Christa Wolf: Nachdenken über Christa T.

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CHRISTA WOLF: Nachdenken über Christa T.

Hinweise zum Kontext:

(Zitate aus W. Emmerichs "Kleine Literaturgeschichte der DDR". Kiepenheuer Verlag: Leipzig 1997, Kap. 2: Literatur in einer geschlossenen Gesellschaft. Institutionen der gelenkten Literatur. Zensur und Selbstzensur. S.48-62)

I: Zur literaturpolitischen Situation der DDR:

S. 48: "Die Literatur der DDR war Planungsliteratur par excellence. Das heisst, dass ausnahmslos alle Etappen im Leben eines Literaturwerkes gelenkt und kontrolliert wurden (oder werden sollten): Entstehung, Drucklegung und Veröffentlichung, Vertrieb, Literaturkritik, endlich Lektüre und Wirkung. Für diesen Zweck würde eine lückenlose Kette von Institutionen geschaffen, deren Kunststücke zweifellos das sogenannte Druckgenehmigungsverfahren war".

S. 50: "Ging es doch der DDR-Literaturgesellschaft weniger um Werbung für das Buch als Ware, deren Verkauf Gewinn bringen musste, sondern um Literaturpropaganda (so eine selbstgewählte Formel), die dem Leser ideologisch und ästhetisch für vorrangig gehaltene Bücher nahebringen sollte."

S. 51: "Auf die Rolle des Erziehers und ideologischen Wächters über normierte Leseprozesse in der Bevölkerung war auch die Literaturkritik von vornherein festgelegt."

S. 52: "[...] das literarische Leben des Landes [war] von einem durch und durch autoritären, repressiven Kontrollapparat durchdrungen [], das die erklärten Aufgaben hatte, [...] die thematische Jahres- und Perspektivplanung der Verlage anzuleiten, zu koordinieren und ihre Erfüllung zu kontrollieren und ihre Erfüllung zu kontrollieren; die Manuskripte der Buchverlage und die Erzeugnisse der nichtlizenzierten Verlage zu begutachten und Druckgenehmigungen zu erteilen. [] Druckgenehmigungsverfahren bedeutete auf gut deutsch nichts anderes als: Zensur".

S. 53: "Die Zensur verlangte [...] die Zustimmung des Autors zu ihren Eingriffen, also zu den geforderten Auslassungen, Streichungen und Umformulierungen. Am Ende lief alles auf Selbstzensur hinaus, denn der Urheber des Textes musste billigen oder billigend in Kauf nehmen, was ihm mit sanftem oder kräftigem Druck vorgeschlagen wurde. (M. Jäger).
[...] In den Worten Christa Wolfs (1984): 'Immer, wenn mich ein besonders starker, besonders hartnäckiger und zugleich diffuser Widerstand daran hindert, zu einem bestimmten Thema etwas zu Papier zu bringen immer dann ist Angst am Werke, meist die Angst vor der Verletzung von Tabus'.
[...] In diesem Bekenntnis Wolfs schwingt noch ein wichtiges Moment mit [...]: die schwer irritierbare Treue zur Sache des Sozialismus bei allen jenen, die in der Loyalitätsfalle des Antifaschismus gefangen waren".

S. 54: "Dieses umfassende Instrumentarium der Einschüchterung und Repression von Schriftstellern konnte freilich nicht verhindern, dass sich die bessere, kritische DDR-Literatur zunehmend in den 70er und 80er Jahren auf zwei literarischen Märkten präsentierten, nämlich ausser auf dem der DDR auf dem der Bundesrepublik. Das hatte es Mitte der 60er Jahre noch kaum gegeben".

S. 55: "Die Beschneidung der Meinungs- und Publikationsfreiheit begann spätestens mit dem Jahr 1948 und hatte ihre ersten Höhepunkte in der Formalismuskampagne 1951/52 und nach dem Unganraufstand 1956. Die Verdrängung Peter Huchels vom Posten des Chefsredaktuers bei der Akademiezeitschrift Sinn und Form um die Jahreswende 1962/63 und das 11. (sogenannte Kunst-)Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 waren die nächsten tiefen Einschnitte einer repressiven Literaturpolitik, deren wirksamste Instrumente mit zunehmnder Tendenz Zensur und Verbot einzelner Texte hiessen".

S. 56: "Auf eine kritische Gegenwartsliteratur, die aktuelle Missstände und Verirrungen des DDR-Sozialismus ganz ohne menschlichen Antlitz ins Visier nahm, reagierten die Zensurbehörden der DDR natürlich entschieden rigoroser und oft genug vernichtend. Dies sei wenigstens an einem literarisch bemerkeswerten und mittlerweile auch gut dokumentirten Beispiel demonstriert: an Christa Wolfs Roman 'Nachdenken über Christa T.' Er ist einer der härtesten Zensurfälle, zumal wenn man bedenkt, dass die Autorin damals nicht irgendein Parteimitglied sondern kurz zuvor noch Kandidatin des Zentralkimitees der SED gewesen war".


