Odin
Odin
  ???modeReadSpeaker???     Druckansicht  
Ähnliche Dokumente  

Nobelpreiskomitee ehrt "Sonnenscheinpolitik":

Friedensnobelpreis 2000 an Kim Dae Jung

Als Kim Dae Jung 1997 bei den südkoreanischen Präsidentschaftswahlen als Kandidat antrat, erhielt er ein scheinbar unscheinbares Geschenk. Nelson Mandela verehrte ihm seine gebrauchte Armbanduhr. Mit dieser Uhr hatte er in Südafrika als politischer Gefangener auf Robben Island 27 Jahre lang die Stunden gezählt.

"Ich hoffe, sie bringt Ihnen Glück", schrieb Mandela.

Christian Borch

Kim Dae Jung hat die Wahlen gewonnen. Damit ging zum ersten Mal in Südkorea ein Machtwechsel als Ergebnis eines offenen, demokratischen Prozesses vor sich. Als Kim Dae Jung im Februar 1998 in den Präsidentenpalast Einzug hielt, stand er nach Jahrzehnten, die von Verfolgung, Inhaftierung, Folter und Todesurteilen geprägt gewesen waren, plötzlich vor der Verwirklichung eines lebenslangen politischen Traums. Unbeirrt wie Nelson Mandela hatte er sein Ziel nie aufgegeben.

Die Versöhnung

Der 13. Juni 2000 wird als Wendepunkt eines der erbittertsten Konflikte aller Zeiten in die Geschichte eingehen: Kim Dae Jung wurde im nordkoreanischen Pjöngjang empfangen. Dieses war der erste Schritt eines Versöhnungsprozesses, der unter allen früheren südkoreanischen Präsidenten unvorstellbar gewesen wäre. In den darauf folgenden Wochen wurde die Welt Zeuge eines Wiedersehens, bei dem Hunderte von Koreanern ihren Verwandten, die sie seit fast fünfzig Jahren weder gesehen noch gesprochen hatten, um den Hals fielen.

Kim Dae Jungs "Sonnenscheinpolitik" war geboren und wurde von Kim Jong Il im Norden überraschenderweise positiv unterstützt.

Formell befinden sich die beiden Länder immer noch im Krieg. Doch entwickelt der Entspannungsprozess seine eigene Dynamik, wenn ein visionärer Friedensvorkämpfer wie Kim Dae Jung, vom Wahlergebnis ermuntert, den Mut zum ersten Schritt findet. In der koreanischen Nation leuchtet die Flamme der Hoffnung jetzt stark.

In der Opposition

Kim Dae Jung hinkt und ein Ohr ist entstellt: zwei sichtbare Beweise der Kollision seiner eigenen Kompromisslosigkeit mit der Unterdrückung durch frühere Regimes.

Nachdem Kim Dae Jung sich eine rentable Shipping-Firma aufgebaut hatte, ging er 1961 in die Politik. Doch hatte seine Politikerlaufbahn einen harten Start. Nur drei Tage, nachdem Kim Dae Jung Abgeordneter der Nationalversammlung geworden war, riss General Park Chung Hee die Macht durch einen Militärputsch an sich. Damit war das Schicksal Kim Dae Jungs klar: Entweder er beugte sich, oder er musste kämpfen. Er entschied sich für Letzteres.

1971 wurde er auf Grund seiner Haltung gegenüber Nordkorea öffentlich zum Kommunisten gestempelt. In jenem Jahr trat Militärdiktator Park als Kandidat bei Präsidentschaftswahlen auf demokratischer Grundlage an. Sein Gegenkandidat hiess Kim Dae Jung. Zum grossen Erschrecken von Park Chung Hee war es nur äusserst knapp, dass Kim Dae Jung aus den Wahlen nicht als Sieger hervorging.

Daraufhin begann Park Chung Hee mit der Niederschlagung jedweder Opposition. Kim Dae Jung überlebte mehrere Mordanschläge. Er floh nach Japan, wurde vom Regime aber immer noch als eine Bedrohung angesehen. Am 8. August 1973 wurde er in Tokio entführt, höchstwahrscheinlich um von koreanischen Agenten beseitigt zu werden, wurde aber im letzten Moment vom amerikanischen Geheimdienst gerettet.

Folter und Todesurteil

In den folgenden Jahren befand Kim Dae Jung sich in Seoul, entweder unter Hausarrest oder im Gefängnis. Nach der Ermordung Park Chung Hees im Jahre 1979 wurde er auf freien Fuss gesetzt. Doch begann gleich darauf eine erneute Periode politischer Unterdrückung. Kim Dae Jung wurde wiederum gefangen genommen und im Gefängnis grausam gefoltert. Zum Schluss wurde er wegen seiner versöhnlichen Haltung gegenüber Nordkorea zum Tode verurteilt. Unter amerikanischem Druck wurde das Todesurteil in eine lebenslängliche Haftstrafe umgewandelt. Später wurde er amnestiert und ging in die USA, u. a. für drei Jahre als Gastdozent an die Universität Harvard.

Im selben Moment, in dem Kim Dae Jung 1985 seinen Fuss wieder auf koreanischen Boden setzte, wurde er erneut unter Hausarrest gestellt. Doch war die politische Unruhe in Südkorea mittlerweile so stark geworden, dass sich eine Umwälzung geradezu aufzwängte.

Kim Dae Jung betrat die politische Arena mit seinem ganzen, ungebrochenen Kampfwillen. Doch gelang es ihm nicht, die verschiedenen Oppositionskräfte zu vereinigen. Erst zehn Jahre später gaben ihm die Wähler das Mandat, einen Machtwechsel herbeizuführen. Da war er mittlerweile 73 Jahre alt, doch immer noch erfüllt von der Energie des Idealismus.

Der Humanist

Kim Dae Jung wird als kompromissloser Vorkämpfer für Menschenrechte und Demokratie bezeichnet. Das Recht des Einzelnen auf ein würdiges Leben in Freiheit sei keine nationale Angelegenheit. Deshalb ist der südkoreanische Präsident in ganz Asien und in der übrigen Welt eine Leitfigur im Kampf für Demokratie. Nicht zuletzt gibt er so einem weiteren Friedensnobelpreisträger, Frau Aung San Suu Kyi in Burma (Myanmar), seine aktive Unterstützung.

"Dies ist eine Ehre ohnegleichen", sagte Kim Dae Jung, als er von der Verleihung erfuhr. "Ich werde weiterhin mein Äusserstes zur Förderung von Frieden und Demokratie und zur Stärkung der Menschenrechte tun – in Korea, in Asien und in der sonstigen Welt."

Kim Dae Jung wird ständig mit Nelson Mandela verglichen, der ebenfalls Friedensnobelpreisträger ist – und der ihm seine alte Armbanduhr aus seinem Kampf gegen die Apartheid-Politik wohl nicht ohne Grund verehrt hat.

Die Hoffnung, dass sie ihm Glück bringe, scheint sich erfüllt zu haben.

Der Artikelverfasser ist Auslandsmitarbeiter der Nachrichtenabteilung des Norwegischen Fernsehens NRK.

UNN185TYS

Herausgegeben von Nytt fra Norge für das Kgl. Norwegische Außenministerium. Gedruckt im November 2000. Der Verfasser ist für den Inhalt des Beitrags verantwortlich.Nachdruck gestattet.