Kotte-Projektor


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S. 7
Kottes Tage sind ausgefüllt. Fünfmal in der Woche fährt er jeden Morgen um sechs Uhr sechzehn mit der S-Bahn vom Alexanderplatz nach Schöneweide ins Tranformatorenwerk und verschwindet hinter einer Tür mit der Aufschrift Technische Konstruktion, setzt sich vor sein Reißbrett, das er erst, von den Pausen abgesehen, gegen drei Viertel vier wieder verläßt, steigt sechzehn Uhr zwölf am Bahnhof Schöneweide in den Zug und ist dreiundvierzig Minuten später am Kindergarten, Alte Schönhauser, wiederum zehn Minuten später im Konsum an der Ecke und gegen halb sechs vor seiner Wohnungstür, in der rechten Hand ein volles Einkaufsnetz, an der linken seine Tochter.
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S. 7
Kottes Tage sind ausgefüllt; seine Abende ebenfalls. Wenn Karla das Kind ins Bett bringt, steht Kotte im Keller und hobelt Bretter glatt, die er für eine Sitzbank in der Küche braucht. Die Schrankwand im Wohnzimmer hat Kotte auch gebaut und für die Kleine das Laufgitter; alles wie vom Schreiner. Nicht, daß Kotte sich neue Möbel nicht leisten könnte, Kotte verdient sechsvierzig netto und Karla vierhundert, bewahre es macht ihm einfach Spaß, und es ist, sagt er, und nicht son Schund aus dem Laden.
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S. 7
Keine Stunde, die er im Keller verbringen kann, ist Kotte zuviel nur wenn es im Fernsehen einen alten Film gibt, läßt Kotte alles stehen und liegen. Beim Fußball ebenfalls; da sitzt Kotte in seinem Sessel, Karls strickt, alles ist still im Raum bis auf die Stimme des Kommentators und die Geräusche vom Feld.
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S. 10
Kotte schätzte den Dienstag als eine willkommene Abwechslung in seinem alltäglichen Arbeitsrhythmus, trotz der oft stundenlangen Wartezeiten auf den mausgrau getünchten Korridor des Wohnungsamtes.
Bevor er das Amt betrat, setzte er sich in eines der kleinen Espressos, die rings um den neuen Alexanderplatz entstanden waren, bestellte sich einen Mokka und sah durch die Gardinen auf die neuen Straßen und die neuen Häuser. Diese halbe Stunde, in der er sozusagen bezahlterweise in einem Café saß, während der produktive Teil der Bevölkerung seiner täglichen Arbeit nachzugehen hatte, genoß Kotte mit dem Gefühl eines Menschen bei einem Dreiergewinn im Lotto die zusätzlich ausgeloste Banderolennummer voweisen konnte.
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S. 17
- - Was macht er denn beruflich, fragte der Kollege Trapmann.
- - Teilkonstrukteur, sagte Kotte, nicht ihne Stolz.
Der Kollege Trapmann machte ein bedenkliches Gesicht.
- - Dann ist er ja Angestellter, sagte er. Ja, wenn er Arbeiterklasse wäre, dann hätte er nach den neuen Beschlüssen mehr Aussicht.
- - Ich habe Schlosser gelernt, sagte Kotte schnell. Ich hab sechs Jahre an der Werkbank gestanden und mich nebenbei qualifiziert. Faktisch bin ich gelernter Schlosser.
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S. 18
Kotte renovierte an drei Abenden die Küche und jenen Teil des Korridors, der zu seiner Wohnung gehörte. Er strich das Paneel lindgrün und verkleidete die Wand über dem Abwaschtisch und dem Spülbecken mit einer Kachelimitation aus Kunstoff. Auf den zu seinem Teil der Wohnung gehörenden Korridor klebte er eine rautenförmig bedruckte zartrosa Tapete.
Karla schien mit seiner Aktivität zufrieden, wiederholte aber ihren Einwand, daß die Renovierung noch gar nicht nötig gewesen wäre.
- - Nächstes Wochenende kommer die Zimmer dran! sagte Kotte unbeirrt, sah ihr fest indie Augen und sie legten sich zu Bett.
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S. 25
Kotte griff zur Bierflasche. Aus fernster Ferne hörte er Frau Jeskes Erzählung über Angebote nach der Premiere des Films, über die Zahl der männlichen Bewerber, über Tourneen und Reisen; bis nach Ägypten bin ich gekommen, hörte sie begeistert ausrufen und: Die Pyramiden von Gizeh! Kennen Sie die Pyramiden von Gizeh? Ein Gedicht!
