Genitiv



GENITIV

(Kurzfassung von Reiten S. 156 169 in deutscher Übersetzung. Die Beispiele sind teils übernommen, teils neu oder abgeändert. Für weitere Beispiele wird auf die entsprechende Stelle in Reiten verwiesen.)

Allgemein zum Genitiv: Der Genitiv wird im modernen Deutsch immer weniger gebraucht, insbesondere in den Funktionen Objekt und Adverbial. In Attributfunktion hat sich der Gebrauch des Genitivs besser erhalten. Der Genitiv wird häufig durch Präpositionalgefüge ersetzt, besonders in der Umgangssprache. Wo er noch gebraucht werden kann, hat er in der Regel einen hohen Stilwert (klingt oft altmodisch, förmlich, literarisch u.dgl.). Mitunter ist der Wechsel zwischen Genitiv und Präpositionalgefüge auch mit Bedeutungsunterschieden verbunden (z.B. bei müde). Da die Verben und Adjektive, die den Genitiv regieren (können), auch in der Regel einer gehobenen Stilschicht zuzurechnen sind, werden in der Umgangssprache oft andere Verben/Adjektive mit der gleichen oder einer ähnlichen Bedeutung gebraucht, die eben nicht den Genitiv regieren (können), sondern den Akkusativ oder ein Präpositionalobjekt (z. B. sich einer Person annehmen vs. sich um eine Person kümmern, sich einer Methode bedienen vs. eine Methode anwenden/benutzen, einer Sache würdig sein vs. eine Sache verdienen etc.).

A Genitivobjekt, von einem Verb regiert

1 a Als einziges Objekt bei einigen echten reflexiven Verben: Der Arzt nahm sich des Kranken an

Weitere Verben: sich bedienen, sich enthalten, sich erfreuen, sich rühmen
Sehr gehoben auch: sich befleiBigen und sich bemächtigen
Konkurrenz mit Präpositionalgefüge bei: sich schämen (über/wegen), sich erbarmen (über), sich erinnern (an) Präp.gefüge ist hier üblicher.

1 b Als einziges Objekt bei bedürfen (vgl. brauchen und benötigen mit Akk.!) und gedenken; weiter in gewissen Fällen bei entbehren (Diese Behauptung entbehrt jeder Grundlage) und bei spotten (Das spottet jeder Beschreibung) sonst Akkusativ bei diesen beiden Verben: Sie entbehrt schmerzlich ihren Freund. Sie spottete ihn.

* Sätze mit gedenken können auch im (unpersönlichen) Passiv stehen: Man gedachte der gefallenen Soldaten - Es wurde der gefallenen Soldaten gedacht / Der gefallenen Soldaten wurde gedacht

2 Genitivobjekt neben einem Akkusativobjekt: Der Staatsanwalt hat ihn des Betrugs (auch: wegen Betrug(s)) angeklagt

Weitere Verben: beschuldigen, überführen, verdächtigen, würdigen; weniger frequent bzw. noch gehobener: bezichtigen und zeihen (= beschuldigen), entheben (=befreien von), entwöhnen (= abgewöhnen), berauben (= rauben), entbinden (= befreien von - bei letzterem Verb auch oft Präp.gefüge mit von).

* Im Passiv wird das Akkusativobjekt zum Subjekt, das Genitivobjekt (bzw. das Präpositionalobjekt) bleibt unverändert: Er wurde des Betrugs/wegen Betrug(s) angeklagt


B Genitivobjekt, von einem Adjektiv regiert: Ich bin mir/Du bist dir/Er ist sich keiner Schuld bewuBt

Weitere Adjektive mit dem Genitiv: gewiss, müde (auch Präp.gefüge mit von bei anderer Bed.!), sicher, würdig; bei überdrüssig kommt auch der Akkusativ vor (Gen. üblicher!), ebenfalls bei wert ( Gen. nur in festen Wendungen: der Mühe/der Rede wert); bei fähig kommt auch Präp.gefüge vor ( mit zu, heute gewöhnlich), ebenfalls bei schuldig (mit an; kleiner Bedeutungsunterschied: Er war des Mordes schuldig vs. Er war am Unglück schuldig (vgl. schuld)) und bei voll (mit von, bisweilen auch mit; beides geläufig; es gibt auch in gewissen Fällen die erweiterte Form voller - Präp.gefüge nicht möglich, wohl aber undeklinierte Form in gewissen Fällen).