Hinweise zu Autorin und Werk

I: Zu Christa Wolf
(Zitate aus Emmerich, Kap. 5: Unterwegs zum Widerspruch. Prosa der uneingepassten Subjektivität S. 190-214)

S. 204: "[...] Christa Wolfs Debüt als Prosaautorin liegt zu Beginn der 60er Jahre. Kein anderer DDR-Schriftsteller hat so stark wie sie aus der individuellen Erfahrung subjektiv authentisch zu schreiben versucht und einbekannt, dass ihm die Realität nicht mehr etwas Selbstverständliches, Fertiges, ohne Umschweife Darstellbares ist. Dennoch erreichen ihre Prosatexte ein hohes Mass an Prägnanz in ihren Aussagen über die DDR-Gesellschaft. Sie entziehen sich auch von vornherein bisher verwendeten vergröbernden Etiketten wie Agroroman, Produktionsroman oder ABF-Roman, weil sie vom eigenen Anspruch her wie in der Umsetzung entschieden komplexer sind. Vor allem in den seit 1967 veröffentlichten Texten von Christa Wolf gelangt das grosse Thema des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft auf ein neues Niveau".

S. 209: "Christa Wolfs Werk ist, über sich hinaus, von besonderer
literaturgeschichtlichen Relevanz, insofern es Zeichen gesetzt, Bewegungen ermutigt hat und gleichzeitig selbst neue Tendenzen am deutlichsten markiert hat. Dies gilt thematisch, aber auch für die Erzählweise und die poetologischen Reflexionen darüber. Ihre 1967 erschienene Erzählung 'Juninachmittag' (entstanden 1965) und 'Nachdenken über Christa T.' sind [...] erste und zugleich deutlichste Beispiele einer kompromisslosen Abkehr vom Konzept des auktorialen, olympischen, allwissenden Erzählers ohne dass Christa Wolf das Recht des Erzählers auf Einmischung, Kommentar, Reflexion je preisgegeben hätte. Der Tod de Literatur (Kursbuch Nr. 15) und die Exekution des Erzählers (Kurt Batt über die Literatur der Bundesrepublik) ist ihre Sache nie gewesen. Ihr ging es gerade umgekehrt immer um die Verwirklichung der subjektiven Authenzität als der vierten, für sie realen Dimension des Kunstwerkes".

S. 209: "[...] der grosse Essay 'Lesen und Schreiben' (196[smiley: cool] demonstriert ihre hartnäckig bohrende, produktive literaturtheoretische Arbeit, die in einer programmatischen Bestimmung zeitgemässer Prosa gipfelt: 'Prosa schafft Menschen, im doppelten Sinn. Sie baut tödlichen Vereinfachungen ab, indem sie die Möglichkeiten vorführt, auf menschliche Weise zu existieren. Sie gilt als Erfahrungsspeicher und beurteilt die Strukturen menschlichen Zusammenlebens unter dem Gesichtspunkt der Produktivität. Sie kann Zeit raffen und Zeit sparen, indem sie die Experimente, vor denen die Menschheit steht, auf dem Papier durchspielt: Da trifft sie sich mit den Massstäben der sozialistischen Gesellschaft. Die Zukunft wird wissen, wie wichtig es ist, den Spielraum für die Menschen zu vergrössern. Prosa kann die Grenzen unseres Wissens über uns selbst weiter hinausschieben. Sie hält die Erinnerung an eine Zukunft in uns wach, von der wir uns bei Strafe unseres Untergangs nicht lossagen dürfen. Sie unterstützt das Subjektwerden des Menschen. Sie ist revolutionär und realistisch: Sie verführt und ermutigt zum Unmöglichen'".

S. 210: "So, wie es in Christa T. darum ging, neue Sinne für den Sinn einer neuen Sache zu entfalten, geht es hier [im oben zitierten Essay Lesen und Schreiben ] um das Noch-Nicht-Gewordene in der Gesellschaft, die Dimension der offenen Zukunft 'Geist der Utopie' und 'Prinzip Hoffnung' im Sinne des ehedem Leipziger Philosophen Ernst Bloch, von dessen Denken Christa Wolf seinerzeits allerdings noch nicht beeinflusst war (wie oft behauptet wird)".

S. 211: "In der Tat war aus der treuherzigen Adeptin des Abziehbildrealismus, die ja auch zeitweise zur Kandidatin des ZK der SED aufgestiegen war, innerhalb weniger Jahre eine im Wortsinn freie, souveräne Schriftstellerin geworden, die ihrer eigenen Maxime folgt, 'über das Abweichende [zu] schreiben' und 'ein freies Verhältnis zum Stoff zu behaupten'".

