
lyrik
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EIN GLEICHES
Über allen Gipfeln
Ist Ruh.
In allen Wipfeln
Spürest du
Keinen Hauch;
Die Vöglein schweigen im Walde!
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
Johann Wolfgang von Goethe: Ein gleiches. [1780] In: Ders.: Gedichte. Hg. und komm. von Erich Trunz. München: Beck 1981, S. 142.
Es gibt nur drei echte Naturformen der Poesie: die klar erzählende, die enthusiastisch aufgeregte und die persönlich handelnde: Epos, Lyrik und Drama.
Johann Wolfgang von Goethe
Verfall
Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.
Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.
Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,
Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.
Georg Trakl: Verfall. [1909] In: Ders.: Das dichterische Werk. Auf Grund der historisch-kritischen Ausgabe von Walther Killy und Hans Szklenar. Salzburg: Müller 1972, S. 35.
Patrouille
Die Steine feinden
Fenster grinst Verrat
Äste würgen
Berge Sträucher blättern raschlig
Gellen
Tod.
August Stramm: Patrouille. [1915] In: Ders.: Die Dichtungen. Sämtliche Gedichte, Dramen, Prosa. Hg. von Jeremy Adler. München: Piper 1990, S. 102.
EIN AUGE, OFFEN
Stunden, maifarben, kühl.
Das nicht mehr zu Nennende, heiß,
hörbar im Mund.
Niemandes Stimme, wieder.
Schmerzende Augapfeltiefe:
das Lid
steht nicht im Wege, die Wimper
zählt nicht, was eintritt.
Die Träne, halb,
die schärfere Linse, beweglich,
holt dir die Bilder.
Paul Celan: Ein Auge, offen. [1959] In: Paul Celan: Die Niemandsrose. Sprachgitter. Gedichte. Frankfurt a.M.: Fischer 1980, S. 123.
spruch mit kurzem o
ssso
Ernst Jandl: spruch mit kurzem o. [1964] In: Ders.: Gesammelte Werke 1. Gedichte. Hg. von Klaus Siblewski. Frankfurt a.M.: Luchterhand 1985, S. 305.
Carlfriedrich Claus: Eulenspiegel-Reflex. [1964/65] In: Ders.: Erwachen am Augenblick. Sprachblätter. Bearb. von Klaus Werner. Herausgegeben von den Städtischen Museen Karl-Marx-Stadt und dem Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster. Münster: Westfälisches Museum für Kunst und Kulturgeschichte 1990, S. 35.
Der Spinnerin Lied
Es sang vor langen Jahren
wohl auch die Nachtigall;
das war wohl süßer Schall,
da wir zusammen waren.
Ich sing und kann nicht weinen
und spinne so allein
den Faden klar und rein,
solang der Mond wird scheinen.
Da wir zusammen waren,
da sang die Nachtigall;
nun mahnet mich ihr Schall,
daß du von mir gefahren.
Sooft der Mond mag scheinen,
gedenk ich dein allein;
mein Herz ist klar und rein,
Gott wolle uns vereinen.
Seit du von mir gefahren,
singt stets die Nachtigall;
ich denk bei ihrem Schall,
wie wir zusammen waren.
Gott wolle uns vereinen,
hier spinn ich so allein,
der Mond scheint klar und rein,
ich sing und möchte weinen.
(Clemens Brentano: Der Spinnerin Lied. [1802] In: Hans Lobentanzer: Gedichtinterpretation. Grundlagen Beispiele Übungen. Sekundarstufe II. Abitur. München: Ehrenwirth 1982, S. 91. )
Reklame
Wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
was sollen wir tun
heiter und mit musik
und denken
heiter
angesichts eines Endes
mit musik
und wohin tragen wir
am besten
unsre Fragen und den Schauer aller Jahre
in die Traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge
was aber geschieht
am besten
wenn Totenstille
eintritt
(Ingeborg Bachmann: Reklame. [1956] In: Hannes Krauss / Andreas Erb (Hg.): Vom Nullpunkt zur Wende... Deutschsprachige Literatur nach 1945. Ein Lesebuch für die Sekundarstufe. Erweiterte Neuausgabe. Essen: Klartext 1999, S. 49.)
chanson
l'amour
die tür
the chair
der bauch
the chair
die tür
l'amour
der bauch
der bauch
die tür
the chair
l'amour
l'amour
die tür
the chair
le tür
d'amour
der chair
the bauch
le chair
der tür
die bauch
th'amour
le bauch
th'amour
die chair
der tür
l'amour
die tür
the chair
am'lour
tie dür
che thair
ber dauch
tie dair
che lauch
am thür
ber'dour
che dauch
am'thour
ber dür
tie lair
l'amour
die tür
the chair
(Ernst Jandl: chanson. In: Ders.: Gesammelte Werke 1. Gedichte. Hg. v. Klaus Siblewski. Frankfurt a.M.: Luchterhand 1985, S. 88f.)
Herbert Grönemeyer
Mensch
momentan ist richtig,
momentan ist gut
nichts ist wirklich wichtig
nach der ebbe kommt die flut
am strand des lebens
ohne grund, ohne verstand
ist nichts vergebens
ich bau die träume auf den sand
und es ist, es ist ok
alles auf dem weg,
und es ist sonnenzeit
unbeschwert und frei
und der mensch heißt mensch
weil er vergisst,
weil er verdrängt
und weil er schwärmt und stählt
weil er wärmt, wenn er erzählt
und weil er lacht,
weil er lebt
du fehlst
das firmament hat geöffnet,
wolkenlos und ozeanblau
telefon, gas, elektrik
unbezahlt, und das geht auch
teil mit mir deinen frieden,
wenn auch nur geborgt
ich will nicht deine liebe,
ich will nur dein wort
und es ist, es ist ok
alles auf dem weg
und es ist sonnenzeit
ungetrübt und leicht
und der mensch heißt mensch
weil er irrt und weil er kämpft
und weil er hofft und liebt,
weil er mitfühlt und vergibt
und weil er lacht
und weil er lebt
du fehlst
oh, weil er lacht,
weil er lebt
du fehlst
(instrumental..)
es ist, es ist ok
alles auf dem weg
und es ist sonnenzeit
ungetrübt und leicht
und der mensch heißt mensch
weil er vergisst,
weil er verdrängt
und weil er schwärmt und glaubt,
sich anlehnt und vertraut
und weil er lacht
und weil er lebt
du fehlst
oh, es ist schon ok
es tut gleichmäßig weh
es ist sonnenzeit
ohne plan, ohne geleit
und der mensch heißt mensch
weil er erinnert, weil er kämpft
und weil er hofft und liebt
weil er mitfühlt und vergibt
und weil er lacht,
und weil er lebt,
du fehlst
oh, weil er lacht,
weil er lebt,
du fehlst
(aus dem Album "Mensch", 2002)