-- Und die Tänzerin waren Sie, fragte Kotte.
-- Na hast du doch gehört, sagte Karla und schüttelte verweisend ihren Kopf. Erzählen Sie doch weiter, Frau Jetske. Kotte sah auf Frau Jeskes gefaltete Hände, deren Adern stark und blau hervortraten.
Irgend etwas in seinem Darm zog sich zusammen, und Kotte mußte sich vor Schmerzen nach vorn beugen.
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S. 26
-- Was die gesehen hat! sagte Karla. Die Pyramiden! Glaubst du, daß wir je die Pyramiden sehen?
Kotte murmelte etwas Unverständliches und wickelte sich fest ind das Bettzeug.
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S. 29
Quer über Straße und Bürgersteig spannten sich von Hauswand zu Hauswand die schmale Betonblöcke, in graugestrichene Eisenträger gelegt, drei oder vier Meter hoch. Durch die Spalten der Blöcke fiel Licht. Kotte reizte es heranzugehen und hindurchzusehen, er blickte sich um, niemand stand in der Nähe, dennoch ging Kotte nicht weiter, verharrte einen Moment, sah auf der anderen Seite einen Aussichtsturm über den Beton ragen, auf dem zwei Leute standen und mit Ferngläsern zu ihm herüberstarrten. Kotte drehte sich um und ging die Straße zurück
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S. 48 f
-- Dann mal andersherum, sagte der Kollege Patig nach einer Weile. Hast du dir eigentlich Gedanken gemacht über deien Perspektive?
Kotte war überrascht.
Er hatte im Werk Schlosser gelernt, hatte drei Jahre in einer Halle gearbeitet, war dann, mehr durch Überzeugung seines Meisters als auf einen Wunsch, viermal in der Woche zur Betriebsakademie gegangen und nach drei Jahren als Teilkonstrukteur ins Büro, bei ungefähr gleichem Gehalt, aber, was Kotte wichtiger war, mit sicheren Aufstiegschancen.
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S. 61
Und auf Mohrchen können wir alle stolz sein. Ein Früchtchen war das! Nach drüben wollte sie. Mit so einer halbstarke Mischpoche abhaun. Bummelei auf der Arbeit, öffentlicher Tadel und Jugendwerkhof! Die saß drin bis zum Hals in der Scheiße! Aber da kam Vater Biesold und seine Brigade Julius Fu?ik und hat eine Patenschaft abgegeben vor dem Hohen Gericht und seitdem Junge, du hättest sie nicht wiedererkannt. Mit der Hilfe von dem ganzen Kollektiv, ja! Und heute? Mohrchen, was biste heute, sags ihm, sags unserm Sesselfurzer! Ach, Mann, Albert, laß mir doch! Dann sage ichs! Ihren Facharbeiter hat se heute gekriegt. Jawohl!
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S. 65
Kotte sieht in dem rotgedämpften Licht viel Leute mit Bart und Haaren, die über die Schultern hängen, und Mädchen mit Hosen und Pullovern. An der Wand gegenüber steht eine alte Kommode mit viel Zierat und geschliffenen Glasscheiben; in der Ecke ein hoher geschwungener Stuhl, auch so altmodisch; aber keiner sitzt darauf.
Kotte ist ganz eigenartig zumute. So etwas hat er noch nie erlebt, nur mal in einem Film gesehen, einem französischen, glaubt er, mit Alain Delon.
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S. 94 f
Noch während sie an den exquisiten Auslagen in der Rathausstraße vorbeigehen, schließt Kotte zu Jakob und Niketta auf, und als sie aus dem Schatten der S-Bahn-Brücke hinaustreten, spürt Kotte eine Kraft in sich, wie er sie nur aus der Zeit kennt, in der er Jahre vor der Haustür verbrachte.
Dann stehen sie auf dem neuen Alexanderplatz.
Es ist Sonntag.
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1977 war nur die Hälfte aller Wohnungen in der DDR mit einer Toilette sowie mit einem Bad oder einer Dusche ausgestattet. Dies entsprach den Verhältnissen in der Bundesrepublik während der fünfziger und sechziger Jahre. Es gab 1977 6,7 Millionen Wohnungen für die rund 17 Millionen Einwohner. Damit hatte die DDR eine Wohnungssdichte erreicht, annähernd jener der Bundesrepublik entsprach. Allerdings waren die Wohnungen in der Bundesrepublik um ein Drittel größer als in der DDR (58 Quadratmeter). Außerdem war die Hälfte aller Wohnungen über 60 Jahre alt, in der Bundesrepublik nur ein Viertel.

