
Weimar
In dem jetzt bevorstehenden Kampfe kenne ich in meinem Volke keine Parteien mehr. Es gibt unter uns nur noch Deutsche, und welche von den Parteien auch im Laufe des Meinungskampfes sich gegen mich gewendet haben sollte, ich verzeihe ihnen allen.
Volksgemeinschaft und Parteikampf schließen sich keineswegs aus , wenn nur der Parteikampf auf dem allen Parteien gemeinsamen Boden des nationalen Staatswesens geführt wird.
Die Geburtsstätte der nationalsozialistischen Bewegung ist nicht München, sondern Versailles.
Der britische Premierminister Lloyd George zeigte sich am 25. März 1919 skeptisch zur Zukunft des Versailler Friedensvertrags:
Es ist leicht, für die Generation einen Frieden zusammenzuflicken, die alle Greuel des Krieges selber erlebt hat. Die müden und ausgebluteten Nationen unterwerfen sich jedem Frieden. Schwer aber ist es, einen Frieden so zu gestalten, daß er auch dann noch dauerhaft ist, wenn die Geschlechter heranwachsen, die den Tod noch nicht selbst am Werk gesehen haben.
Artikel 48
(1) Wenn ein Land die ihm nach der Reichsverfassung oder den Reichsgesetzen obliegenden Pflichten nicht erfüllt, kann der Reichspräsident es dazu mit Hilfe der bewaffneten Macht anhalten.
(2) Der Reichspräsident kann, wenn im Deutschen Reiche die öffentliche Sicherheit und Ordnung erheblich gestört oder gefährdet wird, die zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung nötigen Maßnahmen treffen, erforderlichenfalls mit Hilfe der bewaffneten Macht einschreiten. Zu diesem Zwecke darf er vorübergehend die in den Artikeln 114, 115, 117, 118, 123, 124 und 153 festgesetzten Grundrechte ganz oder zum Teil außer Kraft setzen.
(3) Von allen gemäß Abs. 1 oder Abs. 2 dieses Artikels getroffenen Maßnahmen hat der Reichspräsident unverzüglich dem Reichstag Kenntnis zu geben. Die Maßnahmen sind auf Verlangen des Reichstags außer Kraft zu setzen.
(4) Bei Gefahr im Verzuge kann die Landesregierung für ihr Gebiet einstweilige Maßnahmen der in Abs. 2 bezeichneten Art treffen. Die Maßnahmen sind auf Verlangen des Reichspräsidenten oder des Reichstags außer Kraft zu setzen.
(5) Das Nähere bestimmt ein Reichsgesetz.
Notverordnung vom 18. Juli 1930, sie wurde vom Reichspräsidenten Hindenburg nach Ablehnung der Notverordnung durch eine Mehrheit im Reichstags vom 16. Juli verkündet:
>br<
"Nachdem der Reichstag heute beschlossen hat, zu verlangen, dass meine auf Grund des Artikels 48 der Reichsverfassung erlassenen Verordnungen vom 16. Juli außer Kraft gesetzt werden, löse ich auf Grund von Artikel 25 der Reichsverfassung den Reichstag auf.
Der Reichspräsident: von Hindenburg. Der Reichskanzler: Dr. Brüning."
Verfall
Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.
Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.
Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,
Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.
Georg Trakl: Verfall. [1909] In: Ders.: Das dichterische Werk. Auf Grund der historisch-kritischen Ausgabe von Walther Killy und Hans Szklenar. Salzburg: Müller 1972, S. 35.
Otto Dix: Der Streichholzhändler. (1920)
Otto Dix: Neugeborenes Kind auf Händen (1927)
August Sander: Handlanger (1927)
Raoul Hausmann: Was ist dada? Ausschnitt aus der von Raoul Hausmann herausgegebenen Zeitschrift 'Der Dada', Nr. 2, Berlin 1919. Aus: Karl Riha, Günther Kämpf (Hg.): "Raoul Hausmann. Am Anfang war Dada", Mit einem Nachwort von Karl Riha. Giessen: Anabas, 1992, 6. © VBK, Wien, 2002.
Hausmann, Raoul: Optophonetisches Gedicht (I)
Beschreibung: Optophonetisches Gedicht. Quelle: Riha, Karl/Kämpf, Günther: Raoul Hausmann. Am Anfang war Dada. Mit einem Nachwort von Karl Riha. Giessen: Anabas, 1992, S. 74. © VBK, Wien, 2002.
