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HILFSVERBEN MIT INFINITIV/PARTIZIP 2
Fernstudium Grammatik
Karl Ekroll NOV. 03
Inhalt
1.0 Hilfsverben und Vollverben S. 1
1.1 Nichtverbale Teile des Prädikats S. 2
1.2 Hilfsverben und Wortstellung S. 2
1.3 Die Funktion der Hilfsverben S. 3
1.3.1 Temporale Hilfsverben S. 3
1.3.2 Modale Hilfsverben S. 3
1.3.3 Diathese-Hilfsverben S. 7
1.3.4 Hilfsverben der Aktionsart S. 8
1.3.5 Restgruppe S. 9
1.4 Kombinationen von HV: Kompl. Präd. S.12
Übungsaufgaben S.14
Literaturhinweise: Reiten S. 131 135 (Gebrauch der Modalverben, objektive versus subjektive Verwendung), S. 217 220, S. 223 224 (infinitivregierende HV), S.227 229 (partizipregierende HV), vgl. auch S. 259 266 (über Passiv und Passivvarianten).
HILFSVERBEN
1.0 Hilfsverben und Vollverben
Wir unterscheiden zwischen Hilfsverben (HV) und Vollverben. Hilfsverben bilden zusammen mit einem Vollverb ein (zusammengesetztes) Prädikat, Vollverben können allein (in finiter Form) das Prädikat ausmachen.
(1) Das Wasser steigt (Vollverb)
(2) Der Regen wird aufhören (HV + Vollverb)
(3) Der Regen hat soeben aufgehört (HV + Vollverb)
Viele Verben können je nach Gebrauch sowohl HV wie Vollverben sein:
(4) Mein Nachbar hat ein neues Auto (Vollverb)
(5) Er hat lange geschlafen (HV)
(6) Er weiß, was man von ihm verlangt (Vollverb)
(7) Er weiß sich zu benehmen (HV, (objektive) modale Bed. im Sinne von können)
Die meisten HV verbinden sich mit einer infiniten Form des Verbs, und zwar entweder mit einem INF oder mit einem Partizip 2 (Part.2), u. a. auch Partizip Perfekt genannt. Vgl. (2), (3), (5) und (7). Ein Partizip 1 (Part.1), u. a. auch Partizip Präsens genannt, wird nie als Prädikatsteil (PT) gebraucht, steht also nie in Verbindung mit einem HV.
1.1. Nichtverbale Teile des Prädikats
In gewissen Fällen kann das Prädikat auch aus nichtverbalen Formen bestehen. In der Regel handelt es sich um folgenden Aufbau:
HV + Substantiv, evtl. angeschlossen durch Präposition (=Präpositionalgefüge)
Am wichtigsten ist hier das sogenannte Funktionsverbgefüge:
(
Die neue Methode fand bald in der ganzen chemischen Industrie Anwendung
(9) Sein Wunsch ging bald in Erfüllung
(10) Der Prozeß ist schon im Gange
Typisch für das Funktionsverbgefüge ist, daß der substantivische Teil ein Verbalabstraktum ist, d. h. ein von einem Verb abgeleitetes Substantiv, das die durch das Verb bezeichnete Handlung ausdrückt (anwenden > Anwendung; gehen > Gang etc.). Falls das zugrundeliegende Verb transitiv ist, kann u. U. das ganze Gefüge als Passivvariante gelten, vgl. (
und (9) mit (8') und (9').
(8') Die neue Methode wurde bald in der ganzen chemischen Industrie angewandt (= werden-Passiv)
(9') Sein Wunsch wurde bald erfüllt (= werden-Passiv)
Die HV von Funktionsverbgefügen sind einfache intr. oder tr. Bewegungsverben ( z.B.gehen, treten; bringen, stellen) oder Ruheverben (z.B. sein, stehen), wobei die konkrete (normale) Bedeutung dieser Verben verblaßt ist: Sie sind weitgehend sinnentleert.
Da wir uns im Folgenden mit dem INF und dem Part. beschäftigen werden, werden wir im weiteren nur diejenigen HV berücksichtigen, die sich mit diesen beiden infiniten Formen verbinden können.
1.2. Hilfsverben und Wortstellung
Ein wichtiges Kriterium zur Abgrenzung der HV von den Vollverben ist die Wortstellung:
Wenn ein INF oder ein Part. in Verbindung mit einem Verb nicht ausgeklammert werden kann (zusammen mit eventuellen abhängigen Gliedern), dann ist das betreffende Verb immer ein HV.
Beispiele:
(11) Er kann mir nicht helfen Vgl.: *Er hat nicht gekonnt/können, mir helfen
(12) Er braucht mir nicht zu helfen *Er hat nicht gebraucht/brauchen, mir z. h.
