-- Start der Aufzeichnung: Montag, 22. Oktober 2001 7:15 Uhr Dreistadt-Zeit --
Benedikt sagt: "So der Recorder läuft - willkommen zur ersten Kino-Unterrichtseinheit."
Bjørg kommt.
Ingrid_J ruft: "Danke!"
Renate kommt.
Oddny sagt: "danke"
Gro_L kommt.
Benedikt fragt: "Zuerst eine simple Frage. Was bedeutet eigentlich Kahlschlag?"
Geir sagt: "Ein Platz im Wald wo alle Baüme weg sind."
Renate sagt: "Etwas kahl schlagen, öde legen"
Geir sagt: "Bäume."
Benedikt [zu Geir]: "Ja richtig und im übertragenen Sinne hat es Renate nun beantwortet."
Benedikt fragt: "Was wurde denn kahl geschlagen?"
Tellef sagt: "Die kritische Filmatisierung."
Else2 sagt: "die versch. Filme von 1965/66"
Benedikt [zu Tellef]: "und Else2 Richtig die kritischen Filme des Jahres 65/66 wurden verboten, verschwanden im Eiskeller."
Benedikt fragt: "Auf Grund welcher Voraussetzungen kam es zu diesen kritischen Filmen, was ja nicht die Regel in der DDR war?"
Else2 fragt: "die Verkürzung DEFA - Deutsche....Filme...?"
Renate sagt: "Nach der Errichtung der Mauer glaubten sie, sie könnten die DDR kritisch unter die Lupe nehmen."
Benedikt [zu Else2]: "zur Geschichte der DEFA gibt es eine kleine Vorlesung bei der nächsten helgesamling ..."
Tellef sagt: "Nach 61 glaubten die "Filmemacher", dass es möglich wöre etwas mehr kritisch zu sein. Jetzt sind wir unter uns"
Benedikt [zu Renate]: "Richtig. Dies glaubten viele Künstler. Z.B. auch Christa Wolf - schaut euch mal folgendes Dia an."
Renate [zu Else2]: "Deutsche Film AG"
Benedikt zeigt Dia 1.
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Der Kommunist Schwarzenbach in Christa Wolfs Der geteilte Himmel formuliert es so: Jawohl wir haben eine besondere Lage [Mauerbau]. Zum ersten mal sind wir reif, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Das Schwere nicht in leicht umdeuten, das Dunkle nicht in hell. Vertrauen nicht mißbrauchen. Es ist das Kostbarste, was wir uns erworben haben. Taktik gewiß. Aber doch nur Taktik, die zur Wahrheit hinführt (Der geteilte Himmel, Halle/Saale 1963, S.225)
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Benedikt fragt: "Gab es noch andere Gründe als die Mauer?"
Renate fragt: "Hast das auch mit Bitterfelder Konferenz zu tun?"
Renate sagt: "mit der"
Benedikt [zu Renate]: "Daran dachte ich weniger ..."
Solfrid sagt: "Die Filmemacher wollten auch zu der gesellschaftlichen Entwicklung beitragen"
Renate sagt: "Oder dass man nicht mehr nach draussen blicken konnte"
Geir sagt: "Es hatte wohl auch mit einer allgemeinen Zeitstimmung zu tun."
Else2 sagt: "Antifaschismus"
Renate fragt: "und innere Themen aufgreifen musste?"
Tellef sagt: "Die für die Filme zuständige Person, (Minister Witt?)war etwas demokratisch gesinnt."
Benedikt [zu Geir]: "Ja. Zu der Zeit entstanden frische und interessante Filme in anderen Ostblockländern und an dieser Entwicklung wollte die DDR teilhaben."
Anne E ist soeben ausgestiegen.
Benedikt fragt: "Man musste sich aber auch gegen Konkurrenz wehren, um sein Publikum nicht zu verlieren. An welche Konkurrenz, denke ich?"
Else2 fragt: "das Fernsehen ?"
Benedikt [zu Else2]: "Genau. Die Glotze führte auch zur Kino-Krise in der DDR."
Geir fragt: "Westfernsehen gab es auch?"
Gro_L sagt: "Und im Fernsehen hat man oft West-Filme sehen können"
Benedikt meint: "In weiten Teilen der DDR konnte man Westfernsehen empfangen ..."
Benedikt fragt: "Wie war es möglich, dass diese Filme entstehen konnten. Es gab ja auch wie bei der Literatur das Genehmigungsverfahren?"
Renate fragt: "aber hauptsächlich nur im Berliner Raum - oder?"
Benedikt [zu Renate]: "Nein. Fast flächendeckend "Ausser Raum Dresden" (ARD)"
Ingeborg_A sagt: "Genehmigungsverfahren=Sensur? Oder- ich verstehe das Wort nicht"
Geir fragt: "Dann hat es wohl nicht genügt, Propaganda im Kino zu zeigen?"
Benedikt [zu Ingeborg_A]: "Ja. Die DDR-Form der Zensur ..."
