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Erdöl und Erdgas in Norwegen

Petroleumpolitik auf dem Prüfstand

In seinem preisgekrönten Standardwerk "The Prize" bezeichnete der Verfasser Daniel Yergin die Entdeckung des Erdöls und Erdgases in der Nordsee als das "größte Spiel" in der Geschichte des Erdöls — also größer und energiepolitisch wichtiger als Nahost, Südamerika und Alaska.

Jan Hagland

Heute wirkt dieser Vergleich vielleicht etwas übertrieben, denn inzwischen wurde unzweifelhaft festgestellt, dass die größten Erdölvorkommen der Welt in den Ländern am Persischen Golf liegen. Sie sind der Garant dafür, dass dieser wichtige Petroleumrohstoff noch lange nicht versiegen wird.

Tatsache ist aber auch, was wiederum die Aussage von Yergin unterstützt, dass es schon 1978 in OPEC-Kreisen hieß, Norwegen werde "der wichtigste Marginalproduzent von Erdöl".

Gemeint war damit, dass die Nordsee und damit der norwegische Schelf Öl und Gas für Europa bedeuteten. Für den norwegischen Teil der Nordsee stimmt das auf alle Fälle, denn Norwegen exportiert 90 Prozent des geförderten Öls.

Auf norwegischem Staatsgebiet liegt rund die Hälfte der verbliebenen Öl- und Gasreserven Europas. Von hier werden 10 Prozent des Gasbedarfs in Europa gedeckt. Dieser Anteil soll im Lauf der nächsten Jahre verdreifacht werden.

Das Netz der Gasleitungen erstreckt sich von der Nordsee und dem norwegischen Becken nach England, Deutschland, Belgien und Frankreich. Norwegen, weltweit der größte Betreiber von Unterwasserpipelines, bereitet sich jetzt auf die Liberalisierung der Gasmärkte Europas vor.

Oslo sieht die Gaslieferungen an die europäischen Staaten in einer langfristigen Perspektive. Das eben angebrochene Jahrhundert wird übrigens das Jahrhundert des Gases genannt. Um 2020 wird der Wert des geförderten Erdgases den des Erdöls überrunden.

Derzeit wird die Ausbeutung des Gasfeldes Ormen Lange in 1200 m Tiefe im norwegischen Becken vorbereitet. Damit wird das Gebiet der Gassuche weiter nach Norden verschoben. Der nördlichste Teil des norwegischen Kontinentalsockels erstreckt sich in die Barentssee. Wenn alles planmäßig verläuft, werden hier im Sommer 2001 nach sechs Jahren Pause die Suchbohrungen wieder aufgenommen.

Zur gleichen Zeit wird die Erschließung des Snöhvit-Feldes auf dem Tromsöflach vorbereitet. Auch damit kommt man der Gasgewinnung in der Arktis einen Schritt näher.

Norwegen und Russland verhandeln seit 30 Jahren über den Verlauf der Grenzlinie zwischen ihren Festlandsockeln in der Barentssee.

Anlässlich seines Staatsbesuchs in Norwegen 1996 regte Präsident Boris Jelzin an, die Grenzverhandlungen mit der Zusammenarbeit bei der Erdölsuche zu verbinden. Die technische Grundlage dafür haben die beiden Staaten bereits gefunden.

Wie umfassend diese Zusammenarbeit wird, muss sich zeigen. Im russischen Teil der Barentssee wurden bereits große Gasvorkommen entdeckt. Und von norwegischer Seite bewegt man sich immer weiter in die arktische Zone des norwegischen Schelfs vor.

Die Nordsee ist das dritte Hauptgebiet der Erdölvorkommen der Welt. Ihre Schätze wurden zwei Jahre nach den riesigen Funden im Prudhoe Bay in Alaska entdeckt, die der Vorherrschaft des Nahen Ostens ein Ende gemacht hatten. Die Massenproduktion von Autos und der zunehmende Flugverkehr ließen den Erdölmarkt in den 50er und 60er Jahren schnell expandieren.

