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I: INHALTLICHE BEGRIFFE:
DIE FABEL: Inhaltserzählung, Handlungsgerüst. Die chronologisch-schematische Wiedergabe des Handlungsverlaufes (eines erzählbaren Werkes: Epik, Drama).
DER STOFF: Ein außerhalb des dichterischen Werkes stehendes Element, das dem Dichter als Quellenmaterial dient. Der Stoff ist immer an bestimmte Figuren gebunden, und zeitlich-räumlich mehr oder weniger festgelegt. Stoffquellen: Material aus der Tradition mündlicher und schriftlicher Überlieferung, das dichterisch bearbeitet wird. Auch Zeitungsberichte und der literarishe Stoff bilden vorgeprägte Fabel.
Beispiel: Der Romeo und Julia-Stoff, die Geschichte des Jünglings Romeo und des Mädchens Julia, die zu einer bestimmten Zeit in einer italienischen Stadt wohnen, und die ein bestimmtes Schicksal erleiden.
DAS MOTIV: Eine typische, bedeutende Situation, die sich immer wiederholen kann. Losgelöst von individueller Festlegung auf Zeit, Raum und Figuren schematisiert das Motiv eine konkrete Situation.
Beispiel: Das Romeo und Julia-Motiv ist das Schema einer typischen Situation, nämlich die Liebe zwischen den Kindern von verfeindeten Familien (Dichterisch gestaltet von Shakespeare in: Romeo and Juliet, und von Gottfried Keller in: Romeo und Julia auf dem Dorfe). Weitere Beispiele: * Das Wiedererkennenmotiv, Wiederkennen durch das Zusammenpassen der zwei Hälften eines geteilte Ringes, oder durch den passenden Schuh (Märchenmotiv). * Das Brudermordmotiv, das Vatermordmotiv, das Heimkehrermotiv, der Mann zwischen zwei Frauen (Dramen- und Epikmotive)
* Das Nacht-, Sonnenuntergang-, Mond-, Frühlingmotiv (Lyrikmotive)
DAS THEMA: Der Grundgedanke, die Idee eines Werkes, sein allgemeines Anliegen. Das Thema ist vom Motiv abstrahierbar. Während das Motiv eine konkrete, stoffliche Situation schema-tisiert, ist das Thema abstrakt, und bezeichnet den ideellen Bereich, dem sich das dichterishe Werk zuordnen läßt. - Beispiel: Der liebende Mensch (in einer typischen Liebesgeshichte ist häufig das entsprechende Motiv: der Mann zwischen zwei Frauen).
DAS LEITMOTIV: Wiederholung derselben Wortfolgen oder Gegenstände (Motive) an wichtigen Stellen des Textes. Bspe.: Fontanes Irrungen Wirrungen: "Einbildung/Einbilden"; Thomas Manns Buddenbrooks: "sei glöcklich, du gutes Kind" oder in Walsers: Ein fliehendes Pferd: "Du magst mich nicht mehr gel?" Das Leitmotiv ist kein echtes Motiv, bezieht sich nicht direkt auf den Inhalt, sondern eher auf die Struktur/den Aufbau des Textes. Die Wiederholung wirkt verbindend, schafft den Zusammenhang zwischen den Elementen des Inhalts, welchen der Leser symbolisch auslegen kann. (>>>Symbolfunktion)
II: RHETORISCHE BEGRIFFE (Tropen und Figuren/Metaphorik):
Rhetorik: Lehre von der Redekunst: Einteilung in 5 bestimmte Operationen: inventio, dispositio, elocutio, actio, memoria. Für die Literaturwissenschaft ist die elocutio von besonderem Interesse: Mit Wörten, (Figuren) ausschmücken: Wörter wählen und zusammenstellen. Wählen heißt hier die Ersetzung des einen Wortes durch ein anderes bzw. neue Kombination, die Verbindung eines Wortes mit einem anderen durch Tropen und Figuren, d.h. Wendungen und Abbildungen/-Gestalten im Sinne von Redewendungen bilden: Bedeutungsumwandlung, Verwandlung der Vorstellung in ein Bild, bildliche Ausdrucksweise ("uneigentliche Rede".) [Entsprechend der antiken Sprachauffassung: Man stellte sich Gegenüberstellung von zwei Sprachschichten vor, der eigent-lichen/ursprünglichen Sprache ohne Schmuck, d.h. der begrifflichen Sprache und der uneigentlichen, sekundären, geschmückten Schicht, d.h.: der bildlichen Sprache, oder figürlichen Sprache der Poesie. Die Sprache der Poesie enthält also Figuren und Tropen als Stilmittel, ästhetische Ornamente.]