(13) Er scheint krank zu sein * Er hat geschienen, krank zu sein
(14) Er versuchte(,) mir zu helfen Er hat versucht, mir zu helfen
(15) Er glaubt(,) bald sterben zu müssen Er hat geglaubt, bald sterben zu müssen
Wie es aus den Beispielen (11) bis (15) hervorgeht, ist eine Ausklammerung des Infinitivs (zusammen mit davon abhängigen Gliedern) nur bei versuchen und glauben möglich, nicht aber bei können, brauchen und scheinen. - Die letzteren sind also in Verbindung mit einem INF immer HV.
1.3. Die Funktion der Hilfsverben
Die HV kann man nach der Funktion zunächst in folgende Gruppen einteilen:
- Temporale HV (Zeithilfsverben)
- Modale HV
- Diathese-HV (Passivhilfsverben)
- Aktionsart-HV
- Restgruppe
Im Folgenden kommentiere ich die Mitglieder jeder Gruppe kurz.
1.3.1. Temporale HV
In diese Gruppe gehören diejenigen HV, die zur Bildung der zusammengesetzten Tempusformen dienen. Einige Beispiele:
(16) Wir haben heute lange geschlafen (Perfekt)
(17) Bald werden wir schlafen (Futur 1)
(1
Er war eben ausgegangen, als ich seine Wohnung erreichte (Plusquamperfekt)
Die temporalen Hilfsverben sind relativ leicht zu identifizieren.
(Für einen Norweger ist es aber nicht immer leicht, diese Verben korrekt zu gebrauchen. Besonders die Wahl zwischen sein und haben im Perfekt/Plusquamperfekt kann mitunter Schwierigkeiten bereiten, weil deren Gebrauch im Deutschen zum Teil anders ist als der Gebrauch der entsprechenden Verben im Norwegischen.)
1.3.2. Modale HV
Hier denkt man in erster Linie an die sogenannten Modalverben (dürfen, mögen, müssen, können, sollen, wollen). Diese Verben können sowohl objektiv wie subjektiv gebraucht werden.
a) In der objektiven Verwendung wird durch diese Verben ausgedrückt, daß für das grammatische Subjekt die Pflicht, der Zwang, die Notwendigkeit, die Erlaubnis, die Möglichkeit u.a.m. besteht, die im abhängigen Infinitiv bezeichnete Handlung auszuführen.
Einige Beispiele:
(19) Er soll gleich kommen! (d.h. für er besteht die Notwendigkeit zu kommen; jemand verlangt das)
(20) Das Kind kann schon laufen (d.h. für das Kind besteht die Möglichkeit zu laufen; es ist dazu imstande, dazu fähig)
(21) Kurt möchte/will Deutsch lernen (d.h. Kurt hat die Lust bzw. den Willen, Deutsch zu lernen)
b) In der subjektiven Verwendung modifiziert der Sprecher die (Rest-)Aussage, bei können, mögen, dürfen (nur die K2-Form dürfte in dieser Verwendung!) und müssen in Richtung mehr oder weniger sicherer Vermutung, bei wollen und sollen in Richtung Referat (und zwar bei wollen Referat des grammatischen Subjekts und bei sollen Referat einer dritten Person). D.h. durch Verwendung von sollen oder wollen signalisiert der Sprecher, woher die Aussage stammt, er selber referiert nur. Vgl. die folgenden Beispiele:
Vermutung
(22) Das Wetter kann morgen besser werden
(23) Er mag so 30 Jahre alt sein
(24) Das dürfte stimmen
(25) Er muß 30 Jahre alt sein (denn er ist, wenn ich mich nicht irre, 1969 geboren)
Wenn der Sprecher können oder mögen so verwendet, ist der Sprecher relativ unsicher. Bei mögen klingt zudem oft mit, daß die Sache dem Sprecher ein bißchen gleichgültig ist. Bei dürfte ist er seiner Sache sicherer, zugleich drückt er sich stilistisch gehobener aus (typisch etwa für die Wissenschaftssprache). Wenn er müssen verwendet, ist er relativ sicher. Er hat dann gute Gründe für die Vermutung.
Referat
(26) Drei Gefangenen sollen auf der Flucht erschossen sein
(27) Er will der Sohn eines Millionärs sein
In (26) signalisiert der Sprecher durch sollen, daß die (Rest-)Aussage weder von ihm noch
vom grammatischen Subjekt stammt, sondern von einer dritten Person. Z.B. kann er es in den
Nachrichtensendungen gehört haben oder er hat es vielleicht in der Zeitung gelesen.
