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Die norwegische Schiffahrt

Norwegens Schiffahrt gehört seit über 150 Jahren zur Weltspitze. Dieses kleine Land an der Peripherie Europas hält weiterhin seinen Platz als eine der Großmächte auf den Weltmeeren. Um die traditionelle Schiffahrt herum ist ein breites Spektrum von maritimen Aktivitäten entstanden, die heute starke – teils beherrschende – Positionen im internationalen Markt einnehmen.

Helle Hammer

In Norwegen haben Menschen schon immer am Meer, vom Meer und auf dem Meer gelebt. Werfen wir einen Blick auf die Norwegenkarte, verstehen wir rasch: Das muss so sein. Die Länge der norwegischen Küste entspricht in etwa der Hälfte des Äquators. In einem solchen Land – und mit der für Norwegen typischen verstreuten Besiedlung – ist es ganz natürlich, dass vier von fünf Einwohnern in Sichtweite des Meeres leben.

Ein komplettes maritimes Milieu

Es sind jedoch nicht allein die Nähe zum Meer und die langen Traditionen im Seetransport, die Norwegen in diesem Bereich zu dem gemacht haben, was es heute ist. Kaum ein anderes Land kann ein so komplettes maritimes Milieu vorweisen. Kern und treibende Kraft sind die Reedereien. Sie decken alles – vom Seetransport über Schiffsausrüstung, Schiffbau, Vermittlung, Finanzierung, Versicherung und Klassifikation bis hin zu maritimen Erdölaktivitäten. Verschiedenen Untersuchungen zufolge gehören die Schifffahrt und die mit ihr verbundenen übrigen Tätigkeiten zu den international wettbewerbsfähigsten, auf umfassendem Know-how fundierten Wirtschaftszweigen Norwegens. Nach Berechnungen hängen rund 80 000 Arbeitsplätze in Norwegen mit der See zusammen.

Der Nutzen, den die Akteure dieser Branche von einander haben, spiegelt sich auch in den Anteilen Norwegens am Weltmarkt wieder. Mit der drittgrößten Welthandelsflotte ist Norwegen praktisch eine Großmacht auf See.

Entsprechend stark ist die Stellung bei den Tätigkeiten an Land. Im Bereich der Schiffsversicherung kontrollieren norwegische Gesellschaften 30 Prozent des internationalen Marktes, und Norwegen klassifiziert 15 Prozent der Weltflotte. Weiter sind in Norwegen führende Hersteller von Schiffsausrüstung sowie mehrere der angesehensten Schiffsmaklerfirmen der Welt angesiedelt, zwei der international tonangebenden schifffahrtsbanken und führende Institute für schifffahrtsökonomische und -technologische Forschung und Entwicklung.

Zusammenspiel und Innovation

Die Ingredienz dieses Erfolgs ist das Zusammenwirken von Tätigkeitsbereichen, von denen jeder für sich genommen international wettbewerbsfähig ist. Die norwegische Schifffahrt hat sich bewusst um Spezialisierung in Nischen bemüht, die vor allem technologisch Kernkompetenz fordern. Norwegische Reedereien haben in einer Reihe von Bereichen Pionierleistungen erbracht. Sie haben neue Transportlösungen entwickelt, unter anderem in enger Zusammenarbeit mit Schiffsmaklern, Forschungsinstituten und Klassifikationsgesellschaften.

Dank langjähriger Erfahrung, Umstellungsfähigkeit und Bereitschaft zur Innovation tragen norwegische maritime Dienste heute in einem von starker internationaler Konkurrenz geprägten Markt einen allgemein anerkannten Qualitätsstempel.

Talsohle

Schon 1880 – gut 30 Jahre nachdem man begonnen hatte, Waren und Güter anderer Nationen auf dem Seeweg zu befördern – war Norwegen die drittgrößte Schifffahrtsnation der Welt. Danach folgten mehr als hundert Jahre mit Krisen und Kriegen, wirtschaftlichem Wachstum und Rückschlägen in der Welt.

Norwegen konnte über diesen ganzen Zeitraum hinweg seine Position als maritime Großmacht behaupten, und im Jahre 2000 kontrollieren norwegische Reedereien weiterhin die drittgrößte Handelsflotte der Welt, gemessen in eigener Tonnage. Diese positive Entwicklung ist nicht schmerzlos verlaufen.

Die von der OPEC im Jahre 1973 initiierte Vervierfachung des Ölpreises und der anschließende Rückschlag für die Weltwirtschaft lösten in der internationalen Schifffahrt eine anhaltende Strukturkrise aus. Niedriglohnländer stellten in Schifffahrt und Werftindustrie eine zunehmende Konkurrenz dar. Diese Tatsache im Verein mit einer ungünstigen Kostenentwicklung in Norwegen zwang die gesamte maritime Wirtschaft des Landes zu schwierigen und tiefgreifenden Umstellungen. Als Folge davon war die norwegische Schifffahrt bis in die Mitte der 80er Jahre hinein von Abbau, Abwicklung und Ausflaggung geprägt.

