Jannes Arbeit über Bahnwärter Thiel


Antworten zu den Aufgaben: Bahnwärter Thiel von Gerhart Hauptmann

1.
Diese novellistische Studie handelt von einem Bahnwärter, der seinen Dienst mit genauer Regelmäßigkeit versieht. Sein Name ist Thiel und er ist die Hauptfigur dieser "Novelle".
Thiel ist von herkulischer Gestalt, groß und stark, hat rote Haare, die immer korrekt gescheitelt sind. Er wird auch beschrieben als ein ordentlicher, guter und religiöser Mensch. Sein Beruf ist Bahnwärter und er nimmt seine Arbeit sehr ernst, eben ein korrekter, pflichtbewusster preußischer Beamter. (S.3, Z.33-34, "die Knöpfe seiner sauberen Sonntagsuniform waren blank geputzt".)

Nach außen hin zeigt Thiel keine Gefühle. Es wird von den Leuten behauptet, dass der Tod seiner ersten Frau Minna ihm nicht sehr nahe ging (S.4, Z.2-3), das wiederum noch verstärkt wurde durch seine zweite Heirat mit einer Kuhmagd, namens Lene, die er, wie er selbst behauptet, nur heiratet, weil er seiner ersten Frau versprochen hatte sich umfür ihren gemeinsamen Sohn, Tobias zu kümmern. Tobias ist ein kleiner, kränklich aussehender Junge, der ganz auf seine Mutter kommt. Weiterhin ist Thiel ein Mensch aus wenigen Worten. Es wird wenig gesprochen, geschweige denn von Gefühlen. Außerdem ist er ein Gewohnheitsmensch. Sein Tagesablauf ist immer gleich und wenn er von seinem gewohnten Tagesablauf abweichen muss, bricht langsam seine Welt zusammen, wie er zum Beispiel sein Butterbrot vergessen hatte, was sonst nie geschah, nach Hause kam, und sah wie Lene seinen Sohn behandelte und wie sie sich um ihren eigenen Sohn kümmerte. Hier sieht er deutlich das Misshandeln von Tobias, ist aber nicht Herr der Situation und verlässt das Haus ohne etwas zu sagen oder zu unternehmen. Hieraus kann man ersehen, dass Thiel einerseits körperlich stark ist und andererseits Willenlosigkeit aufweist. Sein Seelenleben dagegen wird immer stärker, man kann Thiel mit einer Weinflasche vergleichen, die, wenn sie zu lange gelagert wird, übergärt und zum Schluss dann explodiert.

Das Verhältnis Thiels zu seiner ersten Frau Minna und seiner zweiten Frau Lene, ist von unterschiedlichemn
Charakter. Während er seiner ersten Frau wie eine "Heilige" anbetet, er hat ein Tempel in seinem Wärterhäuschen aufgebaut, um in aller Ruhe mit ihr "sprechen" zu können, ist sein Verhältnis zu Lene aus mehr körperlichen Bedürfnissen. Weiterhin kann er der Wirklichkeit entfliehen, wenn er zur Arbeit geht um Minna in seinem Stübchen oder "Tempel" anzubeten oder mit ihr Gespräche zu führen. Sein Verlangen nach etwas Reinem, Seelenhaften steht im großen Kontrast zu seinem körperlichen Verlangen nach Lene. Hier spricht man von einer sexuellen Abhängigkeit, dieder Thiel nicht gewachsen ist. Sie ist wie eine "Spinne", sie verschlingt ihren Mann mit Haut und Haaren. Sie hat das Sagen im Hause Thiel und hat die totale Kontrolle über ihn. Sein einziger Zufluchtsort bleibt das Wärterhäuschen, das später auch verloren geht als Lene kommt um den Acker umzugraben. Er ist seiner zweiten Frau unterlegen, das auch sehr deutlich wird in der Szene wo Lene Tobias misshandelt, und er überraschend nach Hause kommt, weil er sein Butterbrot vergessen hatte. (S.15-16) Er ist wie gelähmt und wird von ihrer Erscheinung auch noch erregt, hier muss er einsehen, dass er gegen Lene nicht ankommt und dabei auch seinen Sohn Tobias im Stich lässt. Er verlässt das Haus ohne ein Wort zu sagen oder etwas unternommen zu haben.

