-Peter sagt: "Tristan hat Isoldes Onkel im Zweikampf getötet."
Renate sagt: "Dann hat sie ihn deswegen gehasst."
Heinz-Peter sagt: "Aber so sicher ist auch das mit dem Hass nicht. Es gibt schon vor dem Minnetrank Zeichen von erotischem Interesse - jedenfalls in Gottfrieds Version."
Heinz-Peter sagt: "Der Minnetrank wäre dann nur noch ein 'Alibi'."
Heinz-Peter meint: "Zeit für Service..."
Heinz-Peter zeigt Dia 24.
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Übersetzung von Tristan, Zeile 173-200:
Als nun das Mädchen und der Mann, Isolde und Tristan, den Trank beide getrunken hatten, war auch sogleich die Unruhe der Welt da, [die] Liebe, die Belagerin aller Herzen, und schlich in die Herzen der beiden hinein. Ehe sie es bemerkten, pflanzte [eigentlich: stiess] sie dort ihre Siegesfahne auf und zog sie beide in ihre Gewalt. Sie wurden eins und untrennbar, die vorher zwei und getrennt [gewesen] waren; sie waren einander nie mehr zuwider: Isoldes Hass war dahin. Die Versöhnerin Liebe hatte ihr Gemüt von Hass gereinigt und so in Liebe vereint, dass einer für den anderen so klar wie ein Spiegel war. Sie hatten beide e i n Herz: ihr Leid war sein Schmerz, sein Schmerz war ihr Leid. Sie waren beide in Freude und in Leid eins und verbargen [heln, stv. IVa] sich doch beide. Das bewirkten der Zweifel und die Scham: sie schämte sich, und das tat auch er.
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Gro L ist soeben ausgestiegen.
Heinz-Peter fragt: "Was sagt ihr zu der sprachlichen Gestaltung von Zeile 194f?"
Geir sagt: "Chiasmus"
Heinz-Peter fragt: "Richtig. Kann man das weiter interpretieren?"
Geir sagt: "Die beiden Ausdrücken machen eine Einheit."
Renate sagt: "Sie waren 'ein Herz und eine Seele' - sie verstanden sich."
Heinz-Peter sagt: "Das ist natürlich ein wenig spekulativ, aber der Tristan wird oft spekulativ interpretiert. Siehe nächstes Dia."
Heinz-Peter zeigt Dia 25.
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Beachtet die Kreuzstellung (Chiasmus) in Zeile 194:
ir swære was sîn smerze,
sîn smerze was ir swære
Der Chiasmus kann als Symbol für die Tristan-Isolde-Liebe aufgefasst werden, man vergleiche den Prolog, Vers 129f (nicht im Kompendium):
ein man, ein wîp; ein wîp, ein man,
Tristan, Isôt; Isôt, Tristan
Die 'Kreuz'-Stellung in Verbindung mit dieser ganz besonderen Liebe kann natürlich wieder Anlass zu theologischen Spekulationen geben; darüber sprachen wir in Oslo.
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Heinz-Peter meint: "Gemeint ist: hat die Tristan-Liebe sozusagen 'metaphysische' Dimensionen? Das wäre dann wohl - aus mittelalterlicher Sicht - etwas skandalös..."
Renate meint: "Wie sterben sie am Ende? Ich kann mich nicht mehr erinnern..."
Heinz-Peter sagt: "Sie werden schliesslich von Marke getrennt."
Heinz-Peter sagt: "Tristan verlässt das Land und trifft eine andere Isolde, die 'mit den weissen Händen'."
Heinz-Peter sagt: "Er verliebt sich in sie, was ihn in einen schweren Gewissenskonflikt stürzt, an dem er letztlich stirbt."
Renate fragt: "und unsere Isolde?"
Heinz-Peter erzaehlt: "Hier bricht Gottfrieds Dichtung ab. Isolde (die 'richtige') stirbt dann ebenfalls vor Kummer, als sie herbeigerufen wird, Tristan aber nur noch tot vorfindet."
Nachtrag von Heinz-Peter: Auch Tristans Tod findet sich nicht bei Gottfried, das Fragment bricht vorher ab.
Anne_E fragt: "Was für ein Symbolik ist das, 2 Frauen mit dem gleichen Namen?"
Heinz-Peter sagt: "Eigentlich sogar drei, weil auch Isoldes Mutter so heisst."
Heinz-Peter fragt: "Ja, was ist das für eine Symbolik?"
Heinz-Peter sagt: "Weiss nicht."
Anne_E fragt: "kannst Du was darüber sagen?"
Heinz-Peter sagt: "Nein, das ist ziemlich rätselhaft."
Heinz-Peter zeigt Dia 26.
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Hausaufgaben:
1. In der nächsten Woche beschäftigen wir uns mit der Entwicklung der Substantivdeklination. Schaut euch bitte im Kompendium das Kapitel 2.5.2. (S. 19-21) an. Frage: Welches sind die Hauptunterschiede zwischen dem mhd. und dem nhd. System?
2. Beantwortet bitte bis spätestens Woche 14 schriftlich die Frage: Wie verhält sich der Tristan-Stoff zu Gottfrieds Prolog (s. Kompendium S. 36)? Schickt mir eure Antworten (0,5 - 1 Seite) bitte via e-mail zu!
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Renate sagt: "Gut, dann bis nächste Woche."
Heinz-Peter fragt: "Damit sind wir für heute fertig. Sind die Aufgaben klar?"
Renate meint: "das wird sich zeigen, wenn wir damit anfangen..."
Else2 sagt: "OK- auf wiedersehen bis nächste Woche"
Heinz-Peter ruft: "Schönen Abend noch!"
Renate ruft: "Tschüss!"
Geir ruft: "Auf Wiedersehen!"
Tellef sagt: "Auf Wiedersehen."
Tellef ist soeben ausgestiegen.
Geir geht ins Mellomfags-Atelier.
Oddny sagt: "Tschüss"
Renate geht ins Mellomfags-Atelier.
Heinz-Peter ruft: "Tschüss!"
Anne_E sagt: "Vielen dank für die ûbersetzungen"
-- Ende der Aufzeichnung: Mittwoch, 13. März 2002 8:08 Uhr Dreistadt-Zeit --