Ein weiterer Faktor waren die Fortschritte der petrochemischen Industrie, die die Ölmoleküle zu ständig neuen Gefügen umbildete und für Textilien, in der Nahrung und als Dünger anwendbar machte. So wuchs die Bedeutung des Erdöls als energiestrategischer und handelspolitischer Rohstoff. Das Petroleum wurde zu einem globalen Machtfaktor. E. F. Shumacher, Verfasser des Buches "Small is beautiful", schreibt:

"Für Energie gibt es keinen Ersatz. Auch wenn Energie wie jede andere Ware erworben und veräußert werden kann, ist sie von allen anderen Waren verschieden. Energie ist die Voraussetzung der anderen Waren - ein grundlegender Faktor wie Luft, Wasser und Erde."

Das Ölzeitalter

Der Kohlenwasserstoff ist in erster Linie der Energierohstoff des mobilen Zeitalters, die Voraussetzung des Verbrennungsmotors.

Das kann durch ein paar Schlüsselzahlen belegt werden. Von 1949 bis 1972 stieg die Erdölnachfrage in den USA fünf Mal, in Westeuropa fünfzehn Mal und in Japan 137 Mal. Im Laufe der 50er, 60er und 70er Jahre wurde die Gesellschaft von dem fossilen Rohstoff immer abhängiger.

Zugleich wurde die Erdölproduktion in einer großen Zahl von Ländern nationalisiert. Viele Staaten nahmen die Förderung und den Handel selbst in die Hand. Nationale Erdölgesellschaften wurden in Nahost und in Europa gebildet. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sich Norwegen zu dieser Zeit nach "ölpolitischen Lösungen" in der Welt umsah. Die Lagerstätte Ekofisk wurde Ende 1969 entdeckt. Der Schelf war norwegisches Territorium. Wie sollte die Erdölpolitik Norwegens aussehen?

Das Know-how fehlte

Traditionell war der Staat mit von der Partie, wenn in Norwegen größere Naturschätze ausgebeutet werden sollten, gleichgültig, ob es um Wasserkraft, Fischerei oder die Stahlindustrie ging.

Aber das Erdölgeschäft? Das war von einer anderen Größenordnung. Das erforderte Kapital und technisches Können in einem Umfang, der in Norwegen nicht zur Verfügung stand. Auch an Geologen, Erdölwirtschaftsfachleuten und Juristen fehlte es. Die einzige Befassung, die Norwegen bis dahin mit Erdöl gehabt hatte, war sein Transport über die Weltmeere. In Bezug auf Suche, Förderung und Raffinierung stand man am Nullpunkt.

In der internationalen Arena aber ließen die Ölstaaten immer deutlicher ihre Muskeln spielen. 1971 wurde die OPEC, die Organisation Erdöl exportierender Länder, gebildet.

Zwei Jahre später kam die erste Erdölpreiskrise. Sie stand im Zusammenhang mit dem vierten israelisch-arabischen Krieg im Oktober 1973.

Die Botschaft an die Welt war eindeutig: das Erdöl war nicht nur eine Waffe im machtpolitischen Spiel, sondern war und ist ein globaler Machtfaktor.

Im Gefolge der Erdölkrise von 1973 schossen die Rohölpreise in die Höhe, und das war der Beginn des norwegischen Erdölabenteuers.

Es war wirklich abenteuerlich. Der Emporkömmling in der exklusiven Gesellschaft der Erdölproduzenten der Welt entwarf ein eigenes verwaltungstechnisches Modell für das Erdölgeschäft. Für Erdölverwaltung wurde ein neues Ministerium auf die Beine gestellt, und der Gesetzgeber schuf das notwendige Rahmenwerk. Eine staatliche Erdölgesellschaft wurde gebildet, und das neuerrichtete Erdöldirektorat erhielt die Aufgabe, dem Land das erforderliche Wissen und Können zu beschaffen.

Norwegen lernte so, die Erdölwirtschaft zu beherrschen. Nicht alle Maßnahmen fanden Beifall. Oft wurde ein arabischer Ausdruck zitiert: "Oil means trouble."