Er wird hin- und hergerissen zwischen den beiden Frauen. Auf der einen Seite ist das seelische und geistige Verlangen nach Minna und auf der anderen Seite das körperliche sexuelle Begehren nach Lene. Seine gespaltene und doppelte Existenz wird hier sichtbar. Er versucht diese zwei Welten, das heißt den Innenbereich, die Phantasiewelt mit der ersten Frau von dem Triebreich und der sexuellen Abhängigkeit der zweiten Frau, getrennt zu halten. Dieser Konflikt führt schließlich auch zur Thiels Untergang.
Thiel versucht in die Phantasiewelt zu flüchten, er nimmt die Wirklichkeit nicht mehr wahr und sein Seelenleben nimmt immer mehr Platz. Er halluziniert und sieht seiner toten Frau (S.22, ab Z.27) auf der Bahnstrecke. Diese Vorausdeutung, die sich auch in Thiels Schicksal erfüllt, kann man als Kern der Novelle bezeichnen. Nach dieser Erscheinung findet er keine Ruhe. Seine Angst und Unruhe wächst und wie es sich später zeigt, zu recht.
Sein Sohn wird vom Zug überfahren, während Lene auf dem Acker "mit der Geschwindigkeit und Ausdauer einer Maschine" arbeitet. Hier übernehmen die inneren chaotischen Kräfte seinen Geist und die Verwirrung ist endgültig. Seine Geschichte endet mit der Ermordung Lenes und ihres gemeinsamens Kind und er wird in Verwahrung genommen und ins Irrenhaus eingeliefertüberliefert.







2.
Wichtige Elemente der Darstellungsweise sind genaue Beobachtungen und Objektivität des Erzählers, wie zum Beispiel im ersten Teil des ersten Kapitels, es wird genau beschrieben wie pünktlich und einwandfrei Thiels Verhalten ist, wie korrekt und ordentlich er gekleidet ist und dass er ein guter Kirchgänger ist. Dies wird alles sachlich dargestellt ohne Kommentare.
Der Untertitel, eine novellistische Studie, deutet hin auf eine wissenschaftliche Untersuchung, mit anderen Worten, eine Studie, die den Zerfall und Auflösung eines Menschen zeigt, in diesem Fall Thiel. Zugleich wird auch ein ergreifendes Bild vom begrenzten Leben eines Bahnwärters erzählt.
Der Stil Hauptmanns orientiert sich am Gegenstand selbst, die Form wurde freigegeben und dadurch hat er eine "moderne" Schreibweise eingeführt, die der traditionellen Schreibweise fremd war. Die traditionelle Novellenform des 19.Jahrhunderts "führte durch krisenhafte Gefährdung, durch den Sturz ins Ungeordnete und Chaotische, zu einer versöhnenden Ordnung des Lebens zurück". Hauptmann dagegen führt den Leser von geordneten Zuständen in den chaotischen und zerstörerischen Verhältnissen der Menschen hinein, wasdass schließlich zu einem gewaltsamen Ende führt, wie hier die Ermordung zwei Menschen.
Die symbolische Erzählweise Hauptmanns lässt "dinglich-sinnliche Außenwelt und psychische Innenwelt" ineinander übergehen. Die Außenwelt wird zur Spiegel von Thiels Innenwelt, mit anderen Worten sein seelisches Leben, die Grenzen werden verwischt, sein inneres Gefühlleben nimmt immer mehr Platz und seine Welt bricht zusammen. Die Entfremdung zwischen der Wirklichkeit und seinem Ich mussmüssen als wichtige Konsequenzen gesehen werden.
Viele Symbole werden benutzt um Thiels seelische und körperliche Zerrissenheit zu verdeutlichen, wie zum Beispiel der Fluss, der die Grenze zwischen dem Leben und dem Tod darstellt. Der Fluss gilt hier auch als Trennung zwischen seinen zwei Welten, auf der einen Seite das Negative und das Triebhafte (Lene) und auf der anderen Seite das Positive und das Geistige (Minna). Als Lene die "Grenze" überschreitet, um auf dasdem Ackerland zu arbeiten, wird seine "heilige Welt" bedroht, sie drängt in sein Seelenleben hinein, daswas dann auch, wie wir sehen können, zur Katastrophe führt. Weitere Symbole finden wir in der Bahnstrecke und derm Bahn. Das waren am Anfang positive "Bilder" die dann ihren Charakter ändern und drohend werden und Unheil verkünden. (S.23 Z.22-34). Zusätzlich finden wir die Bahngeleise, die einer ungeheuren eisernen Netzmasche ähneln. (S.18 Z.4-[smiley: cool].
Das Bedrohliche wird noch einmal deutlich, etwas, dwas zuerst als etwas pPositives zu sehen war, wird auf einmal gefährlich. Er fühlt sich bedroht durch den Zug und auch von Lene, die verglichen wird mit einer Maschine.
Ein anderer Hinweis auf die nähernde Katastrophe, ist das angekündigte Unwetter sowohl in der Natur, wie auch bei ihm zu Hause, indem er sein vergessenes Butterbrot holt. Die Natur wird auch zum Symbol der zerstörerischen Kräfte, die in Thiel ausbrechen und ihnm zum Schluss dann auch vernichten.
Noch ein wichtiges Moment in der Erzählweise ist der Sekundenstil, in dem alle Details genau registriert werden, wie zum Beispiel in der Szene, wo Tobias vom Zug überfahren wird. Hier wird der Zug mit den dazugehörenden Geräuschen exakt wiedergegeben, die dann wiederum das kommende Unheil verkünden.
Das Fehlen der Kommunikation der CharaktereNovellenfiguren untereinander ist auch ein wichtiger Punkt, der Verlust der Sprache verstärkt den Eindruck von der Handlungsunfähigkeit Thiels. (S.16, Z 11-21)
Abschließend möchte ich erwähnen, dass Änderungen in der Erzählweise sich in bBezug auf demdas ersten und das zum zweiten Kapitel feststellen lassen. Das erste Kapitel kann man als eine Einleitung bezeichnen und im zweiten Kapitel hingegen, fängt die eigentliche Handlung an, das heißt die Entwicklung hat begonnen, die zur Katastrophe führt.



