
Nachkriegskultur
GÜNTER EICH
Inventur
Dies ist meine Mütze,
dies ist mein Mantel,
hier mein Rasierzeug
im Beutel aus Leinen.
Konservenbüchse:
mein Teller, mein Becher,
ich hab in das Weißblech
den Namen geritzt.
Geritzt hier mit diesem
kostbaren Nagel,
den vor begehrlichen
Augen ich berge.
Im Brotbeutel sind
ein Paar wollene Socken
und einiges, was ich
niemand verrate,
so dient es als Kissen
nachts meinem Kopf.
Die Pappe hier liegt
zwischen mir und der Erde.
Die Bleistiftmine
lieb ich am meisten:
Tags schreibt sie mir Verse,
die nachts ich erdacht.
Dies ist mein Notizbuch,
dies meine Zeltbahn,
dies ist mein Handtuch,
dies ist mein Zwirn.
Ein einziger Reim! Er steckt im Gedicht wie die Kugel im Erschossenen. Er ist die Kugel, von der er redet, ist so banal, wie das winzige Blei-Ding, aber auch so präzis gefertigt. Er tut den Dienst perfekt. Das reimt sich, wie es tötet, tötet zum tausendsten Mal, wie es sich schon tausendfach gereimt hat: trivial, glatt, genau. [...] Die poetische Routine korrespondiert grausig mit der Routine des Ermordens.
(Peter von Matt: Wie ist das Gold so gar verdunkelt. In: 1000 deutsche Gedichte und ihre Interpretationen. Hg. von Marcel Reich-Ranicki. Von Peter Huchel bis Paul Celan. Frankfurt a.M. 1994, S. 378.)
Todesfuge
Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith
Psalm
Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm,
niemand bespricht unseren Staub.
Niemand.
Gelobt seist du, Niemand.
Dir zulieb wollen
wir blühn.
Dir
entgegen.
Ein Nichts
waren wir, sind wir, werden
wir bleiben, blühend:
die Nichts-, die
Niemandsrose.
Mit
dem Griffel seelenhell,
dem Staubfaden himmelswüst,
der Krone rot
vom Purpurwort, das wir sangen
über, o über
dem Dorn.
lichtung
manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht
velwechsern.
werch ein illtum!
(Ernst Jandl: Laut und Luise (1966). stuttgart 1976, S. 135.)
Ernst Jandl
ottos mops
ottos mops trotzt
otto: fort mops fort
ottos mops hopst fort
otto: soso
otto holt koks
otto holt obst
otto horcht
otto: mops mops
otto hofft
ottos mops klopft
otto: komm mops komm
ottos mops kommt
ottos mops kotzt
otto: ogottogott
wien: heldenplatz
der glanze heldenplatz zirka
versaggerte in maschenhaftem männchenmeere
drunter auch frauen die ans maskelknie
zu heften heftig sich versuchten, hoffensdick.
und brüllzten wesentlich.
verwogener stirnscheitelunterschwang
nach nöten nördlich, kechelte
mit zu-nummernder aufs bluten feilzer stimme
hinsensend sämmertliche eigenwäscher.
pirsch!
döppelte der gottelbock von Sa-Atz zu Sa-Atz
mit hünig sprenkem stimmstummel.
balzerig würmelte es im männechensee
und den weibern ward so pfingstig ums heil
zumahn: wenn ein knie-ender sie hirschelte.
(Ernst Jandl: Laut und Luise (1966). stuttgart 1976, S. 37.)
der wahre vogel
fang eine liebe amsel ein
nimm eine schere zart und fein
schneid ab der amsel beide bein
amsel darf immer fliegend sein
steig höher auf und höher
bis ich sie nicht mehr sehe
und fast vor lust vergehe
das müsst ein wahrer vogel sein
dem niemals fiel das landen ein
eulen
bist eulen
ja
bin eulen
ja ja
sehr eulen
bist auch eulen
ja
bin auch eulen
sehr eulen
ja ja
will aber nicht mehr eulen sein
bin schon zu lang eulen gewesen
will auch nicht mehr eulen sein
bin auch schon zu lang eulen gewesen
ja
mit dir da
mit dir da auch
bin nicht mehr eulen ja
bin nicht mehr eulen auch
ja ja
ja ja auch
doch wer einmal eulen war
der wird eulen bleiben immer
ja
ja ja
(Ernst Jandl: Laut und Luise (1966). stuttgart 1976, S. 108.)
17.-22. Mai 1966
Aus Da Nang
wurde fünf Tage hindurch
täglich berichtet:
Gelegentlich einzelne Schüsse
Am sechsten Tag wurde berichtet:
In den Kämpfen der letzten fünf Tage
in Da Nang
bisher etwa tausend Opfer
(Erich Fried: 17.-22. Mai 1966. In: Erich Fried: Und VIETNAM und. Berlin: Wagenbach 1966, S. 23.)
Novembertage I. 1989
An diesem Abend brach ein Stottern die Gesetze,
Ein Lesefehler hob die heiligen Verbote auf.