Der Wohnungssuchende musste fast immer mehrere Jahre auf die Zuweisung einer Wohnung warten. Das gesamte Wohnungswesen war stark bürokratisiert, vor allem weil ein Großteil der Wohnungen im Besitz des Staates war. Die DDR-Bürger hatten nur Anspruch auf eine Wohnung, deren Größe durch die Zahl der Familienmitglider, den Beruf und die "Beziehungen" der Wohnungssuchenden bestimmt wird.
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S. 68
-- Haben Sie schon mal am Band gestanden? fragt Kotte mit einer Stimme, deren Zittern ihm Schweißströme über den Körper jagt.
-- Oder an einer Maschine?
-- Machen Sie das mal acht Stunden oder neun am Tag, sagt Kotte und starrt auf diesen Punkt inmitten des Mädchens, das Ulla heißt. Machen Sie das mal, dann haben Sie abends die Nase voll vom Theater und von allem anderen.
-- Dann sind Sie zufrieden, sagt Kotte, wenn Sie noch die Augen aufhalten können beim Fernsehen. Dann freun Sie sich, wenn Sie warme Beine haben und ein bißchen lachen können, wenns was zum Lachen gibt.
-- Dann ist Ihnen alles andere egal, sagt Kotte, weil Sie morgens um sechs wieder raus müssen, um wieder an die Maschine zu kommen, und am nächsten Tag wieder und am übernächsten und jede Woche, jeden Monat und ihr ganzes Leben.
Nr. 16 show images see all slides
S. 72

Viele Straßen sind darauf mit Häusern, die denen in seiner Straße ähneln. Wenn die Straßen in der Länge gesehen sind, verengen sie sich auf ganz kurzem Raum, so daß Kotte glaubt, er ist in der Straße gefangen. Die Menschen darauf sind alle dünn und haben große Augen, die ganz tief hinten liegen.
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S. 81

Ulla: Die Liebe geht immer kaputt, wenn ihr zu eng ist ... Forderungen, Forderungen ... Kannst du dir eine Liebe ohne Forderungen vorstellen? Das ist die einzige Sache, die zählt, wenn du keine Forderungen hast ...
Kotte: Weißt du, ich glaube, man ist immer auf der Suche.
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S. 92

Wenn er nicht malen kann, kriegt er Zustände. Und die Enge. Ein Zimmer mit Küche und Kind ...
- - Ja, sagt Kotte, das kenn ich.
... aber nicht nur diese Enge, nein, das liegt tiefer, das ist komplizierter! Die andere Enge, die Enge der Liebe, verstehst du?
Kotte runzelt die Stirn.
Die Abhängigkeit! ...
Die Zwänge! ...
Kotte nickt langsam.
Das Festgelegte! ...
Kotte denkt einen Moment an Harry.
Und alles immer gleich, das ganze Leben! Auf ewig!
Kotte nickt.
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S. 98

Kotte schwankt wieder, diesmal nach vorn, und der zweite Polizist greift nach seinem Arm und hält ihn fest. So nicht, Freunde, so nicht. Nicht anfassen, bitte! Wenn Kotte etwas nicht vertragen kann, dann ist es, daß ihn einer anfaßt. Das war schon früher so, das war schon von klein auf bei Kotte so! Wenn Kotte einer anfaßt, dann sieht er rot! Das muß man wissen.
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S. 106

Drinnen sieht er, daß Karla sein Frühstücksgedeck auf dem Tisch stehengelassen hat. Die Kaffeeekanne ist in eine Art Wollmütze gehüllt. Die tapetenrollen sind wieder an ihrem Platz und mit einem Stück buntem Stoff bedeckt. Die Tür zum kleinen Zimmer steht offen, und Kotte entdeckt sein Bett, das aufgeschlagen ist.
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S. 111

-- Wenn du nicht vor die Konfliktkommission mußt, hast du das mir zu verdanken, mein Lieber, sagt Patig und lief auf und ab. Ich hab bei der Kadertante geredet wie ein Prdeiger. Um ein Gespräch, da kommst du aber nicht herum. Das ist dir doch klar, oder?
Kotte nickte.
-- Mensch, sagte Patig beschwörend und blieb vor Kotte stehen. Sdo was kommt doch in die Akten. Damit versaust du dir doch alle Chancen für die nächsten zwei Jahre. Wie soll ich dich mit so'ner Eintragung zur dritten Technischen empfehlen?
Patig schüttelte verständnislos den Kopf.
-- Nee, Günter, sagte er dann. So was mach nicht öfter.