METAPHER: [gr. meta - pherein: "(hin-)übertragen"] Die "Übertragung" eines Wortes oder einer Wortgruppe aus einem "eigentlichen" (üblichen) Bedeutungszusammenhang auf einen anderen; Veranschaulichung von abstrakten Begriffen (:Metaphorisierung). Man unterscheidet zwischen Metaphern der Alltagssprache (Ex-Metaphern oder verblaßte Metaphern) und den Metaphern der Poesie. Die ersten Metaphern haben durch keine poetische Bilderkraft mehr Lexikalisierung (sie sind konventionell, gehören jetzt zur Normalsprache), die zweiten echten Metaphern brechen mit der Norm und besitzen die Kraft, neue Wirklichkeiten zu schaffen. - Bspe. der Ex-Metaphern: Der Fuß des Berges, das Stuhlbein, der Redefluß, das Licht der Wahrheit.
(Die Übertragung liegt hier vor, und wird dennoch nicht mehr bemerkt.)
Typen der Metaphern:
Identifikationsmetapher: Gleichsetzung/Identitätsbildung zwischen den Elementen der Metapher (ein "ist" läßt sich meistens jeweils hinzufügen):
* Genitivmetapher: Das glühende Kleid des Augenblicks
* Präpositionale Metapher: Himmel aus Schaum
* Appositionsmetapher: der/Listige Bruder der Wind
* Wortkompositum: Wassergardinen
Ereignismetaphern: Keine neue Identitätsbildung, sondern es geht um das "Wie" eines verwandelnden Ereignisses. (Die Kombination des Gleichen mit dem Ungleichen schafft die Metapher. Bsp.: doch offenen Augs wirst du im Licht ertrinken; I. Bachmann):
Personifikation: (gr. prosopopeia: prosopon: "Gesicht, Person"- poiein: "machen, schaffen" , persona fictio (lat.): das Gemachte".) D.h.: Etwas ohne Gesicht, das unsichtbar ist, bekommt dadurch ein Gesicht, und wird sichtbar. Abstrakta werden verlebendigt und Phänomene/Gegenstände vermensch-licht. (Bsp. Die Flügel meiner Seele)
Bspe.:
* Süßer Friede / Komm ach, Komm in meine Brust (Goethe)
* Am Morgen weidet der Nebel auf verlassenen Wiesen (S. Kirsch)
* die weiße / Kehle der Einsamkeit (S. Kirsch)
* Ihr Lächeln gleitet in meine Hand (W. Bächler)
Synästhesie: Kombination der Identifikations- und Ereignismetapher (gr. synaisthanestai: "zugleichempfinden"). Koppelung von zwei oder mehreren Sinnesbereichen (z.B. Farbton)
Bspe.:
* Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch (Mörike)
* Die gläsernen Paläste klingen spröder an deinen Blick (Rilke)
* Der trockene Glanz der Ziegenherde / reißt in der Luft / und fällt als Zunder hinter den Horizont (P. Huchel)
VERGLEICH: Kommt durch vergleichende Partikeln (wie, als ob, gleich, wie wenn) oder Verben, die Ähnlichkeit ausdrücken, zum Ausdruck. Partikel/Verb bereitet ein tertium compa-rationis ("das dritte im Vergleich") vor, oder er löst die Erwartung auf eine Erklärung des Vergleichs aus, d.h. eine Beantwortung des Warum? Bsp.: "Mein Gedicht ist wie mein Messer". Die erwartete (erklärende) Hinzufügung wäre: "denn es wirkt einschneidend". (Bei der Metapher "Mein Gedicht ist mein Messer", wäre diese Hinzufugung keine hinreichende Erklärung der Metapher).
** metaphorische Vergleiche: Kombination der beiden Figuren. Bsp.: Und eine Stimme / wie Gehölz und voll grüner Schatten, feucht, wenn / das Wasser zurückgeht (J. Bobrowski)
METONYMIE: (gr. met - onymia: "Umnennung"). Keine bildliche Vorstellung, sondern die Ersetzung des gebräuchlichen Wortes durch ein Wort, das mit ihm in engster Beziehung steht. Stellvertung (:ein Wort für das andere) und Vertauschung von assozierten Elementen. Bspe: "Zeppelin" für "Luftschiff", "Traube" für "Wein", "das 19. Jhdt." für "die Menschen des 19. Jhdts", "Goethe lesen" für "die Werke Goethes lesen".