In (27) signalisiert der Sprecher durch den Gebrauch von wollen, daß die (Rest-)Aussage
eben vom grammatischen Subjekt stammt (er), d.h. das gr. Subjekt behauptet, der Sohn eines
Millionärs zu sein und der Sprecher referiert nur dessen Behauptung. Zugleich klingt oft mit,
daß der Sprecher eher skeptisch ist bezüglich der Wahrheit der Aussage, und er könnte z.B.
fortfahren: , aber ich glaube es nicht.
Die norwegischen Modalverben kunne, tør/turde und måtte og skulle haben entsprechende
Verwendungen, aber kaum ville, vielleicht bis auf folgenden Gebrauch in (herabschätzenden)
Ausrufen:
(2
Og han vil være dataekspert!
wenn jemand seine fehlenden Kenntnisse/Fertigkeiten auf dem betreffenden Gebiet zur Schau
gestellt hat.
Zum Ausdruck von subjektiver Modalität gibt es neben Modalverben auch
Satzadverbiale. Genau wie bei den Modalverben in subjektiver Verwendung modifiziert der
Sprecher die (Rest-)Aussage in Richtung Vermutung, Referat u.a.m. Vgl. (22) mit
(22') Das Wetter wird morgen vielleicht besser
(23) mit
(23') Er ist vielleicht so 30 Jahre alt
und (25) mit
(25') Er ist bestimmt 30 Jahre alt
Weiterhin kann man durch angeblich etwa das gleiche (=Referat) signalisieren wie durch
sollen in (26) und wollen in (27):
(26') Drei Gefangenen sind angeblich auf der Flucht erschossen worden
(27') Er ist angeblich der Sohn eines Millionärs
Dabei wird die Quelle der Aussage nicht mehr ausgedrückt. Wenn man statt angeblich einen Modalsatz mit wie mit die Polizei (26) oder mit ich (27) als Subjekt und ein passendes Verb als Prädikat einsetzt, wird auch die Quelle deutlich markiert:
(26'') Drei Gefangenen sind, wie die Polizei meldet, auf der Flucht erschossen worden
(27'') Er ist, wie er (selber) behauptet, der Sohn eines Millionärs
Je nach Tempusform des subjektiv gebrauchten Modalverbs (Präsens oder Präteritum) und Form des abhängigen Infinitivs (Infinitiv Präsens oder Infinitiv Perfekt) kriegen wir Folgendes (am Beispiel von müssen):
(29) Er muß ein reicher Mann sein (Gegenwärtige Vermutung über etwas Gegenwärtiges)
(30) Er muß ein reicher Mann gewesen sein (Gegenwärtige Vermutung über etwas Vergangenes)
(31) Er mußte ein reicher Mann sein (Vermutung in der Vergangenheit über etwas Vergangenes)
(32) Er mußte ein reicher Mann gewesen sein (Vermutung in der Vergangenheit über etwas in der Vorvergangenheit - in der Praxis relativ selten)
Wenn ein Modalverb mit einem Infinitiv Perfekt verbunden ist, liegt fast immer subjektive Verwendung vor. Eine Ausnahme liegt im folgenden Satz vor:
(33) Um zum Studium zugelassen zu werden, muß man das Abitur gemacht haben.
Hier haben wir objektive Verwendung von müssen (Notwendigkeit für das grammatische Subjekt). Vgl. aber (33) mit folgender Aussage:
(33') Er muß das Abitur gemacht haben, denn er studiert
Hier liegt subjektive Verwendung von müssen vor: Der Sprecher vermutet etwas mit grosser Sicherheit.
Modalverben kommen in subjektiver Verwendung nur in finiter Form vor (d. h. Präsens oder Präteritum Indikativ oder Konjunktiv). Es gibt bei dieser Verwendung kein Perfekt/Plusquamperfekt des Modalverbs. Das gibt es aber bei objektiver Verwendung. Dabei wird der sogenannte Ersatzinfinitiv gebraucht (Infinitiv statt Partizip 2):
(34) Was haben wir nicht alles durchleben müssen!
(35) Er hat diesmal nicht mitmachen können/dürfen/wollen.
Da die subjektive Verwendung eines Modalverbs ziemlich eindeutig ist (d. h. es liegt nur eine Bedeutungsvariante vor) und die objektive oft mehr Spielarten hat, kann es sich lohnen, die objektive Verwendung negativ zu definieren: Bei anderen Bedeutungen der Modalverben als Vermutung bzw. Referat liegt objektive Verwendung vor.
Neben den Modalverben gibt es auch noch andere Hilfsverben, die (objektive oder subjektive) modale Bedeutung haben:
* brauchen + Inf. mit oder ohne zu (obj. oder subj.)
* scheinen/drohen/versprechen + Inf. mit zu (subj.)
* wissen + Inf. mit zu ( obj.)
* haben + Inf. mit zu (obj.)