II: Zum Text 'Nachdenken über Christa T.':

1) Zum Inhalt (Thema):

S. 207: "[...] 'Nachdenken über Christa T.' stellt, pointiert gesagt, die Frage nach der spezifischen historischen Form von Individualität, die die neue Produktions- und Lebensweise in der DDR hat entstehen lassen. Einen Stoff. Eine Fabel, einen Inhalt im wörtlichen Sinne gibt es nicht. Erzählanlass war der frühe Tod eines Menschen, der Freundin Christa T. , die der Autorerzählerin nahestand und über die sie nun, nach deren Tod, nachdenkt. Trauer also ist der Inhalt des Buches, weniger aber im Sinne einer Elegie, eines hilfslosen Klagegesangs (wie es viele westliche Kritiker sehen wollten), sondern vielmehr Lernen, In-Gang-Setzen von Erkenntnis über einen sehr bewusst und im besten Sinn anspruchsvoll lebenden Menschen und die Gesellschaft, in der sich dieses individuelle Leben vollzog".

S: 208: "Christa T., Schulkameradin und Mitstudentin der Erzählerin, später Frau eines Tierartzes auf dem Lande und Mutter zweier Kinder, die schliesslich mit noch nicht 40 Jahren an Leukemie stirbt. Das ist die eher banale Biographie [...] . Sicherlich ist das zunächst intime bewegende Interesse der Autorin dasjenige für die verstorbene Freundin, die deizidiert als nicht beispielhaft, kein Vorbild bezeichnet wird, aus deren Leben und Sterben kein pragmatisches Fazit gezogen werden kan. Und dennoch macht sie unter der Hand mit ihrer Trauerarbeit einer Gesellschaftsordnung den Prozess, die sich die Entfaltung des Menschen zum Menschen auf die Fahnen geschrieben hat, in der die Menschen jedoch täglich-alltäglich zu Vehikeln einer abstarkten Produktivkraftsteigerung und Systementfaltung [] gemacht werden: in der die Wissenschaftlich-Technische Revolution zum Fetisch geworden und das sich selbst bestimmende Individuum auf der Strecke geblieben ist. So steht am Ende dieser Nicht-Fabel unter dem Becherschen Motto: 'Was ist das: dieses Zu-sich-selber-Kommen des Menschen?' ein Nicht-Ankommen. Eine zwar nicht vorbildhaft gemeinte, aber gleichwohl programmatische Verweigerung der Anpassungszwänge im realen Sozialismus".

S. 210: "Christa Wolfs Figur Christa T. steht am deutlichsten für eine neue Haltung des Subjekts, die Dieter Schlenstedt als Herausfallen aus der Gewöhnungen bezeichnet hat. [...] solche Figuren [...], die sich die Frage stellen, wie der Mensch, als moralisches Wesen, leben solle. Eine auf der subjektiven Ebene angesidelte Problematik steht also [...] im Zentrum einer Literatur, deren mittlerweile weiter Abstand zur Programmatik des Bitterfelder Weges, aber auch zum geforderten Planer- und Leitersujet augenfällig ist".


2) Zur Form (Erzähl- und Darstellungsweise):

S. 207: "1969 erschien Christa Wolfs Roman 'Nachdenken über Christa T.', und damit wiederum ein Buch, das eminentes Aufsehen erregte, wenn auch in der DDR vehement behindert. Viele Kritiker sahen in ihm einen Sprung, oder mehr noch: einen Bruch gegenüber dem bisherigen Werk, das bei aller Kritik die Grundage des Modells DDR wie auch die in diesem Land sanktionieren ästhetischen Verfahrensweisen nicht in Frage gestellt hatte".

S. 208: "Erzählt ist dies alles in einer äusserst komplizierten, jedoch nie modisch, gewollt anmutende Darstellungsweise, die Rückblenden, Vorgriffe, Träume, gegenwärtige Reflexionen u.a.m. dem Erzählinteresse des mehreutigen Nachdenkens entsprechend auf- und ineinanderschichtet. Dabei ist für den Leser immer wieder das nie ganz aufgeklärte, nie fixierte Verhältnis zwischen Christa T., der nachdenken Erzählerin und der Autorin Christa Wolf irritierend; Verhältnisse, die zwischen Identifikation und Distanz schwanken".


3) Zur Rezeption (Kritik):

S. 210: "Die Begeisterung der [westdeutschen] Kritiker war nahezu einhellig. 'Nachdenken über Christa T.' wurde nach Inhalt (Ich-Problematik) und Form (Erzählen im Widerspruch zur Wiederspiegelungsästhetik) für die Moderne reklamliert, die Autorin zur Dichterin erhöht. Die DDR-Rezeption verlief entschieden schwieriger. Zwar sollte das Buch im Frühjahr 1969 in einer Startauflage von 15000 Exemplaren erscheinen; es wurde jedoch nur eine kleine Teilauflage ausgeliefert. Die dann wirklich ausgelieferte zweite Auflage folgte erst drei Jahre später. [...]. Rezensionen erschienen - anders als beim 'Geteilten Himmel' - kaum. Mehr oder weniger intern wurde jedoch der Autorin vorgeworfen, ein weder sozialistisches noch realistisches Buch geschrieben, sondern 'Innenweltschau' - 'ohne Perspektivbewusstsein'(Max Walter Schulz) betrieben zu haben".