"Schon 1918 schuf ich mit meinen 'Plakat-Gedichten' eine Form, die die verschiedenen Werte der Konsonanten und Vokale durch verschiedene Grade der Buchstaben unterstrich, und befreite damit das phonetische Gedicht aus dem Käfig des Buches. Das Ziel und der endgültige Sinn der Phonie war: die Optophonetik."
"aus dem Kasten der großen hölzernen Buchstaben für Plakate nach Laune und Zufall
hingesetzt, was da so kam, und das war sichtbar gut.
Ein kleines f zuerst, dann ein m, dann ein s, ein b, eh, was nun? Na, ein w
und ein t und so weiter und so weiter, eine große écriture automatique mit
Fragezeichen, Ausrufezeichen und selbst einer Anzeigehand dazwischen!
Wirklich, der Setzer war sehr intelligent, ohne ihn wäre das nie zustande gekommen! Und da man schon einmal dabei war, so wurden vier verschiedene Plakate
gesetzt, dann auf ziegelrotem, auf grünem und auf gelbem Papier gedruckt
das sah wunderbar aus.
Ja, man muß nur Ideen haben und auch gleich entschlossen sein, sie
auszuführen. Zwei dieser Plakate waren in kleinen Buchstaben und zwei in
großen Buchstaben gesetzt worden O F F E A H und so.
Das war wirklich eine Sache, die die Herren Dichter, auch die vom Sturm
etwa, erstaunen mußte! Große sichtbare Lettern, also lettristische Gedichte,
ja noch mehr, ich sagte mir gleich optophonetisch! Verschiedene Größen zu
verschiedener Betonung! Konsonanten und Vokale, das krächzt und jodelt
sehr gut! Natürlich, diese Buchstabenplakatgedichte mußten gesungen
werden! DA! DADA!
WAS IST DER DADAISMUS UND WAS WILL ER IN DEUTSCHLAND?
Der Dadaismus fordert
1. die internationale revolutionäre Vereinigung aller schöpferischen und geistigen Menschen der ganzen Welt auf dem Boden des radikalen Kommunismus,
2. die Einführung der progressiven Arbeitslosigkeit durch umfassende Mechanisierung jeder Tätigkeit. Nur durch die Arbeitslosigkeit gewinnt der Einzelne die Möglichkeit, über die Wahrheit des Lebens sich zu vergewissern und endlich an das Erlebnis sich zu gewöhnen,
3. die sofortige Expropriation des Besitzes (Sozialisierung) und kommunistische Ernährung aller sowie die Errichtung der Allgemeinheit gehörender Licht- und Gartenstädte, die den Menschen zur Freiheit entwickeln.
Der Zentralrat tritt ein für:
a) die öffentliche tägliche Speisung aller schöpferischen und geistigen Menschen auf dem Potsdamer Platz (Berlin).
b) die Verpflichtung der Geistlichen und Lehrer auf die dadaistischen Glaubenssätze.
c) den brutalsten Kampf gegen alle Richtungen sogenannter geistiger Arbeiter (Hiller, Adler), gegen deren versteckte Bürgerlichkeit und gegen die Expressionismus und die nachklassische Bildung, wie sie vom Sturm vertreten wird.
d) die sofortige Errichtung eines Staats-Kunsthauses und für die Aufhebung der Besitzbegriffe in der neuen Kunst (Expressionismus), der Besitzbegriff wird vollkommen ausgeschaltet in der überindividualen Bewegung des Dadaismus, der alle Menschen befreit.
e) Einführung des simultanistischen Gedichtes als kommunistisches Staatsgebet.
f) Freigabe der Kirchen zur Aufführung bruitistischer, simultanistischer und dadaistischer Gedichte.
g) Errichtung eines dadaistischen Beirats in jeder Stadt über 50 000 Einwohner zur Neugestaltung des Lebens.
h) sofortige Durchführung einer großdadaistischen Propaganda mit 150 Cirkussen zur Aufklärung des Proletariats.
i) Kontrolle aller Gesetze und Verordnungen durch den dadaistischen Zentralrat der Weltrevolution.
k) sofortige Regelung aller Sexualbeziehungen im international dadaistischen Sinne durch Errichtung einer dadaistischen Geschlechtszentrale.
Der dadaistische revolutionäre Zentralrat
Gruppe Deutschland: Hausmann, Huelsenbeck, Golyscheff
(Zunächst an die erste Ausgabe von Der Dada (1919) angeheftetes doppelseitiges Flugblatt, dann in Huelsenbeck, Richard: En avant dada. Die Geschichte des Dadaismus. Hannover, Leipzig, Wien, Zürich: Paul Stegemann 1920, S. 29f.)