* sein/stehen/gehen/bleiben + Inf. mit zu (obj.)
* lassen + sich + Inf. ohne zu (obj.)
* gehören + Part. 2 (obj.)
Im Folgenden werden die vier zuerst genannten Konstruktionen kommentiert, die drei letzten werden weiter unten in Verbindung mit den Diathese-Hilfsverben diskutiert, weil die Verbindungen zugleich modale und passivische Bedeutung haben.
c) brauchen + Inf. mit oder ohne zu (obj. oder subj.)
brauchen kann von der Bedeutung her mit dem Modalverb müssen verglichen werden. Es wird im Gegensatz zu müssen aber nur in Fragen, in negierten Aussagen und in Aussagen mit einschränkenden Partikeln wie nur, bloß und lediglich gebraucht:
(36) Brauchst du auch abends (zu) arbeiten?
(37) Du brauchst nicht abends (zu) arbeiten
(3
Du brauchst nur abends (zu) arbeiten
In diesen Beispielen liegt objektive Verwendung vor: (negierte) Notwendigkeit für das grammatische Subjekt. brauchen kann aber auch subjektiv gebraucht werden:
(39) Das braucht nicht unbedingt (zu) stimmen (, es kann sich auch anderswie verhalten)
Hier wird eine relativ sichere Vermutung des Sprechers negiert, vgl. die entsprechende positive Aussage mit müssen:
(40) Das muß unbedingt stimmen
d) scheinen/drohen/versprechen + Inf. mit zu (subj.)
Diese drei Hilfsverben werden in subjektiver modaler Bedeutung gebraucht, sie drücken eine Vermutung aus, für die man gewisse Anhaltspunkte hat. Bei drohen ist die Vermutung mit einer negativen Einschätzung des Sprechers verbunden, bei versprechen mit einer positiven, während scheinen in dieser Hinsicht neutral ist, vgl. folgende Beispiele:
(41) Er scheint ein tüchtiger Datenexperte zu werden
(42) Es droht bald zu regnen
(43) Sie verspricht eine kluge Frau zu werden
drohen und versprechen können auch als Vollverben benutzt werden im Sinne von eine Drohung aussprechen bzw. ein Versprechen aussprechen. Der abhängige INF bzw. die abh. IK ist dann Op bei drohen (womit?) und Oa bei versprechen (was?):
(44) Sie drohten (damit), die Geiseln zu erschießen
(45) Er hat (es) mir versprochen, eine Stunde früher zu kommen
e) wissen + Inf. mit zu ( obj.)
wissen hat objektive modale Bedeutung etwa im Sinne von können (Fähigkeit des grammatischen Subjekts):
(46) Er weiß sich schon zu benehmen (vgl.: Er kann sich schon benehmen)
f) haben + Inf. mit zu (obj.)
haben hat objektive modale Bedeutung im Sinne von müssen/sollen (Notwendigkeit für das gr. Subjekt):
(47) Du hast augenblicklich mein Haus zu verlassen (Du sollst )
(4
Er hat noch drei Runden zu laufen (Er muß )
1.3.3 Diathese-Hilfsverben
Unter Diathese verstehen wir die Unterscheidung zwischen Aktiv, Passiv und Reflexiv.
a) In diese Gruppe gehören vor allem die Passivhilfsverben werden, sein und bleiben, die sich mit einem Part. 2 verbinden:
(49) Niemand wurde vermißt
(50) Er ist seit Dienstag vermißt
(51) Er bleibt weiterhin vermißt
b) Hierhin gehören auch stehen und gehen in den festen Verbindungen verlorengehen und geschrieben stehen:
(52) Der Krieg ging verloren (vgl. wurde verloren)
(53) Das steht auf einer Marmortafel geschrieben (vgl. ist geschrieben)
c) Passivhilfsverben sind auch bekommen/kriegen/erhalten im sogenannten bekommen-Passiv
(54) Wir bekamen das Essen serviert (stilistisch neutral)
(55) Er kriegte ein Fahrrad geschenkt (Umgangssprache)
(56) Man erhielt alles bestätigt (stilistisch gehoben)
d) sowie gehören im sogenannten gehören-Passiv, wo zusätzlich noch objektive modale Bedeutung im Sinne etwa von sollen (= Konj. 2 sollte) vorliegt:
(57) Der gehört eingesperrt! (= etwa: Der sollte eingesperrt werden/sein)
Dieser Gebrauch von gehören ist typisch für die Umgangssprache.
e) sein (stehen, gehen, bleiben) + Inf. mit zu. Auch diese Konstruktionen haben zugleich passivische und (objektive) modale Bedeutung:
(5
Fehler sind nicht zu vermeiden
(59) Alle Fragen sind zu beantworten
Vgl. die Umschreibungen:
(58') Fehler können nicht vermieden werden
(59') Alle Fragen sollen/müssen beantwortet werden
Die modale Bedeutung ist also entweder objektive Möglichkeit (im Sinne von können oder objektive Notwendigkeit (im Sinne von sollen/mussen).