Anne E ist eingestiegen.
Ingeborg_A sagt: "Danke"
Oddny fragt: "gab es ähnliche Vorstellungen/Filme etc wie in Norwegen während des Kriges, die "höhnische" oder ironische waren ?"
Oddny fragt: "in der DDR dieser Zeit ?"
Solfrid fragt: "Vor -65 dachte man die Zensur wäre nicht so "streng"?"
Benedikt [zu Oddny]: "Nein, ich glaube nicht. Die Filme wollten konstruktiv kritisieren ..."
Oddny sagt: "ok"
Solfrid sagt: "Diejungen Filmmacher waren philosophisch und politisch engagiert"
Else2 sagt: "Der Filmminister Witt war an Anfang ganz "liberal" - notwendig mit Problemfilme meinte er"
Benedikt sagt: " Um auf die Frage zurückzukommen ... Es gab eine Pattsituation zwischen den verschiedenen Instanzen (DEFA, ZK, Kulturministerium)"
Ingeborg_A fragt: "Patt?"
Benedikt [zu Else2]: "Ja. Es gab eine teilweise Liberalisierung ..."
Solfrid fragt: "eine "Pattsituation"? heisst?"
Tellef sagt: "Das Wort Pattsituation habe ich auch im Comp. gelesen, verstehe es aber nicht."
Benedikt [zu Ingeborg_A]: "Gleichgewicht ... keine klaren Machtverhältnisse ..."
Solfrid sagt: "ok"
Ingeborg_A sagt: "Danke"
Anne_E sagt: "BeiM Schach ist Patt wenn man sich nicht mehr bewegen kann ohne zu verlieren"
Benedikt meint: "Ich denke wir haben die wichtigsten Dinge gesagt ... Ich lege kurz eine Zusammenfassung auf ..."
Benedikt zeigt Dia 2.
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Voraussetzungen für die Verbotsfilme
· Neue interessante Filme aus den anderen Ostblock-Ländern
· Pattsituation zwischen der DEFA, der Hauptverwaltung Film im Kulturministerium und der Kulturabteilung des ZK
· Ausgangspunkt war die These Der Mensch ist kompliziert (Michail Romm)
· Bauer der Mauer erweckte die Hoffnung, nun könne man kontrovers diskutieren.
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Benedikt sagt: "Oje da ist ein lustiger Fehler drin. Es muss Bau der Mauer, nicht Bauer der Mauer heissen ... beklager"
Ingeborg_A sagt: "Ich dachte: "Bauer der Mauer" reimte"
Ingrid_J fragt: "Der Mensch ist kompliziert...warum war diese These Ausgangspunkt?"
Benedikt fragt: "Wenn die Ausgangsthese "Der Mensch ist kompliziert" war, welche Kritik formulierten die Filme dann im allgemeinen?"
Benedikt [zu Ingrid_J]: "Diese These wurde in anderen Ostblockfilmen formuliert."
Renate meint: "aber sie sollten immer den parteilichen Standpunkt vertreten - sonst..."
Benedikt fragt: "Vertraten diese Filme den parteilichen Standpunkt?"
Renate sagt: "Nicht, wenn sie schilderten, wie die Politik versagte."
Else2 sagt: "nein, deshalb wurden sie auch verboten"
Solfrid sagt: "Der Mensch ist kompliziert - man kann sich nicht immer auf den Menschen verlassen"
Renate meint: "Wenn die Werke nicht funktionierten..."
Geir sagt: "Es kommt dann zu Widersprüchen in den Filmen, die nicht mit dem Sozialimus vereinbar sind."
Benedikt fragt: " Ja. Die Filme formulierten die Botschaft "SO NICHT". Auf wen bezog sich dieses 'So nicht'?"
Geir sagt: "Zweifel an das System usw."
Solfrid sagt: "die Filme haben die Menschen in dem SYstemunter kritik gestellt"
Tellef sagt: "Z.B. die Schule - so nicht."
Else2 sagt: "Die Funktionäre, die Betriebsdirektoren z.B."
Else2 ruft: "Mit solchen Richtern auch nicht!"
Benedikt [zu Tellef]: "und Else2 Ja genau. Und besonders in dem Kanichen-Film die Justiz. Die Hauptfigur ist ein verlogener Richter "
Solfrid fragt: "Die Filme haben eher die Menschen im System kritisiert als das System an sich -oder?"
Benedikt [zu Solfrid]: "Das ist nicht leicht zu beantworten, aber die Menschen wurden als Repräsentanten des Systems verstanden."
Benedikt fragt: "Die Filme wurden dann verbotren, oder durften nicht mehr fertig gestellt werden. Was warf man den Filmen vor?"
Renate sagt: "Sie seien dem Sozialismus fremd, vermittelten schädliche Tendenzen und Auffassungen."