3.
Das Motiv dieser Novelle ist das Verhältnis zwischen den Geschlechtern, starke Frauen und schwache Männer und deren Abhängigkeitsverhältnis in Beziehung Sexualität, wo die Frau die dominierende ist.. Hier wird das Milieu und die Alltagswelt der kleinen Leute beschrieben, sowie die sexuelle Triebwelt und die Zerfallsgeschichte eines Menschen, namens Thiel, der Iirrsinnig wird.
Thema des ungesicherten Menschen, das vielfältig variiert wird, ist hier ein wichtiger Punkt. Das Irrationale ist ein wichtiger Ansatz. Eine scheinbar realen und geordneten Welt geht in eine chaotischen und geisterhaften Welt über. Die alltäglich- durchschnittliche Wirklichkeit, die bis ins Detail beschrieben wird, geht verloren, und stattdessen kommt eine Welt der Vision, der Träume, des Übernatürlichen zum Vorschein.

Diese Novelle zeigt eine Anlehnung an den Naturalismus. Das bedeutet, dass man hier Ansätze zur naturalistischen Zustandsschilderungen wiederfindet. Die einzelnen Vorgänge, der Verfall eines Charakters werden "wissenschaftlich" vorgetragen. Gleichzeitig gibt Hauptmann mehr als eine naturalistische Studie aus Milieu und Psychologie. Er zeigt uns eine Tragödie menschlichen Schicksals, wie in dieser Studie von Thiel, der in gespaltener Existenz zu leben versucht. Früher oder später muss das scheitern. Indem Thiel sich bewusst wird, dass die Wirklichkeit doch stärker ist als sein Seelenleben, bricht seine Welt zusammen und die darauffolgenden Geschehnisse zeigen seine Entwicklung zu einem Wahnsinnigen.

In Bahnwärter Thiel kann man im gewissen Sinne von einem deterministischen Menschenbild sprechen, weil in dieser Novelle das Fehlen des freien Willens vorherrschend ist. Die Umstände bringen Thiel um seinen Verstand, er ist nicht imstande sich aus der hoffnungslosen Situation zu befreien.



Janne Iversen