Für die Konstruktion mit gehen gilt Folgendes: Modale Bedeutung nur Möglichkeit, stilistisch gesehen Umgangssprache:
(60) Das Bild geht nicht zu befestigen (= kann nicht befestigt werden)
stehen verbindet sich nur mit wenigen Verben (= feste Verbindungen), in erster Linie ändern, befürchten, hoffen.
(61) Das steht nicht zu ändern (= kann nicht geändert werden)
(62) Es steht zu hoffen/befürchten, daß (= Es darf gehofft werden/muß befürchtet werden)
Auch bleiben verbindet sich nur mit wenigen Verben, und hat ebenfalls modale + passivische Bedeutung:
(63) Das bleibt abzuwarten/zu hoffen
f) Eine weitere Passivvariante mit objektiver modaler Bedeutung (= können) ist lassen + sich + INF (ohne zu):
(64) Die Tür läßt sich nicht öffnen (= kann nicht geöffnet werden)
(65) Das läßt sich leicht erklären (= kann leicht erklärt werden)
Bei dieser Ausdrucksweise ist die objektive Möglichkeit in der Beschaffenheit des grammatischen Subjekts begründet.
g) Das Zustandsreflexiv. Letztlich ist hier das sogenannte Zustandsreflexiv zu nennen, das mit dem HV sein und dem Part.2 eines reflexiven Verbs gebildet wird:
(66) Sie ist verheiratet (vgl. Sie hat sich verheiratet)
(67) Er war erkältet (vgl. Er hatte sich erkältet)
Das Zustandsreflexiv unterscheidet sich formal nicht vom Zustandspassiv, es liegt aber ein reflexives Verb zugrunde, und das Zustandsreflexiv Präsens drückt etwa das gleiche aus wie das Perfekt des entsprechenden reflexiven Verbs, Zustandsreflexiv Präteritum das gleiche wie das Plusquamperfekt des reflexiven Verbs. Vgl. die Beispiele oben.
1.3.4 Hilfsverben der Aktionsart
Unter Aktionsart versteht man die Art und Weise, wie das im (Haupt-)Verb ausgedrückte Geschehen verläuft. Wichtig ist hier zunächst die Unterscheidung zwischen perfektiven (= etwa Zustands-/Ortsänderung) und durativen (= Handlung in ihrer Dauer, als Prozeß) Verben, weil die Wahl zwischen haben und sein als Perfekthilfsverb bei intransitiven Verben davon abgesehen einmal von Ausnahmen abhängig ist.
Die perfektiven Verben können u.a. in inchoative (Anfangsphase betonend, etwa einschlafen) und egressive (Endphase betonend, etwa verblühen). Eine Untergruppe der durativen Verben sind die iterativen, die eine wiederholte Handlung ausdrücken.
Es gibt nur relativ wenige Hilfsverben im Deutschen, die in Verbindung mit einem Inf. oder Part. dazu dienen, eine bestimmte Aktionsart auszudrücken bzw. zu modifizieren.
a) Ein Beispiel ist hier bleiben, das in Verb. dem Inf. eines Ruheverbs dazu dient, das Durative zu betonen (NB! Norw. bli verbindet sich mit einem Part.1!):
(6
Vor dem Schaufenster blieb er lange stehen
In gewissen Fällen hat die Verbindung aus bleiben und INF perfektive Bedeutung erlangt, obgleich beide Verben an sich durativ sind: stehenbleiben im Sinne von halten und sitzenbleiben u.a. im Sinne von nicht versetzt werden, durchfallen (Zusammenschreibung nur nach der alten Rechtschreibung):
(69) Vor dem Schaufenster ist er plötzlich stehengeblieben
(70) Sein Sohn ist schon zweimal sitzengeblieben
b) pflegen (+Inf. mit zu) kann als iteratives HV betrachtet werden, es drückt gewohnheitsmäßige, wiederholte Handlung aus:
(71) Abends pflegt er einen Spaziergang zu machen
c) Die synonymen Verben bekommen, kriegen und erhalten (+Inf. mit zu) können in bestimmten Fällen eine Aktionsartmodifikation bewirken (Anfangsphase betonen), tun es aber nicht immer:
(71) In letzter Minute kriegte er die Zügel zu fassen (Anfang des Fassens, des Haltens)
(72) Er bekam nichts zu trinken (andere Interpretation)
Wenn man die norwegische Übersetzung von (72) fikk ingenting å drikke mit der Übersetzung vergleicht von
(73) Er bekam nichts von ihm zu hören
- fikk ingenting høre/fikk ikke høre noe , bemerkt man auch, daß der formale Unterschied im Norw. zwischen få + Inf. mit å und få + Inf. ohne å im Deutschen nicht vorhanden ist: immer Inf. mit zu bei den entsprechenden dt. Verben.
