Fontane


Nr. 1 show images see all slides
Fragen:
1) Welche Strukturelemente / Kunstmittel dominieren im Roman Irrungen Wirrungen? Welche Funktion haben diese Strukturelemente / literarischen Mittel?

2) Inwiefern weicht Fontanes Realismus (durch die Struktur, den Aufbau, die poetischen Mittel) vom europäischen Realismus (z. B. Stendhal) ab?
Nr. 2 show images see all slides
- Im Roman Le rouge et le noir (norsk: Rödt og sort) aus dem Jahre 1830 gibt uns Stendhal ein Bild der französischen Gesellschaft, das historisch korrekt ist. Die Geschichte spielt in Frankreich der Restaurationszeit nach der Revolution und nach der napoleonischen Zeitalter. Die Handlung hätte nicht zu einer anderen Zeit stattfinden können, sie ist an dieser spezifischen, historischen Situation gebunden. Dies ist typisch für den Realismus: die historisch korreke Darstellung des Milieus.
Nr. 3 show images see all slides
- Die ewigen Problemstellungen bei Goethe finden auch zum Teil ewiggültige Lösungen. Ewige menschliche Gesetze kommen durch die Symbolik, durch den Kunstzusammenhang des Romans (Wiederholungen, Parallele usw.) zum Ausdruck. Ganz anders bei Stendhal. Hier erscheint die Welt nicht zuerst als ein künstlicher, schöner und gesetzlich geordneter Zusammenhang, sondern eher als etwas Unübersichtliches. Der Held des Romans "Le rouge et le noir", Julian Sorel, reagiert auf die Umwelt. Darin liegt ein wichtiges Strukturmerkmal des Romans, nämlich, daß Julians Individualität die Richtung der Handlung bestimmt (indem er auf die Realiät reagiert, er befindet sich in der Spannung zwischen Freiheit und Determination). Die fiktionale Realität des Romans von Stendhal ist aber nicht durch Symbole, Wiederholungen, Parallele usw. geordnet. Die Realität ist chaotisch und unübersichtlich, trotzdem aber durch gewisse Merkmale gekennzeichnet, die diese Realität als Frankreich anno 1830 erkennbar macht.
Nr. 4 show images see all slides
So plaudernd und neckend blieb sie stehen und bückte sich, um auf einem langen und schmalen Erdbeerbeete, daß sich in Front von Zaun und Hecke hinzog, nach einer Früherdbeere zu suchen. Endlich hatte sie, was sie wollte, nahm das Stengelchen eines wahren Prachtexemplars zwischen die Lippen und trat vor ihn hin und sah ihn an.
Er war auch nicht säumig, pflückte die Beere von ihrem Munde fort und umarmte sie und küßte sie.
Meine Süße Lene, das hast du recht gemacht [...] (Klett: 2[smiley: cool]
Nr. 5 show images see all slides
Aber da sind ja noch Erdbeeren. Ei, das ist nett. Kommen Sie Kleine, wir wollen welche pflücken (wenn nur das verdammte Bücken nicht wär), und wenn wir eine recht große finden, dann wollen wir ihn mitnehmen. Die steck ich ihm in den Mund und dann freut er sich. Denn Sie müssen wissen, er ist ein Mann wien Kind und eigentlich der Beste. (Klett: 83)
Nr. 6 show images see all slides
Was aber sonst zu dem Gesamtgewese der Gärtnerei gehörte, ja die recht eigentliche Hauptsache derselben ausmachte, war durch eben dies kleine Wohnhaus wie durch eine Kulisse versteckt, und nur ein rot- und grüngestrichenes Holztürmchen mit einem halb weggebrochenen Zifferblatt ließ vermuten, daß hinter dieser Kulisse noch etwas anderes verborgen sein müsse, welche Vermutung denn auch in einer von Zeit zu Zeit aufsteigenden, das Türmchen umschwärmenden Taubenschar und mehr noch in einem gelegentlichen Hundegeblaff ihre Bestätigung fand. Wo dieser Hund eigentlich steckte, das entzog sich freilich der Wahrnehmung, trotzdem die hart an der linken Ecke gelegene, von früh bis spät aufstehende Haustür einen Blick auf ein Stückchen Hofraum gestattete. Überhaupt schien sich nichts mit Absicht verbergen zu wollen, und doch mußte jeder, der zu beginn unserer Erzählung des Weges kam, sich an dem Anblick des dreifenstrigen Häuschens und einiger im Vorgarten stehenden Obstbäume genügen zu lassen. (Klett: 3)
Nr. 7 show images see all slides
Es war die Woche nach Pfingsten, die Zeit der langen Tage, deren blendendes Licht mitunter kein Ende nehmen wollte. Heut aber stand die Sonne schon hinter dem Wilmersdorfer Kirchturm, und statt der Strahlen, die sie den ganzen Tag über herabgeschickt hatte, lagen bereits abendliche Schatten in dem Vorgarten, dessen halb märchenhafte Stille nur noch vonder Stille des von der alten Frau Nimptsch und ihrer Pflegetochter Lene mietsweise bewohnten Häuschens übertroffen wurde. (Klett: 3 f.)
Nr. 8 show images see all slides
Na, das ist recht, liebe Frau Dörr, daß Sie mal wieder rüberkommen. Und noch dazu vons Schloß. Denn ein Schloß ist und bleibt es. Hat ja nen Turm [...] (Klett: 4)
Nr. 9 show images see all slides
1. Wärme, Liebe, Echtheit, Traum, Märchen, Realität? Wahrheit?
2. Gesellschaftsmaske, Schloß, Leben, die Wirklichkeit der Konvensionen, Realität?
Nr. 10 show images see all slides
Ja, dies Schloß! In der Dämmerung hätt es bei seinen großen Umrissen wirklich für etwas Derartiges gelten können, heut aber, in unerbittlich heller Beleuchtung daliegend, sah man nur zu deutlich, aß der ganze bis hoch hinauf mit gotischen Fenstern bemalte Bau nichts als ein jämmerlicher Holzkasten war, in dessen beide Giebelwände man ein Stück Fachwerk ... (Klett: 7)
Nr. 11 show images see all slides