* Es gibt noch andere Adjektive mit dem Genitiv als die hier erwähnten, z.B. (einer Sache) mächtig (sein) (= etwas beherrschen); (einer Sache) bedüftig (sein) (= etwas brauchen). Diese sind aber so veraltet/gehoben, dass man sich in der Regel anders ausdrückt (vgl. die Ausdrücke in Klammern).

C Genitiv als Adverbial mit temporaler, lokaler oder modaler Bedeutung.

Auch in dieser Funktion wird der Genitiv immer mehr durch andere Ausdrücke ersetzt, in erster Linie durch Präp.gefüge.

1 Temporales Adverbial (temporaler Genitiv)

Eines Tages kam ein Fremder vorbei
Eines Vormittags passierte etwas Unerwartetes
Eines Nachts wurde er plötzlich krank

* Bedeutungsbeschreibung: Der temporale Genitiv bezeichnet den unbestimmten Zeitpunkt (und das Substantiv steht immer mit dem unbestimmten Artikel). Frage: Wann?

* Der temporale Genitiv wird in der Regel nur dann benutzt, wenn das Substantiv (Tag, Morgen, Vormittag, Nachmittag, Abend, Nacht + Wochentage Montag etc.) ohne Attribut steht. NB! eines Nachts!!

* Ersatz durch Präpositionalgefüge ist möglich und besonders bei den Wochentagen üblich: Er kam an einem Montag.

* Wenn das Substantiv mit einem anderen Substantiv zusammengesetzt ist oder mit einem Adjektiv als Attribut steht, benutzt man Präpositionalgefüge: An einem Wintermorgen / In einer dunklen Nacht passierte Folgendes: NB! eines schönen Tages!!

* Mit dem bestimmten Artikel konnte der Genitiv früher den immer wiederkehrenden Zeitpunkt bezeichnen: Des Morgens geht er spazieren. Dieser Gebrauch ist heute veraltet. Man benutzt stattdessen die ensprechenden Wörter als Adverbien mit s-Endung: Er geht morgens/abends/vormittags/nachts spazieren. Auch Präpositionalgefüge können so gebraucht werden: Am Tage arbeitet er, in der Nacht schläft er.

* am 17. Mai dieses Jahres/nächsten Jahres; am Abend des 12. April Bei mehrteiligen Zeitangaben steht der umfassendere Teil als Genitivattribut (= Genitiv der Zugehörigkeit) bei dem weniger umfassenden Teil. NB! Unterschied zum Norwegischen!!

* Auch Genitiv Plural dieser Tage kann als Adverbial zur Bezeichnung des unbestimmten Zeitpunktes gebraucht werden. Die Form kann sich sowohl auf Gegenwart wie Vergangenheit und Zukunft beziehen: Er ist dieser Tage (i disse dager) in Bergen Ich habe sie dieser Tage (her om dagen) in Oslo getroffen Er wird uns dieser Tage (en av dagene) einen Besuch abstatten.

2 Lokales Adverbial (lokaler Genitiv)

Er ging seines Weges (auch: seiner Wege)
Linker/Rechter Hand liegt das neue Rathaus (üblicher: links/rechts, zur linken/rechten Hand, auch: zur Linken/Rechten)
Über den Antrag wird bereits höheren Ort(e)s verhandelt

* Dieser Gebrauch ist beschränkt auf die Substantive Weg, Hand und (selten!) Ort. Es handelt sich um erstarrte Reste früheren Gebrauchs.