1.3.5 Restgruppe
a) Hier sind zunächst die Verben mit INF als OP (Objektsprädikat) zu nennen: a) Die Wahrnehmungsverben sehen, hören, fühlen und spüren, weiterhin die Verben ab) lassen und ac) machen sowie ad) finden und haben.
Das Gemeinsame dieser Verben ist, daß sie einen neuen Mitspieler in den Satz bringen, vgl.
(74) Sie hustete (nur Subjekt)
(75) Er hörte sie husten (Subj. und Oa)
Ansonsten haben sie weitgehend ihre normale Bedeutung. Wir rechnen sie aber zu den Hilfsverben u.a. deshalb, weil der abhängige Inf. sich auch nicht bei diesen Verben ausklammern läßt, vgl. das Kriterium oben S. 2.
ab) lassen hat in diesem Gebrauch zwei Bedeutungsvarianten: kausative Bedeutung (veranlassen) oder permissive Bedeutung (zulassen), oft kann der Satz mit lassen zweideutig sein:
(76) Er ließ die Straße bauen
kann entweder heißen:
(76') Er veranlaßte, daß die Straße gebaut wurde
oder:
(76'') Er ließ es zu, daß die Straße gebaut wurde
An diesem Beispiel sehen wir auch, daß der Inf. (Aktiv) als OP bei lassen passivische Bedeutung haben kann. Das passiert, wenn das logische Subjekt der Infinitivhandlung nicht genannt wird. Vgl. etwa (76) mit (76'''):
(76''') Er ließ die Firma die Straße bauen (= Er veranlaßte/ließ es zu, daß die Firma die Straße baute)
Hier sollte man sich merken, daß im Deutschen ein Infinitiv Passiv als OP nicht gebraucht werden darf, wohl aber im Norwegischen:
(77) * Er ließ die Straße gebaut werden (nicht gebräuchlich, man müßte hier den Inf. Aktiv mit passivischer Bedeutung benutzen wie in (76))
(7
Han lot veien bli bygget (=Inf. bli-Passiv)/bygges (=Inf. s-Passiv/ bygge (=Inf. Aktiv mit pass. Bedeutung die einzige Möglichkeit im Deutschen, eher ungewöhnlich/veraltet
/gehoben im Norwegischen)
ac) machen hat auch kausative Bedeutung, hat aber verglichen mit lassen einen restringierten Gebrauch: Das Verb verbindet sich (heute) nur mit den Infinitiven von Verben, die eine unwillkürliche, nicht durch den Willen gesteuerte Reaktion auf etwas bezeichnen (können), also Verben wie lachen, schwitzen, vergessen, erröten etc.
(79) Seine Worte machten uns lachen
Da norw. Deutschlerner oft machen mit norw. få til å assoziieren, ist hier Vorsicht geboten, denn få til å hat einen weiteren Gebrauch, und muß deshalb oft durch andere Verben übersetzt werden, wie lassen, veranlassen, bewegen (zu), bringen (zu), kriegen (zu) u.a.m., so z.B. in folgenden Fällen:
(80) Vi fikk ham til å hjelpe oss (Z.B.:Wir brachten ihn dazu/Wir überredeten ihn, uns zu helfen)
(81) De fikk ham ikke til å bli med dem (Z.B.: Sie kriegten ihn nicht dazu, mitzukommen)
ad) finden und haben.
Bei finden kann man neben INF auch Part.1 verwenden (im Norw. nur Part.1!!):
(82) Man fand ihn auf dem Rücken liegen(d) (liggende på ryggen)
Bei haben entspricht der Infinitiv einem Part.1 im Norwegischen:
(83) Er hatte drei dicke Bände auf dem Tisch liegen (liggende på bordet)
(84) Die Firma hat drei Wagen in der Stadt fahren (kjørende i byen)
Sowohl haben wie finden verbinden sich nur mit dem Infinitiv eines durativen Verbs, in der Regel mit einem Ruheverb.