"Legen Sie Ihr Geld in dada an!
dada ist die einzige Sparkasse, die in der Ewigkeit Zins zahlt. Der Chinese hat sein tao und der Inder sein brama. dada ist mehr als tao und brama. dada verdoppelt Ihre Einnahmen. dada ist der geheime Schleichhandel und schützt gegen Geldentwertung und Unterernährung. dada ist die Kriegsanleihe des ewigen Lebens; dada ist der Trost im Sterben. dada muß jeder Bürger in seinem Testament haben. Was soll ich den dada enthüllen? dada wirkt im Kleingehirn und im Großgehirn der Affen so gut wie im Hintern der Staatsmänner. [...]"
"[...] Was ist nun der DADAISMUS?
Das Wort Dada symbolisiert das primitivste Verhältnis zur umgebenden Wirklichkeit, mit dem Dadaismus tritt eine neue Realität in ihre Rechte. Das Leben erscheint als ein simultanes Gewirr von Geräuschen, Farben und geistigen Rhythmen, das in die dadaistische Kunst unbeirrt mit allen sensationellen Schreien und Fiebern seiner verwegenen Alltagspsyche und in seiner gesamten brutalen Realität übernommen wird. Hier ist der scharf markierte Scheideweg, der den Dadaismus von allen bisherigen Kunstrichtungen und vor allem von dem FUTURISMUS trennt, den kürzlich Schwachköpfe als eine neue Auflage impressionistischer Realisierung aufgefaßt haben. Der Dadaismus steht zum erstenmal dem Leben nicht mehr ästhetisch gegenüber, indem er alle Schlagworte von Ethik, Kultur und Innerlichkeit, die nur Mäntel für schwache Muskeln sind, in seine Bestandteile zerfetzt.
Das BRUITISTISCHE Gedicht schildert eine Trambahn wie sie ist, die Essenz der Trambahn mit dem Gähnen des Rentiers Schulze und dem Schrei der Bremsen.
Das SIMULTANISTISCHE Gedicht lehrt den Sinn des Durcheinanderjagens aller Dinge, während Herr Schulze liest, fährt der Balkanzug über die Brücke bei Nisch, ein Schwein jammert im Keller des Schlächters Nuttke.
Das STATISCHE Gedicht macht die Worte zu Individuen, aus den drei Buchstaben Wald, tritt der Wald mit seinen Baumkronen, Försterlivreen und Wildsauen, vielleicht tritt auch eine Pension heraus, vielleicht Bellevue oder Bella vista.
[...] Dadaist sein kann unter Umständen heißen, mehr Kaufmann, mehr Parteimann als Künstler sein - nur zufällig Künstler sein - Dadaist sein, heißt, sich von den Dingen werfen lassen, gegen jede Sedimentsbildung sein, ein Moment auf einem Stuhl gesessen, heißt, das Leben in Gefahr gebracht haben (Mr. Wengs zog schon den Revolver aus der Hosentasche). Ein Gewebe zerreißt sich unter der Hand, man sagt ja zu einem Leben, das durch Verneinung höher will. Jasagen - Neinsagen: das gewaltige Hokuspokus des Daseins beschwingt die Nerven des echten Dadaisten - so liegt er, so jagt er, so radelt er - halb Pantagruel, halb Franziskus und lacht und lacht. Gegen die ästhetisch-ethische Einstellung! Gegen die blutleere Abstraktion des Expressionismus! Gegen die weltverbessernden Theorien literarischer Hohlköpfe! Für den Dadaismus in Wort und Bild, für das dadaistische Geschehen in der Welt. Gegen dies Manifest sein, heißt Dadaist sein!"
Aus dem "Dadaistischen Manifest" von 1918, Flugblatt, unterzeichnet von Tristian Tzara. Franz Jung. George Grosz. Marcel Jan-co. Richard Huelsenbeck. Gerhard Preiß. Raoul Hausmann. 0. Lüthy. Frederic Glauser. Hugo Ball. Pierre Albert Birot. Maria d'Arezzo. Gino Cantarelli. Prampolini. R. van Rees. Madame van Rees. Hans Arp. G. Thäuber. Andree Morosini. Francois Mombello-Pasquati. Dann in Dada-Almanach. Im Auftrag des Zentralamts der deutschen Dada-Bewegung hrsg. von Richard Huelsenbeck. Berlin: Reiss 1920, S. 36-38.)