* Synekdoche: (gr. synekdechestai: "mit aufnehmen, auffassen oder verstehen"). Bei der bloßen Andeutung des (eigentlichen) Begriffs wird dieser Begriff mit verstanden, d.h. durch die Wahl des engeren oder des umfassenderen Begiffs: pars pro toto, der Teil für das Ganze oder umgekehrt: totem pro parte, das Ganze für den Teil. Bsp.: "Lenze" (Frühlinge) für "Jahre". ** Antonomasie: Umschreibung, wo der Eigenname für den Gattungsnamen steht. Bspe.: "Demosthenes" für "großen Redner", "Mentor" (Erzieher von Odysseus' Sohn) für "Betreuer", "Quisling" für "Verräter".
ALLEGORIE: Anders-Rede, anders als öffentlich reden (gr. allos - agoreuein ungefähr: "anders als auf dem Markplatz, agora, reden). Die traditionelle Allegoriekonzeptionen: Der Dichter sucht bei der Allegorie zum Allgemeinen das Besondere bei der Verwandlung der Erscheinung in einen Begriff und des Begriffes in ein Bild (Goethe). Die Allegorie bedeutet nicht (wie das Symbol), sondern weist auf etwas hin und ist übersetzbar (Benjamin). Also ein indirekter Sprechakt, der sagt: Dadurch das dieses gesagt wird, wird etwas anderes zu verstehen gegeben. Also: Doppelsinnige Schreibart, die zwei Bedeutungen mit sich führt, die immer nebeneinander bestehen, (und nicht wie bei der Metapher kombiniert werden). Grundgedanke: Spaltung und Ungleichzeitigkeit (Vgl. unten das Symbol).
* allegorische Personifikation: Bspe.: Die Statue der Frau mit der Waage und den verbundenen Augen, Frau Justitia, personifiziert "Gerechtigkeit", der Greis (Person) personifiziert "Alter", Amor personifiziert "Liebe".
SYMBOL: (gr. symbolon: "Erkennungzeichen, Kennzeichen, Zeichen", symballein: "zusammenbringen, zusammenwerfen, vergleichen, erraten). Anschauliches Zeichen, das etwas vergegenwärtigt, was im Augenblick nicht anschaulich zu machen ist. Kein eigentliches Bild: Verwandlung der Erscheinung in eine Idee und der Idee in ein Bild. Es verweist über sich hinaus, und ruft - durch eindringliche Wirkung auf Gefühl und Phantasie - tiefere Bedeutungen hervor. Die Idee bleibt aber unerreichbar/unaussprechlich. (Goethe: Beim Symbol schaut der Dichter im Allgemeinen das Besondere. Es bedeutet das Übergreifende und Unendliche). Die Grundfigur des klassischen Symbolbegriffs: Verbindung von Synekdoche und Analogie. Bspe.: Kreuz (Symbol des Leidens/Todes), Fleck (Symbol der Befleckung/Schuld und Sühne). Grundgedanke: Organische Einheit (Verschmelzung), Gleichzeitigkeit (Vgl. Allegorie)
Grundtypen des Symbols: 1) das metaphorische Symbol, 2) das synekdochische Symbol und 3) das metonymische Symbol:
Beispiele der Grundtypen:
1: "Immortellen" und "Vergißmeinnicht" in Fontanes Roman Irrungen Wirrungen (188
sind im Zusammenhang des Blumenstraußbindens symbolisch zu verstehen, d.h.: als Zeichen des Nichtvergessens, konnontieren aber zugleich Bestand/Dauer, Abstand und Tod: Botho, die männliche Hauptfigur, besteht darauf, daß ihm Lene, die weibliche Hauptfigur, den Blumenstrauß mit einem ihrer Haare bindet: Der Strauß ist Symbol der Verbindung (vgl. Lenes Aussage: "Nun bist du gebunden": Verbindung von Symbol und Metapher).
2: Margarete in Celans Gedicht Todesfuge verkörpert mit ihrem goldenen Haar das Deutsche. Sie ist ein Teil des Ganzen (pars pro toto), die Verkörperungen bewirkt das "Mitverstehen" der Synekdoche, das Deutsche als umfassenderer Begriff wird dabei mit verstanden.
3: Die Grenze der äußeren Welt und der inneren Ängste erscheinen als aufgehoben. Verfallene, unheimliche nächtliche Räume, Keller und Szenerien sind Symbole von unbewußten Ängsten. (Bspe: Thomas Manns Novelle Der Tod in Venedig (1912): die schöne und krankhafte Stadt ist das Symbol des Todes. In Kafkas Roman Das Schloß (1922). Der Winter ist ein Symbol von Tod und Erstarrung.)
Sissel Lægreid