Haben Sie Pläne, Sommerpläne, meine gnädigste Gräfin? Und nun antwortest du, daß leider noch nichts feststünde, weil der Papa durchaus nach dem Bayrischen wolle, daß aber die Sächsische Schweiz mit dem Königstein und der Bastei dein Herzenswunsch wäre. (Klett: 22)
Nr. 12 show images see all slides
Aber, sagte Lene, wenn es alles so redensartlich ist, da wundert es mich, daß ihr solche Gesellschaften mitmacht (Klett: 23)
Nr. 13 show images see all slides
Die Sellenthinschen Damen sind alle sehr anmutig, Mutter wie Töchter; ich war vorigen Sommer mit ihnen in Norerney ... (Klett: 42)
Nr. 14 show images see all slides
Botho über Käthe: Aber es fehlt etwas. Es ist alles so angeflogen, so bloßes Gesellschaftsecho. (Klett: 12[smiley: cool]

Lene über Botho: Aber, sagte Lene, wenn es alles so redensartlich ist, da wundert es mich, daß ihr solche Gesellschaften mitmacht (Klett: 23)
Nr. 15 show images see all slides

Eigentlich führte sie das Wort, und keiner nahm Anstoß daran, weil sie die Kunst des gefälligen Nichtssagens mit einer wahren Meisterschaft übte. (Klett: 116)
Nr. 16 show images see all slides
Der Roman soll ein Zeitbild sein, ein Bild seiner Zeit. Alles Epochemachende, namentlich alles Dauernde, was die Erzählliteratur der letzen 150 Jahre hervorgebracht hat, entspricht im wesentlichen dieser Forderung. Die großen englischen Humoristen dieses und des vorigen Jahrhunderts schilderten ihre Zeit; der französische Roman [...] ist ein Sitten- und Gesellschaftsroman. (über Gustav Freytags Die Ahnen)
Nr. 17 show images see all slides
Unter solchem Gespräche waren sie bei Hiller angelangt, wo der alte Baron bereits an der Glastür stand und ausschaute, denn es war eine Minute nach eins. Er unterließ aber jede Bemerkung und war augenscheinlich erfreut, als Botho vorstellte: Leunant von Wedel.
Ihr Herr Neffe...
Nichts von Entschuldigungen, Herr von Wedell,alles was Wedell heißt, ist mir willkommen... (Klett: 37)
Nr. 18 show images see all slides
Eigentlich, lieber Wedell, sind wir verwandt; es gibt keine Wedells, mit denen wir nicht verwandt wären, und wenns auch bloß durch einen Scheffel Erbsen wäre; neumärkisch Blut in allen. Und wenn ich nun mein altes Dragonerblau wiedersehe, da schlägt mir das Herz bis in den Hals hinein. (Klett: 38 f.)
Nr. 19 show images see all slides
Eine kurze Wiederholung: der Gesellschaftsroman Irrungen Wirrungen ist einerseits der Tradition Goethes verhaftet, indem die Wirklichkeit in eine Kunstwirklichkeit transformiert wird. Künstlerisch eingesetzte Wiederholungen, Paralelle und Kontraste tragen dazu bei. Einige Gesetze oder Regelmäßigkeiten treten zutage, welche der reinen, realistischen Darstellung gesellschaftlicher Zustände eine zusätzliche Dimension geben.
Diese Gesetze sind aber nicht, wie es im Klassizismus der Fall war, ewige, allgemeingültige Gesetze. Sie tragen im Gegenteil dazu bei, die zeitgebundenen Problematik Bothos und Lenes zu verdeutlichen. Die Wirklichkeit wird verklärt.