3 Modales Adverbial (modaler Genitiv)

a In einigen Fällen kann der Genitiv die Funktion eines modalen Adverbials im engeren Sinne (= Art und Weise, Frage: Wie?) haben. Es handelt sich meist um feste Ausdrücke.

Er fährt immer erster Klasse
Wir kehrten unverrichteter Sache/Dinge zurück
Weitere Beispiele: stehenden FuBes antworten, leichten FuBes davoneilen

* In einigen Fällen konkurriert dieser Genitiv mit Präpositionalgefüge; der Genitiv ist seltener und klingt gehoben: Sehnsüchtigen Blickes / Mit sehnsüchtigem Blick starrt sie in die Ferne. Er verschenkte ruhigen Gewissens / mit ruhigem Gewissen die bedenklichen Sachen.

b In ein paar Ausdrücken ist der Genitiv Satzadverbial (d.h. er bezieht sich auf den ganzen Satzinhalt).

Er ist meines/unseres Wissens (så vidt jeg vet) ein kluger Mann
Meines/Unseres Erachtens (etter mitt/vårt skjønn) wurde er zu lebenslänglich verurteilt


D Genitiv als Prädikativ (prädikativer Genitiv)

Ich bin der Ansicht, dass wir umkehren sollten
Er ist immer guter Laune
Er ist französischer Abstammung
Weitere Beispiele: der (festen) Überzeugung sein, fremden Ursprungs sein, guten Muts sein

Auch dieser Genitiv ist gewöhnlich nur in Verbindung mit wenigen Substantiven:
mening: Ansicht, Meinung, Überzeugung
sinnstilstand: Laune, Mut (auch: guter Dinge sein, guten Willens sein)
opprinnelse: Ursprung, Herkunft, Abstammung (auch: gleichen Alters/Geschlechts sein)
art: Art, Natur
In der Regel steht ein Adjektiv beim Substantiv, vgl. die Beispiele oben.

* In dieser Funktion ist der Genitiv recht fest bei den genannten Substantiven, nur wenige Ausdrücke lassen sich durch Präpositionalgefüge ersetzen: guter Laune/bei (in) guter Laune sein; französischer Abstammung/von französischer Abstammung sein.

* Der prädikative Genitiv kann sich auch auf das Objekt beziehen, d.h. OPiv sein: Schon am selben Abend fand man ihn besserer Laune.


E Genitiv als Attribut (attributiver Genitiv)

Während der Genitiv in anderen Funktionen eine beschränkte Rolle spielt und stilistisch oft stark markiert ist (gehoben bzw. veraltet klingt), ist der attributive Genitiv heute noch recht gewöhnlich und auch in der Umgangssprache gebräuchlich.
Der attributive Genitiv ist als Attribut nur Teil eines Satzgliedes, nicht selber ein Satzglied. Er steht in der Regel als nähere Bestimmung zu einem Substantiv, seltener auch zu einem Pronomen.
Stellung des Genitivattributs: In der Regel nach dem übergeordneten Substantiv (Unterschied zum Norwegischen!):

Die Reise des Kaisers, der Freund meiner Tochter

Er kann aber auch vor dem übergeordneten Substantiv stehen, wenn es sich um einen Eigennamen ohne Artikel und um gewisse Verwandschaftsbezeichnungen handelt, die ebenfalls als Eigennamen gebraucht werden (Vater, Mutter, GroBvater, GroBmutter, Opa, Oma, Onkel, Tante):

Norwegens Ölindustrie, Brandts Ostpolitik, Vaters Geburtstag, Tantes Besuch, Opas Auto

Vorangestellte Genitivattribute mit Artikel kommen mitunter vor, sind aber stilistisch markiert (poetisch, literarisch) oder Teil einer festen Wendung:

Des Teufels General (Buchtitel), des Pudels Kern (Faust/Goethe), Was ist der langen Rede kurzer Sinn? (Redensart)

Der attributive Genitiv kann nach der Bedeutung in folgende (Haupt-)Typen eingeteilt werden:

1 Genitiv der Zugehörigkeit
2 subjektiver und objektiver Genitiv
3 Eigenschaftsgenitiv (beschreibender Genitiv)
4 Genitiv der Identität
5 Genitiv des geteilten Ganzen
6 Genitiv der Art

Diese werden im Folgenden der Reihe nach kurz behandelt.