b) tun + INF ohne zu
tun kann als ein HV der Emphase (=Betonung, Hervorhebung) betrachtet werden. Dabei wird der Infinitiv ins Vorfeld gestellt. Zur Hervorhebung dient auch die Phrase nichts tun als + INF ohne zu:
(85) Sprechen tut der Junge auch nicht
(86) Becker tat nichts als Bier trinken und lesen und herumhocken
Im Norw. haben wir die gleiche Konstruktion mit dem entsprechenden Verb gjøre. Es gibt aber daneben auch die Möglichkeit, zwei finite Formen zugleich zu benutzen:
(85') Snakke/Snakker gjör gutten heller ikke
In der Umgangssprache bzw. in den Dialekten gibt es auch einen pleonastischen (=überflüssigen) Gebrauch von tun, wobei tun die Stelle des finiten Verbs einnimmt und das Hauptverb weiter hinten steht. Hier hat tun keine eigentliche Funktion, und dieser Gebrauch gilt nicht als standardsprachlich korrekt :
(87) Das tu` ich schon erledigen (= Das erledige ich schon)
c) sein + INF ohne zu;
gehen, kommen, schicken u.a. + INF ohne zu
Bei diesen Verben hat der Inf. eine gewisse finale Bedeutung, mehr oder weniger stark ausgeprägt. Bei sein ist die finale Bed. kaum überhaupt vorhanden. Man könnte diese Infinitive also zum Teil zu den finalen Adverbialen rechnen. Da aber der abhängige Infinitiv (in dieser Form!) in der Regel nicht ausklammerungsfähig ist, empfiehlt es sich, auch diese Infinitive zum Prädikat zu rechnen, vgl. folgende Beispiele:
(8
Er ist einkaufen Er ist einkaufen gewesen
(89) *Er ist gewesen, einkaufen
(90) Er geht den Großvater besuchen Er ist den Großvater besuchen gegangen
(91) ?? Er ist gegangen, den Großvater besuchen
(92) Er ist (eben) gegangen, (um) den Großvater zu besuchen
Die Abschwächung der finalen Bedeutung kommt indirekt auch darin zum Ausdruck, daß im Norw. zwei koordinierte Verbformen oft die bessere Übersetzung sind bei sein sogar die einzige Möglichkeit:
(88') Han er og handler - Han har vært og handlet
(90') Han går og besøker sin bestefar Han har gått og besøkt sin bestefar
Wenn man diese Verben als HV betrachtet, kann man sagen, daß ihre Funktion zum großen Teil darin besteht, die Perspektive anzudeuten: vom Sprecher weg (gehen, schicken) oder auf den Sprecher zu (kommen). Durch sein wird das Durative betont.
Die Form spazieren kann mit vielen Bewegungsverben kombiniert werden, nicht nur mit den hier genannten, und kann nicht allein als Verb gebraucht werden (zu übersetzen durch en tur):
(93) Wir sind im Park spazierengegangen (Vi gikk en tur i parken)
(94) Er hat seine Familie spazierengefahren (kjøre en tur)
(95) Die beiden Kumpane sind dann in der Nacht spazierengekrochen (krype en tur)
NB! Zusammenschreibung nur nach der alten Rechtschreibung! Das betrifft auch gewisse andere idiomatische Wendungen mit gehen, u.a. flötengehen verlorengehen vgl. norw. gå fløyten, stempelngehen arbeitslos sein, stiftengehen sich heimlich entfernen, flüchten.
d) kommen + INF mit zu (relativ feste Wendungen)
(96) Beim Festessen kam er neben den Minister zu sitzen (durch Zufall)
(97) Er fiel hinunter, kam aber auf die Beine zu stehen (durch Zufall)
(9
Später komme ich auch noch darauf zu sprechen ( Nachzeitigkeit)
(99) Das kommt dich/dir (seltener) teuer zu stehen ( det skal (komme til å) koste deg dyrt)
e) sich zu schaffen machen ( etwa sich beschäftigen mit feste Wendung)
(100) Dann machte er sich an an dem Auto zu schaffen
f) sein/haben + leicht/gut + INF ohne zu (meist reden feste Wendungen)
(101) Es ist leicht reden / Du hast gut reden (etwa det er lett (for deg) å si, als Kritik gemeint)
g) kommen + Part.2
In Verb. mit kommen benutzt man im Deutschen das Part.2 eines intransitiven Bewegungsverbs (und nicht wie im Norw. das Part.1):
(102) Am späten Abend kam ein Offizier geritten (kom ridende)
(103) Der Fischer Peimann kam in den Hafen gerudert (kom roende inn i havnen)
Wenn man das komplexe Prädikat kam gerudert mit dem einfachen ruderte vergleicht, sieht man, daß die Funktion von kommen auch hier die ist, die Perspektive der Bewegung festzulegen: Bewegung auf den Sprecher/Erzähler zu.