So nüchtern wie die Meldung in die Welt ging
Vor Mikrofon und Kamera, war jener Spuk vorbei,
Den sie verordnet hatten. Erstmals sah man
Die kommunistischen Auguren zögernd lächeln
Wie Spieler, die verlieren, und jetzt wissen sie,
Was sie, gewiegt in Sicherheit, vergessen hatten.
Mit einer letzten Drohung, einer Atempause,
Erklärten Greise meine Geiselnahme für beendet.
In dieser Nacht, als man die Schleusen aufzog,
Ergoss ein Menschenstrom sich in den hellen Teil
Der Stadt, die eine Festung war seit dreißig Jahren,
Geschleift von einem falschen Wort im Protokoll.
Bevor die Eisentore widerriefen, hob die Menge
Den Bann auf, der hier alle Muskeln lähmte.
Mit offnem Mund am Straßenrand ein Offizier
Stand wie verrenkt, weil kein Befehl mehr lenkte,
Das Machtwort ausblieb wie seit Jahren nie.
Als gegen Morgen auf den Boulevards im Westen,
Nach Feuerwerk und Kreisverkehr und Tränen,
Das Freibier ausging, war das Glück vollkommen.
Bei einer Kreuzung stand verlassen, abgebrannt
Bis zu den Rädern, ein Trabant, und die Besitzer
Hatten den Autoschlüssel an den Baum gehängt.
Von ihren Kindern angetrieben, ganze Clans
Zogen durchs Zentrum, orientierungslos und still.
Die Ersten schliefen schon, sie lagen eingerollt
Vorm Kaufhaus selig unter den Vitrinen,
Auf teurem Pflaster träumend freien Grund.
(Durs Grünbein: Novembertage I. 1989. In: Durs Grünbein: Nach den Satiren. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1999, S. 64-65.)
Gestern Abend und ganze Nacht TV
10. November
[...] Gestern Abend und ganze Nacht TV. Wieder mal deutsches Schicksalsdatum, 9. November ("Marsch zur Feldherrnhalle" und sogenannte, von den Nazis so genannte, "Kristallnacht") und die Folgen noch gar nicht abzusehen. 18.57 Pressekonferenz mit 200 Journalisten aus aller Welt und "Hoffnungsträger" Schabowski als offensichtlich überforderter Freudenbote. Berichtet zunächst etwas dröhnig über Sitzung des Zentralkomitees, um sich bei der unvermeidlichen Frage, wie die SED es in Zukunft mit den Flüchtlingsströmen halten werde, rettungslos zu verheddern. Sein gemeinhin sonor in sich ruhender Bierbass verbrodelt im Bodenlosen. Seine Finger fahrig, sein Mienenspiel nervös, nun beginnt er etwas in den Taschen zu suchen eine Botschaft des Weltgeistes? na wo ist sie? ein Papier wird ihm zugereicht, "etwas haben wir ja schon getan ich denke, Sie kennen das? Nein? Oh, Entschuldigung, dann sage ich es Ihnen: Mir ist eben mitgeteilt worden, dass . . . Mitteilung verbreitet worden ist . . . Sie müsste eigentlich in Ihrem Besitz sein . . ." Dann übergibt er der Öffentlichkeit, was er offenbar selbst noch nicht glauben kann, dass die Grenzen geöffnet sind und "die Ausreise über alle Grenzübergangsstellen erfolgen" könne. Frage: "Wann?" Schabowski (überfordert, durcheinander, improvisierend): "Das tritt nach meiner Kenntnis sofort, unverzüglich "
11. Nov. Oi, jetzt gehts aber los: BILD, Butter und Kreditbriefe wandeln in den Landesfarben die räuberische Aneignung unserer nationalen Symbole durch Private. BILD: "DIE MAUER DIE TOTEN: 13. August 1961 9. November 1989". Die die meisten Leichen im Keller haben, schreiben die ergreifendsten Nekrologe. Hyänen halten die Totenwache. Es gibt eine Grenze, wo der Patriotismus aufhört und das Horst-Wessel-Lied beginnt: "Kameraden, die Rotfront und Reaktion erschossen . . ."
Peter Rühmkorf: Gestern Abend und ganze Nacht TV. In: Tabu I. Tagebücher 19891991. Reinbek: Rowohlt 1995, S. 137.
Inventur 96 oder Ich zeig Eich mein Reich
Dies ist mein Schreibtisch,
dies ist mein Drehstuhl,
hier mein Computer,
darunter der Drucker.
Telefonanlage:
Mein Hörer, mein Sprecher.
After the beep
you can leave a message.
Sie können die Nachricht
natürlich auch faxen.
Ich ruf Sie so bald wie
möglich zurück.
Im Hängeschrank sind
die Korrespondenzen
und einiges, was ich
niemand verrate,
sonst kostet dies Wissen
noch mal meinen Kopf.
Der Kelim hier liegt
zwischen mir und den Dielen.
Das Kopiergerät dort
ist mir am liebsten.
Tags kopiert es die Texte,
die nachts ich getippt.
Dies ist mein Notizbuch,
dies sind meine Tagebücher,
dies ist meine Bibliothek,
dies ist mein Reich.
Robert Gernhardt: Inventur 96 oder Ich zeig Eich mein Reich. In: Robert Gernhardt: Lichte Gedichte. Frankfurt/M.: Fischer 1999, S. 102.