1 Genitiv der Zugehörigkeit

Die Jacke meines Freundes, das Dach des Hauses, die Farbe des Autos, die Engel des Himmels, der Preis dieser Gläser, die Blätter des Baumes

Der Genitiv der Zugehörigkeit bezeichnet ein Besitzverhältnis oder eine Zugehörigkeit im weiteren Sinne. Auch im Norwegischen kann man in diesem Fall oft eine Genitivform benutzen, konkurrierend mit Präpositionalgefüge, vgl. die möglichen Übersetzungen ins Norwegische.

* Auch im Deutschen konkurrieren Präpositionalgefüge mit dem Genitivattribut besonders werden sie häufig in der Umgangssprache benutzt. Bei Besitzverhältnis ist die Präposition von: die Jacke von meinem Freund. Bei Zugehörigkeit im weiteren Sinne kommen auch andere Präpositionen vor: das Dach auf dem Haus, die Engel im Himmel, der Preis für diese Gläser, die Blätter am Baum.

* Wenn der Genitiv nicht formal zum Ausdruck kommen kann, muss man Präposition benutzen: der Vater von fünf Söhnen.

* Ein Kennzeichen des Genitiv der Zugehörigkeit ist, dass er durch ein Possessivpronomen ersetzt werden kann: seine Jacke, sein Dach, seine Farbe etc.


2 Subjektiver und objektiver Genitiv

Wenn der attributive Genitiv einem Verbalsubstantiv (einem von einem Verb abgeleiteten Substantiv) untergeordnet ist, liegt ein subjektiver oder objektiver Genitiv vor. Der subjektive Genitiv bezeichnet das logische Subjekt der Verbalhandlung, der objektive Genitiv das logische Objekt. Vgl. die folgenden Beispiele.

Die Entdeckung des Wissenschaftlers (Der Wissenschaftler entdeckt (etwas))
Die Entdeckung Amerikas ((Jemand) entdeckt Amerika)
Die Ankunft des Zuges (Der Zug kommt an)
Die Leitung des Heeres ((Jemand) leitet das Heer)

* Wie der Genitiv der Zugehörigkeit können auch der subjektive und der objektive Genitiv durch ein Possessivpronomen ersetzt werden: seine Entdeckung, seine Ankunft, seine Leitung.

* Der subjektive Genitiv entspricht in der Regel einem Genitiv im Norwegischen: vitenskapsmannens oppdagelse, togets ankomst. - Der objektive Genitiv ist selten im Norwegischen, in der Regel benutzt man Präpositionalgefüge mit av: Amerikas oppdagelse / häufiger: oppdagelsen av Amerika; hærens ledelse würde man in der Regel anders verstehen als ledelsen av hæren, nämlich als diejenigen Personen, die das Kommando haben (= Genitiv der Zugehörigkeit), die Leitung des Heeres ist zweideutig in dieser Hinsicht, vgl. Die Leitung des Heeres wurde ausgewechselt (=leitende Personen Gen. der Zugeh.), Die Leitung des Heeres wurde einem unbekannten General überlassen (= die Aufgabe, das Heer zu leiten objektiver Genitiv).