Das Norwegische Internationale Schiffsregister (NIS)

1987 kam mit der Gründung des Norwegischen Internationalen Schiffsregisters (NIS) die Wende. Fortan lohnte es sich wieder, von Norwegen aus Schifffahrt zu betreiben.

Das NIS bedeutete für die Reedereien flexiblere und liberalere Betriebsbedingungen, wobei sie sich das Netz norwegischer Konsulate sowie eine hochentwickelte maritime Infrastruktur im eigenen Land zunutze machen konnten. NIS-registrierte Schiffe laufen unter norwegischer Flagge und unterliegen norwegischer Gesetzgebung. Darüber hinaus haben die Reedereien die Möglichkeit, zwischen norwegischen und ausländischen Seeleuten zu wählen. Letztere werden nach Tarifen ihres Heimatlandes entlohnt. Diesem Register ist es zu verdanken, dass hinreichend viele Reedereien durch die Krisenjahre hindurch ihre internationalen Marktpositionen aufrechterhalten konnten.

Die Erdölnation

Andere Reedereien fanden durch die Erdölförderung im norwegi-

schen und ausländischen Festlandssockeln neue Tätigkeitsbereiche.

Mitte der 70er Jahre wurde Norwegen zur Erdölnation. Eine der Hauptursachen dieses Erfolgs war, dass das Land durch seine Schifffahrt und seine übrige maritime Wirtschaft über ein administratives Netzwerk sowie eine technische und administrative Kernkompetenz verfügte, die die Grundlage für den Aufbau einer nationalen Erdölindustrie bilden konnten.

Durch hohe Effizienz, Rationalisierung und den Einsatz neuester Technologie einerseits und geänderte Markt-, Betriebs- und Wettbewerbsverhältnisse auf dem Festlandssockel andererseits konnten die norwegischen maritimen Wirtschaftszweige ihre Positionen behaupten und ausbauen.

Der Seegütertransport

Norwegische Reedereien transportieren Seegüter in die ganze Welt. Über 90 Prozent der norwegischen Handelsflotte laufen nie einen norwegischen Hafen an; sie operieren zwischen Drittländern. Der wichtigste Markt der norwegischen Schifffahrt sind heute die EU-Staaten.

Im September 2000 bestand die norwegische Überseeflotte aus 1 687 Schiffen von insgesamt 49,8 Millionen Tonnen totes Gewicht (tdw). Von diesen liefen 1031 Schiffe unter norwegischer Flagge. Das Vertragsvolumen der norwegischen Reedereien belief sich im Juli 2000 auf 109 Schiffe und 6 mobile Offshore-Einrichtungen.

Spezialisierung

Kennzeichnend für die norwegische Überseeflotte ist ihre Vielseitigkeit und Spezialisierung, die große Anforderungen an die Kompetenz stellen. Die Schiffe sind für bestimmte Lasten maßgeschneidert.

Ein typisches Beispiel ist der Gastransport. Hier kontrollieren norwegische Reedereien gegenwärtig ein Viertel des Weltmarkts. Zum Transport an Bord dieser hochspezialisierten Schiffe wird das Gas abgekühlt oder durch Kompression verflüssigt.

Einen entsprechenden Marktanteil hat Norwegen im Chemikalientransport mit eigens für diesen Zweck konstruierten Schiffen, die in separaten Tanks über 40 verschiedene Ladungen gleichzeitig frachten können.

Norwegische Reedereien haben sich auch in der höchst expansiven Kreuzfahrtschifffahrt etablieren können. Mehrere der größten und modernsten Kreuzfahrtschiffe, die in fernen Gegenden und in zunehmendem Maße auch in heimischen Gewässern verkehren, laufen unter norwegischer Flagge.

Über 50 Prozent der Frachten der Weltflotte bestehen aus Erdöl oder Erdölprodukten. An der norwegischen Schifffahrt haben sie den weitaus größten Anteil. Norwegische Schiffe sind darüber hinaus in einer Reihe von anderen Märkten vertreten, und bei diesen Schiffen handelt es sich unter anderem um Bulkcarriers/Erzschiffe, Containerschiffe, Kombinations- und Ro-Ro-Schiffe.

Offshore

Als Erdöl- und Gasfunde in der Nordsee unerwartet neue Möglichkeiten eröffneten, stellten sich die norwegischen Reedereien der Herausforderung. Noch 1971 hatte Norwegen kein einziges Schiff, das mit dem Erdölsektor zu tun gehabt hätte – ausgenommen Tankschiffe. Vor 25 Jahren kam das erste Offshore-Serviceschiff unter norwegische Flagge. Seit diesem bescheidenen Anfang haben norwegische Reedereien inzwischen ihren Anteil an diesem Markt auf zehn Prozent erhöht.

