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      Nr. 39/1999
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Wahrheit ist Erfindung

In "Nichts als die Wahrheit" stellt sich Josef Mengele der Justiz - ein Film von Roland Suso Richter  Von Christian Jürgens

Er kommt, um die Wahrheit zu sagen. Nichts als die Wahrheit. Der alte Mann scheint aus der Zeit gefallen, wie er, kahlköpfig, mit seinem steifen Anzug, auf dem Berliner Flughafen steht. Tatsächlich hält die Welt ihn bereits seit 20 Jahren für tot. Jetzt ist er aus seinem Versteck irgendwo im Hinterland von Argentinien angereist, um seine Geschichte zu erzählen. Kann aber auch sein, dass er nur ein letztes Spiel spielen will. Denn der alte Mann ist ein großer Puppenspieler. Wie an unsichtbaren Fäden dirigiert er seine Helfer, den Anwalt, sogar seine Ankläger, inszeniert einen Prozess, in dem er selbst die Hauptrolle spielt. Der alte Mann ist schwer an Knochenkrebs erkrankt, er hat nichts mehr zu verlieren - noch nicht mal sein Leben. Der alte Mann ist der Todesengel von Auschwitz.

Der Regisseur Roland Suso Richter lässt die Story von Nichts als die Wahrheit von Anfang an der kalten, schnellen Logik eines Albtraums folgen. Gerade noch war Anwalt Peter Rohm in seinem Leben ganz zu Hause. Er hat eine erfolgreiche Kanzlei und eine hübsche und intelligente Frau. Seine gute Gesinnung trägt er so selbstverständlich mit sich herum wie seinen scheußlichen Bart. Peter Rohm hat alles. Deswegen hat er alles zu verlieren. Nur ein kleiner Schatten liegt über Rohms Leben: Seit Jahren versucht er ein Buch über den KZ-Arzt Josef Mengele zu schreiben, aber er bringt keine Zeile heraus, weil er Mengeles Motive nicht nachvollziehen kann. Auf seiner Geburtstagsfeier findet Rohm in einem Paket ohne Absender ein bizarres Geschenk, die SS-Uniform des Dr.Josef Mengele. Noch am selben Abend wird Rohms Wagen gerammt, er folgt dem Täter, gerät in eine Falle, wird betäubt und entführt. Und schon sitzt er in Argentinien Josef Mengele gegenüber, dem Mann, der die vielleicht abscheulichsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen hat.

Mengele schlägt Rohm einen absurden Deal vor: Er wird sich der deutschen Justiz stellen, unter der Bedingung, dass Rohm ihn als Anwalt vertritt. Als Gegenleistung verspricht er ihm die Antworten auf seine Frage. Und die lautet: "Warum? Warum haben Sie das getan?"

Der US-Staranwalt Alan Dershowitz hat einmal erklärt: "Würde Hitler heute aus dem brasilianischen Dschungel kriechen, und es fände sich kein Anwalt, dann würde ich ihm sagen: Ich hasse Sie, aber ich werde Ihre Verteidigung übernehmen.' Ich würde nicht zulassen, dass ein Hitler unser Rechtssystem zerstört." Nach langem Zögern willigt Rohm widerwillig ein, Mengele zu verteidigen. Aus Berufsethos, weil er die Überlegenheit des deutschen Rechtssystems beweisen will. Aus Neugierde, weil er das Motiv für Mengeles Menschenversuche verstehen will. Aus Eitelkeit, weil er das Blitzen der Kameras genießt.

Das Monster Mengele geriert sich als Humanist

Nichts als die Wahrheit ist ein kühner Film. Sicherlich wird es Diskussionen geben, ob es legitim ist, dem Schlächter Mengele eine Bühne zu geben. Aber Nichts als die Wahrheit ist gar nicht so sehr ein Versuch über das Damals, sondern ein gewagtes Gedankenspiel über die Gegenwart: Wie könnte das Deutschland von heute mit dem realen Einbruch des absolut Bösen, der Schuld der Vergangenheit umgehen?

Während der Gerichtsverhandlung ist Mengele in einen gläsernen Käfig gesperrt. Das Böse mag als Schauobjekt begafft werden, aber es muss isoliert werden. Das Gericht dämonisiert das Monster Mengele und folgt darin der in Deutschland immer noch beliebtesten, weil einfachsten Deutung des Nationalsozialismus. Denn wenn Hitler und seine Helfer wirklich "Dämonen" waren, dann ist der Nationalsozialismus wie etwas Über- oder Unmenschliches über die Deutschen hereingebrochen. Und das erleichtert die individuelle Schuld gewaltig.