Else2 sagt: "Die Rolle der Partei war unklar z.B., der Film löste nichts"
Renate sagt: "Die Wahrheit der gesellschaftlichen Entwicklung würde nicht erfasst - wurde gesagt."
Benedikt fragt: "Ja. Die Filme seien nicht parteilich. Könnt ihr die Sozialismus fremden Tendenzen noch genauer fassen?"
Tellef sagt: "Schädliche Tendenzenund Auffassungen.( 11 Parteitag)."
Geir sagt: "Missachtung der Dialektik der Entwicklung."
Lars2 geht ins Mellomfags-Atelier.
Geir sagt: "Klingt ja ernst."
Benedikt [zu Geir]: "Ja. War es auch ..."
Renate sagt: "Die Kollektive und Leiter wurden zu schlecht dargestellt."
Renate sagt: "Das Individ konnte nicht gegen sie an"
Benedikt [zu Renate.]: "Ja, sehr schön. Die Rolle der Partei und des Individuums wurden kritisiert ..."
Solfrid sagt: "Die Filme zeigten "ich-Menschen" in einem Sozialistischen System -"
Tellef meint: "Im Comp steht: T. der Verabsolutierung, der Widersprüche, der Misachtung der Dialektikk...."
Geir sagt: "Die DDR-Wirklichkeit wurde als Durchgang zu einer besseren Zukunft geschildert."
Oddny fragt: "und deshalb sollte man nicht kritisieren ?"
Lars2 kommt.
Benedikt meint: "Alles richtig. Man klagte also über Individualismus und Anarchie ..."
Benedikt [zu Geir]: "Das ist sehr wichtig. Die DDR wurde so als Durststrecke dargestellt, nicht als eine höhere Stufe der Entwicklung ..."
Geir fragt: "Also sehr kritisch?"
Benedikt [zu Geir]: "Ja."
Ingeborg A ist soeben ausgestiegen.
Anne E ist soeben ausgestiegen.
Benedikt meint: "Der Vorwurf des Individualismus führte dazu, dass man behauptete, die Filme würden Asoziale schilden und nicht die typischen Menschen der DDR ..."
Benedikt meint: "Zusammenfassend dazu ein Dia ..."
Benedikt zeigt Dia 3.
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Kritik Punkte an den Verbotsfilmen
· Pessimismus und Skeptizismus
· Subjektivismus im Blick
· Unmoral
· künstlerischer Widerspruch zwischen Ideal und unvollkommener Wirklichkeit
· keine Parteilichkeit
· Individualisierung Asozialität
· Generationskonflikt
· Intellektualismus
· relativistischer Wahrheitsbegriff
· Anklage gegen staatliche Macht
· gefährlicher Realismus Verzerrung fehlende Typik
· Falsche Geschichtsauffassung
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Benedikt meint: "Sicherlich gibt es noch mehr Vorwürfe - hier nur die wichtigsten ..."
Renate erzaehlt: "1965 spitzte sich das dann zu. Sogar die Funktionäre und der Filmminister und der Studiodirektor wurden entfernt - also nicht nur die Filme wurden verboten."
Benedikt [zu Renate]: "Richtig ... es hatte zum Teil fatale Konsequenzen für die Biographien der Künstler!"
Benedikt meint: "Man kann fast von Berufsverboten sprechen ..."
Benedikt erzaehlt: "Meine Güte ... vergeht die Zeit schnell ... Wir sind schon am Ende der Stunde. Morgen gibt es neue Informationen auf der Tafel über den weiteren Verlauf der 'Kultur' bis zum Wochenendtreffen ..."
Tellef erzaehlt: "Wäre es möglich zu Wissen was die nächsten 14 Tage geschiet? Ich bin nicht zu Hause, möchte aber trotzdem etwas lesen.Ist es auch möglich den Film der in Bergen gezeigt wird entweder zu kaufen oder leihen."
Benedikt [zu Tellef]: "Ein Teil Deiner Frage ist wohl oben beantwortet worden. Nach dem Wochenendtreffen besteht die Möglichkeit, den Film zu leihen."
Tellef sagt: "Danke"
Bjørg sagt: "Tschûs"
Bjørg ist soeben ausgestiegen.
Renate sagt: "Gut - dann können wir uns auf Bergen vorbereiten. Auf Wiedersehen in Bergen."
Gro_L sagt: "Bis Bergen, auf Wiedersehen"
Renate ist soeben ausgestiegen.
Oddny [zu Benedikt]: "ich verstehe die Hoffnung wegen des Mauerbaues nicht ? Kommen wir dazu zurück ?"
Benedikt meint: "Vielen Dank für heute ... ich stoppe den Recorder..."
Else2 sagt: "Tschüs-bis Mittwoch"
Tellef sagt: "Auf Wiedersehen"
-- Ende der Aufzeichnung: Montag, 22. Oktober 2001 8:06 Uhr Dreistadt-Zeit --
Solfrid ist soeben ausgestiegen.
Tellef ist soeben ausgestiegen.