Im Juli 2000 bestand die norwegische Offshore-Flotte aus 56 Bohrinseln und Hoch-/Tiefbaufahrzeugen und 312 Offshore-Serviceschiffen. Somit ist die Offshore-Flotte in norwegischer Hand nach der der USA die zweitgrößte der Welt.

Viele Bohr- und Bautätigkeiten finden außerhalb norwegischer Gewässer statt. 32 Prozent der in norwegischem Besitz befindlichen Bohr- und Bauschiffe haben ihr Auftragsgebiet in Norwegen.

Das im maritimen Bereich erworbene Wissen und Können sowie ein bedeutender Markt auf dem norwegischen Festlandssockel sind das Fundament des Offshore-Sektors. Die Erdölaktivitäten vor der Küste verlangen nach ständig neuen, besseren und billigeren Erschlie ßungslösungen. Ein deutlicher Trend ist der Einsatz von schwimmenden Produktionsanlagen. Dieser Trend führt zu einer engen Verknüpfung von Offshore- und Schifffahrtsaktivitäten, wobei sich neue Märkte für diejenigen auftun, die sich den Herausforderungen der Zukunft stellen.

Internationale Trends

Die internationale Schifffahrt reagiert empfindlich auf Schwankungen in der Weltwirtschaft. Der zunehmende internationale Handel, der Bedarf an einer Modernisierung der Weltflotte sowie die neuen Märkte für maritime Offshore-Aktivitäten bieten der norwegischen Schifffahrt heute neue und interessante Geschäftsmöglichkeiten. Die Nachfrage nach Seegütertransport wird sich vermutlich im Zuge der Verschiebung des Wachstums- und Handelsmusters von westlichen Ländern nach Asien hin verlagern.

Den Aspekten Sicherheit und Umwelt im Schifffahrtsbereich ist in den letzten Jahren erhöht Aufmerksamkeit geschenkt worden, nicht zuletzt wegen vergangener Schiffskatastrophen. Sicherheit und Umwelt sind Bereiche, in denen Norwegen sich als Vorreiter profiliert hat. Das Land setzt international sein umfassendes Know-how ein, um neue Lösungen zu finden, und dieser Einsatz hat der norwegischen Schifffahrt den Qualitätsstempel verliehen. Auf dem Gebiet der Sicherheit kann weiterhin mit großen Fortschritten gerechnet werden.

Ein weiterer, besonders in Europa deutlicher Trend ist der Übergang vom Straßen- und Schienentransport auf den Seetransport, zweifellos die derzeit umweltfreundlichste Transportart.

Die Zukunft

Die maritime Wirtschaft trägt wesentlich zur norwegischen Ökonomie bei – mit Eigenleistungen und im Zusammenspiel mit Teilen der übrigen norwegischen Wirtschaft. Als Nation ist Norwegen vor eine wichtige wirtschaftliche Herausforderung gestellt: Die Abhängigkeit vom Erdöl muss überwunden werden. Hier kann die Schifffahrt einen wesentlichen Beitrag leisten, indem sie in den sensibleren Teilen der Wirtschaft ein breiteres Fundament der Wertschöpfung schafft.

Im Juni 1996 beschloss das norwegische Storting Reformen in der Schifffahrtspolitik mit dem Ziel, den norwegischen Reedereien international wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen zu sichern, damit norwegische Unternehmen am Standort Norwegen eine solide Grundlage für das weitere Wachstum des maritimen Sektors vorfanden.

Im Vertrauen auf einen verlässlichen Kurs der Seeverkehrspolitik setzten die Reeder auf den Standort Norwegen und beschäftigten zunehmend norwegische Seeleute. Seit 1996 werden diese Richtlinien der Politik jedoch vom Storting und von der Regierung immer wieder herausgefordert und geschwächt. Während die Wettbewerbsbedingungen der Schifffahrt und der Seeleute in anderen Staaten Europas besser wurden, haben sie sich in Norwegen verschlechtert.

Ein internationales Gewerbe wie die Schifffahrt muss die gleichen Bedingungen wie die Konkurrenz haben, um im scharfen internationalen Wettbewerb mitzuhalten zu können. Kein Wirtschaftszweig kann überleben, dessen Rahmenbedingungen von Haushaltsgesetz zu Haushaltsgesetz schlechter werden. Eine Kursänderung ist notwendig, wenn Norwegen seinen Platz unter den großen Schifffahrtsnationen der Welt behaupten will.

Helle Hammer ist Abteilungsleiterin beim norwegischen Reederverband.

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Herausgegeben von Nytt fra Norge für das Kgl. Norwegische Außenministerium. Gedruckt im Oktober 2000. Die Verfasserin ist für den Inhalt des Beitrags verantwortlich. Nachdruck gestattet.