
Barockgedichte
Paul Fleming
An sich
Sei dennoch unverzagt! Gib dennoch unverloren!
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
Vergnüge dich an dir, und acht es für kein Leid,
Hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.
Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren,
Nimm dein Verhängnis an, lass alles unbereut.
Tu, was getan sein muss, und eh man dirs gebeut.
Was du noch hoffen kannst das wird noch stets geboren.
Was klagt, was lobt man doch? Sein Unglück und sein Glücke
Ist sich ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
Dies alles ist in dir. Lass deinen eitlen Wahn,
Und eh du fürder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist, und sich beherrschen kann,
Dem ist die weite Welt und alles untertan.
Andreas Gryphius
Es ist alles eitel
Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein;
Wo jetzund Städte stehn, wird eine Wiese sein,
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden;
Was jetzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden;
Was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein;
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.
Der hohen Taten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch, bestehn?
Ach, was ist alles dies, was wir vor köstlich achten,
Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind,
Als eine Wiesenblum, die man nicht wieder find't!
Noch will, was ewig ist, kein einig Mensch betrachten.
Andreas Gryphius
Menschliches Elende
Was sind wir Menschen doch! Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen.
Ein Ball des falschen Glücks, ein Irrlicht dieser Zeit,
Ein Schauplatz herber Angst, besetzt mit scharfem Leid.
Ein bald verschmelzter Schnee und abgebrannte Kerzen.
Dies Leben fleucht davon wie ein Geschwätz und Scherzen.
Die vor uns abgelegt des schwachen Leibes Kleid
Und in das Totenbuch der großen Sterblichkeit
Längst eingeschrieben sind, sind uns aus Sinn und Herzen.
Gleich wie ein eitel Traum leicht aus der Acht hinfällt
Und wie ein Strom verscheußt, den keine Macht aufhält,
So muß auch unser Nam, Lob, Ehr und Ruhm verschwinden.
Was itzund Atem holt, muß mit der Luft entfliehn;
Was nach uns kommen wird, wird uns in Grab nachziehn.
Was sag ich? wir vergehn, wie Rauch von starken Winden.
Andreas Gryphius
Tränen des Vaterlands
Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!
Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun
Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Karthaun
Hat aller Schweiß, und Fleiß, und Vorrat aufgezehret.
Die Türme stehn in Glut, die Kirch' ist umgekehret.
Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun,
Die Jungfern sind geschänd't, und wo wir hin nur schaun
Ist Feuer, Pest, und Tod, der Herz und Geist durchfähret.
Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut.
Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut
Von Leichen fast verstopft, sich langsam fort gedrungen .
Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,
Was grimmer denn die Pest, und Glut und Hungersnot,
Dass auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen.
Laurentius von Schnüffis
(1633 - 1702)
Aus dem Roman "Philoteus" (1665)
I
Glückselig wär ich ja
Wann ich dein Eigen wer
Ach schönste Sylvia
Der ist glückselig sehr
Den dein Gunst bestrahlt
Der wird mit Gold bemalt
Drum hast o Schäferin
Mein Herze Lieb und Sinn.
Laurentius von Schnüffis
(1633 - 1702)
Aus dem Roman "Philoteus" (1665)
II
Wenn du mich würdest hassen
Müßt ich mein Leben lassen
O schandlich Krokodil
Der dich nicht lieben will
Der liegt in Finsternissen
Der nichts von dir will wissen
Bei mir noch Platz noch Statt
Ein ander Hirtin hat.
Laurentius von Schnüffis
(1633 - 1702)
Aus dem Roman "Philoteus" (1665)
III
Glückselig wär ich ja Wenn du mich würdest hassen
Wann ich dein Eigen wer Müßt ich mein Leben lassen
Ach schönste Sylvia O schandlich Krokodil
Der ist glückselig sehr Der dich nicht lieben will
Den dein Gunst bestrahlt Der liegt in Finsternissen
Der wird mit Gold bemalt Der nichts von dir will wissen
Drum hast o Schäferin Bei mir noch Platz noch Statt
Mein Herze Lieb und Sinn Ein ander Hirtin hat.
Wachset // Schönste // Hirten-Blätter/ // Wachset / Traget // Immer Fetter // Gaben eurer // Schaafen hier // bey dem Frie- // de für und // für.
Bühet // Schönste // LämmerSpeisen // Blühet / helfet // Herrlich preissen // durch der Freund- // schaft Süssigkeit // diese Teutsche //
Einigkeit.
Grünet // Schönste // Schäfferkräuter: // Grünet Friedens- // Freuden-Deuter // durch die drey // begabte Zahl // euren dreyen // Blättern // Wahl.
Mit der wehrten Götter Zahl // Grünet / blühet / allemahl.
Beide Gesichter der barocken Kultur muten erstaunlich gegenwärtig an: Auch wir kennen die angstvolle Ahnung weltumspannender Nichtigkeit und Flüchtigkeit, grundiert von akuter Wirtschaftskrise, nicht enden wollenden Selbstmordattentaten, religiösen Zweifeln, drohenden Klimakatastrophen und den durch zahlreiche Publikationen aktualisierten Erinnerungen an die tödlichen Materialschlachten des 20. Jahrhunderts; und zugleich ist uns jene - auch medienbedingte - Ich-Schwäche vertraut, die hektisch Zuflucht sucht bei der penetrantesten Schönheits- und Körperobsession aller möglichen Porno-, Sex- und Wellness-Varianten.
(aus: Joachim Kronsbein, Johannes Saltzwedel u. Mathias Schreiber, Der Glanz und der Tod, in: Der Spiegel, 11/2004, S. 168f.)
Die Mehrzahl heutiger Denker hat mit der Realität ihren Frieden gemacht. Wenn schon Moral, dann bitte für den Hausgebrauch; wenn schon Utopie, dann als fröhliche Glücksanleitung im Kleinen. Das globale Getriebe lässt sich nicht mehr überschauen und schon gar nicht steuern, man muss eben darauf vertrauen, dass es irgendwie richtig laufen wird.
(aus: Joachim Kronsbein, Johannes Saltzwedel u. Mathias Schreiber, Der Glanz und der Tod, in: Der Spiegel, 11/2004, S. 168f.)