* Ohne Kontext kann man nicht immer wissen, ob ein subjektiver oder ein objektiver Genitiv (oder auch ein Genitiv der Zugehörigkeit) vorliegt: die Einladung des Kollegen kann heiBen Der Kollege lädt (jemand) ein (= kollegaens invitasjon) oder (Jemand) lädt den Kollegen ein (= invitasjonen av kollegaen). Weitere Beispiele für solche Zweideutigkeit sind: die Verleumdungen der Nachbarn, die Betreuung des Studenten, die Behandlung eines Arztes. In solchen Fällen neigt man dazu, zur Verdeutlichung den subjektiven Genitiv durch Präpositionalgefüge mit durch zu ersetzen, wenn das Verbalsubstantiv eine gewisse Aktivität impliziert: die Einladung durch den Kollegen, die Verleumdungen durch die Nachbarn, die Betreuung durch den Studenten etc.

* Ein Genitivattribut bei Verbalsubstantiven wie Furcht, HaB und Liebe wird im modernen Deutsch nur als subjektiver Genitiv interpretiert: die Furcht des Jungen = guttens frykt, die Liebe der Mutter = morens kjærlighet. Zur Bezeichnung der Objektrelation werden - wie im Norwegischen - Präpositionalgefüge benutzt: Die Furcht vor dem Jungen, der HaB gegen/auf den Vater, die Liebe zur Mutter.

* Die Entstehung von Werken (subj.), die Gründung von Städten (obj.), die Einladung von Kollegen (subj.?/obj.), die Verleumdung durch Nachbarn (subj.), die Verleumdung von Nachbarn (obj.). Wenn der subjektive oder objektive Genitiv nicht formal zum Ausdruck kommen kann, muss Präpositionalgefüge gebraucht werden (subj. Gen.: von oder durch; obj. Gen.: von, vgl. die Beispiele oben).

* die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg oder Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks, die Entdeckung Grönlands durch Eirik Raude oder Eirik Raudes Entdeckung Grönlands/von Grönland, die Vertretung des Kanzlers durch den AuBenminister normalerweise aber nicht: des AuBenministers Vertretung des Kanzlers. Sowohl ein subjektiver wie ein objektiver Genitiv können nur dann zugleich bei einem Substantiv stehen, wenn der subj. Genitiv vorangestellt ist. Voranstellung ist nur in gewissen Fällen möglich (Eigennamen u. Ähnl., vgl. oben). Nach dem Substantiv können nicht beide zugleich stehen. Wenn ein obj. Gen. vorhanden ist, muss man für den subj. Gen. Präp.gefüge mit durch verwenden, vgl. Beispiele oben.

* Normalerweise kann der objektive Genitiv nur bei Verbalsubstantiven gebraucht werden, die von transitiven Verben abgeleitet sind. Man sollte ihn besser nicht verwenden bei Substantiven, die von Verben mit Dativobjekt abgeleitet sind: die Vorbeugung der Krankheit (vgl. man beugt der Krankheit! vor), die Abhilfe der Armut (vgl. man hilft der Armut! ab). Mitunter kommt es aber doch vor.

* Auch bei einem Verbalsubstantiv, das die handelnde Person bezeichnet, kann ein objektiver Genitiv stehen. Meistens handelt es sich um Ableitungen auf er (mask.) und erin (fem.): der/die Gründer/in des Vereins, der Begleiter des hohen Gastes. Ein subjektiver Genitiv ist bei solchen Verbalsubstantiven ausgeschlossen, denn die handelnde Person wird ja durch das übergeordnete Substantiv bezeichnet. Bei diesen Substantiven können auch von Dativverben abgeleitete Substantive einen objektiven Genitiv bei sich haben: der Helfer der Armen, der Nachfolger des Ministers.


3 Eigenschaftsgenitiv (beschreibender Genitiv)

Der Eigenschaftsgenitiv beschreibt das übergeordnete Substantiv in der Art eines attributiven Adjektivs und kann oft durch ein Adjektiv der gleichen oder ähnlicher Bedeutung ersetzt werden. Er hat in der Regel ein adjektivisches Attribut und kommt nur nachgestellt vor. Er kommt meist in mehr oder wenigen festen Ausdrücken vor.