Bei anderen Verben als den intr. Bewegungsverben benutzt man im Dt. wie im Norw. das Part.1:
(104) Liese kam trällernd ins Zimmer (kom trallende inn i rommet)
1.4 Kombinationen von HV: Komplexe Prädikate
Ein Prädikat kann natürlich aus mehr als HV + Vollverb bestehen: Es können mehr als ein HV am Prädikat teilnehmen. Beispiel:
(105) Er wird morgen um diese Zeit angekommen sein
In diesem Fall ist werden temporales HV. werden regiert den Inf. sein, das auch noch ein temporales HV (Perfekt) ist. sein regiert angekommen, das Hauptverb/Vollverb im Prädikat, hier in der Form des Part.2. Dieses komplexe Prädikat nennt man Futur 2.
Wenn wir die Rektionsverhältnisse durch Zahlen markieren, kriegen wir Folgendes:
(105') Er wird(1) morgen um diese Zeit angekommen(3) sein(2)
In einem eingeleiteten Nebensatz stehen nicht nur die infiniten Teile des Prädikats, sondern auch noch das finite Verb am Ende des Satzes:
(105'') , weil er morgen um diese Zeit angekommen(3) sein(2) wird(1)
Wenn mehrere Prädikatsteile auf diese Weise zusammen am Ende des Satzes stehen, kriegen wir einen Prädikatskomplex. In einem eingeleiteten Nebensatz gehört also auch das finite Verb zu diesem Prädikatskomplex, ansonsten nur die infiniten Teile. Was die Abfolge der Prädikatsteile im Prädikatskomplex betrifft, kann man folgende Hauptregel formulieren: rechts determiniert links d. h., auf das Beispiel oben angewandt: das finite Verb wird determiniert (=regiert) sein, das links davon steht. sein determiniert angekommen, das wiederum links von sein steht.
Diese Abfolge ist genau umgekehrt von der Abfolge im Norwegischen, wo die entsprechende Regel links determiniert rechts ist:
(105''') Han vil(1) være(2) kommet(3) frem i morgen på denne tid.
Ausnahmen von der genannten Hauptregel gibt es in der Standardsprache in erster Linie in folgenden zwei Fällen:
In einem eingeleiteten Nebensatz steht das finite Verb vor und nicht hinter den beiden Infinitiven,
1. wenn das finite Verb eine Form von haben und der eine Infinitiv ein sogenannter Ersatzinfinitiv ist:
(106) Er fragte, warum er nicht habe(1) teilnehmen(3) dürfen(2)
(107) Der Junge wußte nicht, in welcher Richtung er den Besucher hatte(1) gehen(3) sehen(2)
(10
Es waren vier Soldaten und der Offizier, dem die Gefangenen hatten(1) vorgeführt(4) werden(3) müssen(2)
2. wenn das finite Verb eine Form von werden ist und davon direkt oder indirekt zwei Infinitive abhängig sind; hier ist aber auch Befolgung der Hauptregel möglich:
(109) Hier wissen zwei von sechs, daß sie werden(1) auswandern(3) müssen(2)
//(auch:) auswandern(3) müssen(2) werden(1)
(110) Der Leser weiß nicht, ob er die abgedruckten Beiträge als Anwort wird(1) gelten(3) lassen(2) //(auch:) gelten(3) lassen(2) wird(1)
In den Dialekten/in der regionalen Umgangssprache gibt es viele weitere Ausnahmen von der oben formulierten Hauptregel. Darauf gehen wir nicht ein.
Mehr als dreigliedrige Prädikatskomplexe sind in der mündlichen Sprache eher selten, in der Schriftsprache, besonders in der künstlerischen Prosa, können aber häufig sowohl vier- als fünfgliedrige begegnen:
(111) Ich glaube nicht, daß er sich einen platten Spaß sollte haben entgehen lassen können
(112) , weil er wegen seines Urlaubs nicht wird haben kommen können
(113) Da das Schloß, in dem wir gehaust haben, zu Schulzwecken hat verwendet werden müssen
ÜBUNGSAUFGABEN ZU DEN HILFSVERBEN
1. Bestimmen Sie die Rektionsverhältnisse im Prädikatskomplex der Sätze (111) (113) und beschreiben Sie kurz die Funktion/Semantik der am Prädikat beteiligten Hilfsverben.
2. Viele Hilfsverben sind polyfunktional, d.h. sie können verschiedene Funktionen erfüllen.
Machen Sie eine Liste über die möglichen Funktionen der folgenden Hilfsverben, indem Sie für jede Funktion einen Beispielsatz anführen und die jeweilige Funktion des HV und die jeweilige Form des abhängigen Vollverbs (INF mit zu/INF ohne zu/Part.2) anführen: sein, haben, stehen, gehen, kriegen, werden.
3. Überlegen Sie sich, wie man ein (einfaches oder komplexes) Prädikat möglichst genau beschreiben kann. Was gehört alles zu einer vollständigen Beschreibung?