Mengele wird diesen Glaskäfig, der ihn von den so genannten normalen Menschen separiert, im Verlauf der Verhandlung umfunktionieren, er wird ihn zu einem Spiegel machen. "Sehen Sie", sagt der alte Mann ganz ruhig, "ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut." Und: "Wenn Sie in meine Augen schauen, sehen Sie dann wenigstens ein bisschen sich selbst?" Mengele ist nur allzu menschlich. Das macht seine Verbrechen umso grauenvoller. Die vor dem Gerichtsgebäude paradierenden Skins nennt er "kahlköpfige Monster". Es sind die stärksten Szenen in diesem Film, wenn Mengele den selbstgerechten Anklägern ihre moralische Überlegenheit wie Absätze von den Schuhen tritt. "Was war Auschwitz?", fragt der Staatsanwalt, sicher, dass Mengele die Existenz der KZs leugnen wird. "Aber Herr Staatsanwalt, das wissen Sie doch", entgegnet der Alte fast gelangweilt, "Auschwitz war ein Massenvernichtungslager."

Nein, Mengele leugnet nichts. Er gesteht all seine Taten. Selbst die barbarischsten. Nur will er sie aus dem Kontext seiner Zeit verstanden wissen. Er habe Auschwitz nicht gemacht, sei nur ein Rädchen im Getriebe einer großen Maschine gewesen. Die Standardwerke über Euthanasie seien bereits seit den frühen Zwanzigern Teil der medizinischen Praxis gewesen. Und die Menschen, die er durch seine Versuche verkrüppelt hat, habe er immerhin vor der Gaskammer bewahrt. Das Monster geriert sich als Humanist. Und die skandalöse Verteidigungsstrategie funktioniert besser, als Rohm es erhofft oder befürchtet hätte. Mengele. Einer von uns soll das Buch heißen, das Rohm vielleicht einmal schreiben wird.

Götz George als Mengele spielt seine größte Rolle. Und Kai Wiesinger gelingt es als Anwalt Rohm, nicht hinter ihm zurückzustehen. Hätte Roland Suso Richter ganz der Grundkonstellation seines Films und dem Spiel seiner Hauptdarsteller, die er so brillant führt, vertraut, dann wäre dies ein großer Film geworden. Ein kühnes, intelligentes Experiment, ein existenzielles Duell zweier Männer, von denen einer, Rohm, fast an seiner Aufgabe zerbricht: "Mache ich es gut, bin ich ein schlechter Mensch. Mache ich es schlecht, bin ich ein schlechter Anwalt. Mache ich es gar nicht, bin ich ein Feigling."

Nichts als die Wahrheit ist aber leider kein großer Film geworden, weil Richter und Drehbuchautor Johannes W. Betz ihn bis an die Grenze der Groteske überfrachtet haben. Muss bei dieser eh schon konstruierten Ausgangssituation dann auch noch ein Mordanschlag auf Mengele verübt werden, Rohms schwangere Frau (Caroline Eichhorn) als Journalistin des Tagesspiegels gegen ihren Mann anschreiben und schließlich in ein Bombenattentat geraten?

Dann stellt Rohm fest, dass seine Mutter (Doris Schade) in der NS-Zeit als Krankenschwester zwei Menschen getötet hat. Als die Frau Mama dann vor Gericht mit tränenerstickter Stimme zu tremolierenden Geigen ihre Schuld eingesteht (was hat das eigentlich mit dem Mengele-Prozess zu tun?), überschreitet der Film alle Taktgrenzen und ertrinkt dergestalt im Kitsch, dass es fatal an das unsägliche Einer-für-alle-Finale von Spielbergs Schindlers Liste erinnert.

Man kann, man muss Richter vorwerfen, dass er sein Thema durch diese Soap- und Thrillerelemente unnötig verwässert und verschenkt hat, dass Nichts als die Wahrheit so nur ein weiterer Schritt zur Normalisierung im Umgang mit dem "Dritten Reich" ist. Dennoch: Kalt lassen wird dieser Film keinen. Alle Beteiligten haben an das Projekt geglaubt, und das merkt man ihm an.

Als es Finanzierungschwierigkeiten gab, haben von Regisseur Richter über Hauptdarsteller Kai Wiesinger bis hin zu den Beleuchtern alle ihre Gagen zurückgestellt. Götz George hat den Dreh mit über einer Million Mark Privatkapital unterstützt und lakonisch gesagt: "Irgendwann muss man mal Butter bei die Fische tun."

Und eins darf man diesem Film nicht absprechen: Er zeigt, dass es letztlich nichts ändern würde, wenn ein Mengele käme, um Aufschluss zu geben. Es würde nichts erklären. Vielleicht ist Mengeles Auftritt eine perfide Show. Vielleicht sagt Mengele auch die Wahrheit. Seine Wahrheit. Wer weiß das? Es führt eben kein Weg hinter die Worte. Keiner in das Innere eines Kopfes. So gibt es immer nur Erklärungen, Entschuldigungen, es gibt Worte, aber keine Wahrheit. Wahrheit, hat einmal ein weiser Mann gesagt, ist die Erfindung eines Lügners. Die Frage bleibt. Warum hat er es getan? In einem anderen, einem wahrhaft großen Gerichtsdrama ist diese Erkenntnis längst formuliert. Georg Büchners Danton sagt: "Aber (er deutet auf Stirn und Augen) da, da, was liegt hinter dem? Geh, wir haben grobe Sinne. Einander kennen? Wir müßten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren."

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© beim Autor/DIE ZEIT 1999 Nr. 39
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