Ein Hotel ersten Ranges (ein erstrangiges Hotel)
Ein Mann mittleren Alters (ein mittelaltriger Mann)
Ein Mann edlen Geistes (ein edler Mann)
Ein Becher edlen Goldes (ein goldener Becher)
Ein Mann des Friedens (ein friedlicher Mann)
Eine Frau vornehmer Herkunft (eine vornehme/vornehm geborene Frau)

* Der Eigenschaftsgenitiv kann auch häufig durch Präpositionalgefüge ersetzt werden, meistens mit von oder (bei stofflicher Beschaffenheit) mit aus: Ein Mann vom mittleren Alter, ein Becher aus edlem Gold. Nur Präpositionalgefüge möglich, wenn kein Attribut vorhanden ist: ein Mann von Geist, ein Becher aus Gold.

4 Genitiv der Identität

Beim Genitiv der Identität liegt eine Art von Identität vor zwischen dem Genitivattribut und dem übergeordneten Substantiv. Er kann in der Regel nur nachgestellt stehen. Der Inhalt kann ausgedrückt werden durch einen Satz, wo das Genitivattribut Subjekt und das übergeordnete Substantiv Prädikativ ist:

Die Kunst des Schreibens (Das Schreiben ist eine Kunst)
Das Rätsel des Urknalls (Der Urknall ist ein Rätsel)
Die Tugend der Enthaltsamkeit (Die Enthaltsamkeit ist eine Tugend)
Der Titel eines Professors (Professor ist ein Titel)

* Der Genitiv der Identität kann oft durch Apposition ersetzt werden: das Rätsel Urknall, die Tugend Enthaltsamkeit, der Titel Professor. Wenn das Genitivattribut ein substantivierter Infinitiv ist, kann er durch einen attributiven Infinitiv ersetzt werden: die Kunst zu schreiben. Zum Teil so auch im Norwegischen.

* Eine Variante des Genitivs der Identität liegt vor im folgenden Fall: Der Hafen der Ehe (Die Ehe ist wie ein Hafen). Die Identität besteht nur im Sinne eines Vergleichs (wie!).

* Eine besondere Variante dieses Genitivs liegt auch vor in Fällen, wo das Substantiv im Genitiv und das übergeordnete Substantiv identisch sind: das Buch der Bücher, der König der Könige. Durch diese Ausdrucksweise, die es auch im Norwegischen gibt, wird etwas besonders hervorgehoben, sozusagen gesteigert, deshalb wird dieser Untertyp auch Genitiv der Steigerung genannt.

5 Genitiv des geteilten Ganzen

Dieser Genitivtyp und der folgende (Genitiv der Art) drücken ein Teil-Ganzes-Verhältnis aus und deshalb wird der Ausdruck partitiver Genitiv als Oberbegriff verwendet. Der Unterschied zwischen den beiden besteht darin, dass der Genitiv des geteilten Ganzen eine gleichartige bestimmte Masse oder Menge (bestimmter Artikel oder ein anderes Bestimmungswort vorhanden!) bezeichnet, der Genitiv der Art aber eine gleichartige unbestimmte Menge oder Masse (kein Bestimmungswort vorhanden!). - Ein partitiver Genitiv steht immer nachgestellt. Einen partitiven Genitiv gibt es im Norwegischen nicht.

Einige meiner besten Freunde sind Deutsche
Ein Teil des Geldes ging verloren
Er ist der jüngere der beiden Brüder
Einer der Verunglückten wurde gerettet

* Der Genitiv des geteilten Ganzen kann durch Präpositionalgefüge mit von, bei pluralischem Substantiv mitunter auch mit unter, ersetzt werden: einige von (unter) meinen besten Freunden, ein Teil vom Geld, der jüngere von den beiden Brüdern, einer von (unter) den Verunglückten. Ein solcher Ersatz ist besonders üblich in der Umgangssprache. Vgl. im Norwegischen av/blant!

* Wenn das Attribut ein Personalpronomen ist, muss Präpositionalgefüge gebraucht werden: einer von euch, viele von uns.