Und die Nachbarn in Europa sagten: Spielt euer Erdölspiel mit europäischen Karten.

Zweifellos war Norwegen in eine höhere Industrieliga aufgerückt. Immer neue, immer erstaunlichere Funde wurden in den 70er und 80er Jahren gemacht. Viele der Erdöl- und Erdgaslagerstätten gehörten zu den größten der Welt.

Die Felder wurden mit einer sehr aufwendigen Technologie erschlossen. Bei den hohen Rohölpreisen der 70er Jahre war der Anreiz zum Sparen gering - er kam erst mit dem Preiseinbruch 1986.

Auch wenn Norwegen mit seinem staatlichen Verwaltungskonzept die Tätigkeiten in Verbindung mit der Erdöl- und Erdgasgewinnung unter Kontrolle hatte, stand Oslo der Beteiligung internationaler Unternehmen immer aufgeschlossen gegenüber. Heute sind die weltgrößten Ölgesellschaften auf dem norwegischen Sockel tätig. Die Ausbeutung der fossilen Rohstoffe findet also in einem breiten und vielseitigen Milieu statt.

Anders ausgedrückt wurde die Erschließung der Erdöl- und Erdgasvorkommen als eine gigantische Umlage zwischen dem Staat und den größten Erdölgesellschaften der Welt organisiert.

Die Ausbeutung des norwegischen Sockels ist in eine neue Phase getreten. Die Zeit der Riesenfunde ist vorbei. Die Lagerstätten, die noch nicht ausgebaut sind, bestehen aus vielen kleinen und mittelgroßen Feldern, die mit neuer, einfacher und umweltfreundlicher Technologie erschlossen werden müssen. In den nächsten 25 Jahren warten rund hundert Öl- und Gasfelder auf ihren Ausbau. Die Investitionen sollen auf dem bisherigen Stand bleiben.

Nach dem Willen des Stortings sollen die Rohstoffe langfristig ausgebeutet werden. Der Öl- und Gasreichtum soll in das Kapitalvermögen eines Ölfonds umgewandelt werden, der die Wohlfahrt der kommenden Generationen gewährleisten kann.

Norwegen hat sich bei der Energiegewinnung auch ehrgeizige ökologische Ziele gesetzt: es will ein großer Energieproduzent und zugleich ein Vorbild in der Umweltpolitik sein. Staat und Wirtschaft arbeiten bei der Entwicklung einer neuen, umweltfreundlichen Technologie der Petroleumindustrie eng zusammen.

Aber wie das bei der Industrie meistens der Fall ist, sind der Markt und der Preis die entscheidenden Faktoren, wenn es um das Regime der Ressourcen geht.

Norwegen hat sich zum Ziel gesetzt, die Technologie weiter zu vereinfachen, damit norwegisches Erdöl und Erdgas sich auch bei niedrigen Rohölpreisen im Wettbewerb behaupten können. Norwegen ist Mitglied der Internationalen Energie-Agentur IEA, aber nicht des OPEC-Kartells. Die norwegische Wirtschaft im Allgemeinen und der Erdölexport im Besonderen sind nach Westen, auf das OECD-Gebiet ausgerichtet. Trotzdem hat Norwegen als zweitgrößter Erdölexporteur der Welt ein pragmatisches Verhältnis zur OPEC und trägt durch die Drosselung der Produktion zu einem vertretbaren Preis des Rohstoffs bei, denn man hat die energiepolitische und volkswirtschaftliche Bedeutung des Erdöls für die reichen wie die armen Länder der Welt erkannt.

 

Der Autor des Artikels, Jan Hagland, ist Pressechef des Erdöldirektorats. In seiner zwanzigjährigen Berufstätigkeit als Journalist hat er sich auf Seerecht und Erdölwirtschaft spezialisiert.

 

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Herausgegeben von Nytt fra Norge für das Kgl. Norwegische Außenministerium. Der Verfasser ist für den Inhalt des Beitrags verantwortlich. Nachdruck gestattet. Gedruckt im April 2000.s