* Wenn die Pronomen wer, jemand und niemand die übergeordneten Wörter sind, muss auch Präpositionalgefüge gebraucht werden: Wer von den Spielern wird gewinnen? Niemand von/(unter) den Anwesenden wusste Bescheid. Jemand von/(unter) den Besuchern schrie laut auf.


6 Genitiv der Art

Zur Bedeutung vgl. die Beschreibung unter Pkt. 6 oben (Stichworte: Genitiv = gleichartige unbestimmte Masse oder Menge, übergeordnetes Substantiv = Teil davon).
Diesen Genitiv gibt es auch nicht im Norwegischen.

Wir haben eine Reihe wichtiger Themen behandelt
Er trank ein Glas eiskalter Milch
Ich bestellte ein Glas ungarischen Rotweins

* Mit dem Genitiv der Art konkurrieren Präpositionalgefüge mit von oder auch mit mit, wenn das übergeordnete Substantiv einen Behälter bezeichnet: eine Reihe von wichtigen Themen, ein Glas mit eiskalter Milch.

* Eine andere Ersatzmöglichkeit ist die sogenannte attributive Apposition, d.h. ein Substantiv im gleichen Kasus wie das übergeordnete Substantiv: Wir tranken ein Glas eiskalte Milch/ungarischen Rotwein/kaltes Wasser. Besonders im Mask. und Neutr. Sg. ist der Genitiv selten und klingt gehoben: ein Glas ungarischen Rotweins/kalten Wassers. - Im Plural ist die attributive Apposition nur dann üblich, wenn das übergeordnete Substantiv eine präzise MaB- oder Mengenangabe (oft mit Zahlen verbunden!) ist: ein Dutzend frische Eier/seltener auch: frischer Eier, 2 Tonnen gesalzene Heringe/auch: gesalzener Heringe. Im Dativ Pl. besteht aber eine starke Tendenz, auch in diesem Fall den Genitiv oder sogar die Nominativform zu benutzen: mit einem Dutzend frischer Eier/frische Eier (statt frischen Eiern), mit 2 Tonnen gesalzener Heringe/gesalzene Heringe (statt: gesalzenen Heringen). - Bei anderen übergeordneten Substantiven ist im Pl. der Genitiv üblich: Ein StrauB gelber Rosen/selten: gelbe Rosen, eine Schar fröhlicher Kinder/seltener: fröhliche Kinder. Bei Substantiven ohne Attribut ist Apposition die einzige Möglichkeit: Wir tranken ein Glas Rotwein und eine Tasse Kaffee.

* Im allgemeinen sind - wie bei den anderen Genitivtypen - die Ersatzformen (hier: Präpositionalgefüge/Apposition) relativ häufiger in der Umgangssprache als in der Schriftsprache (= unterschiedlicher Stilwert).

* Ein besonderer Typ des Genitivs der Art liegt vor, wenn das übergeordnete Substantiv eine Zeitspanne bezeichnet. Das Substantiv im Genitiv bezeichnet dabei den Inhalt dieser Zeitspanne: Zehn Stunden mühsamer Arbeit sind vorüber. Weitere Beispiele: tausend Jahre tragischen Kampfes, ein paar Minuten betrübten Dahindämmerns, zwei Wochen harter Arbeit. Ersatz durch Apposition ist in diesem Fall eher selten, kommt aber vor: Er erhielt eine Woche strengen Arrest. Auch im Norwegischen wird der Genitiv in solchen Fällen gebraucht, aber das Abhängigkeitsverhältnis ist umgekehrt: Das Substantiv, das die Zeitspanne bezeichnet, steht im Genitiv: ti timers anstrengende arbeid, tusen års tragisk kamp, to ukers hardt arbeid.

* Präpositionalgefüge (mit von) ist nur dann möglich, wenn die Rollen umgekehrt werden, d. h. das Substantiv im Genitivattribut steht als übergeordnetes Substantiv: eine mühsame Arbeit von zehn Stunden, ein tragischer Kampf von tausend Jahren.