Presse in Norwegen
Svennik Høyer
Norwegen ist reich an Zeitungen. 1999 wurden für die etwas über vier Millionen Einwohner 223 Zeitungen an 117 Orten herausgegeben. Die meisten sind im internationalen Vergleich klein und kommen nur drei Mal pro Woche oder noch seltener heraus. Die Zahl der Tageszeitungen beträgt 78 an 62 Erscheinungsorten. 9 Tageszeitungen versorgen allein in der Hauptstadt Oslo eine halbe Million Bürger mit Nachrichten und Hintergrundinformationen. Sie verkonsumieren 42 Prozent der landesweiten Zeitungsauflage. Andererseits steht die Hauptstadtpresse nur in sechs Prozent der 435 Kommunen des Landes an der Spitze der umgesetzten Presseerzeugnisse.
Im Zeitungslesen sind die Norweger seit vielen Jahren führend in der Welt. 1999 wurden im Schnitt 1,65 Zeitungen je Haushalt gelesen. In einer Zeit, in der die gedruckten Medien vieler Länder einen deutlichen Rückgang verzeichnen mussten, hat die norwegische Tagespresse in den vergangenen 20 Jahren ihre Gesamtauflage nicht nur halten, sondern sogar leicht erhöhen können. Rückläufig dagegen ist die Zeit, die für die Lektüre des Mediums aufgewendet wird. 1999 war das etwas über ein halbe Stunde täglich.
Zeitungsgeografie
Eine naheliegende Erklärung für die Vielfalt sind die Geografie und Geschichte des Landes. Geografisch ist Norwegen wegen der tief in das Land einschneidenden Fjorde und Bergketten eher zersplittert. Eine natürliche Folge dieser Gegebenheiten ist die dezentrale Besiedlung mit einer großen Zahl von Klein- und Kleinststädten. Die Verbundenheit mit dem Ort ihrer Kindheit und der Lokalpatriotismus der Norweger bilden einen fruchtbaren Nährboden für die reiche Fauna der Ortszeitungen. Wer wissen will, was im Heimatdorf los ist, muss das Blättchen lesen. So konnten die meisten Lokalblätter trotz neuer Massenmedien wie Internetzeitungen und regionale Funk- und Fernsehsender ihre Stellung halten.
Das ist auch an den Strukturänderungen der letzten zehn Jahre im Pressebereich ablesbar. Sowohl die Zahl der Ortszeitungen als auch ihre Auflage wächst. Entgegengesetzt verläuft die Entwicklung bei den etwas größeren Kreiszeitungen. Gerade bei den kleinsten Zeitungen gibt es viele Neugründungen, neue Kleinmärkte am Rande der traditionellen Medien. Der landesweite Teil der Presse, allen voran zwei kleinformatige Tageszeitungen (VG und Dagbladet), nimmt ungefähr 20 Prozent der Gesamtauflage für sich in Anspruch. Obwohl sich die meisten Leser zusätzliche Informationen aus anderen Quellen holen, konnten diese beiden Zeitungen ihren Anteil in Norwegen im Unterschied zu den Nachbarn Dänemark und Schweden halten. Was verschwindet, sind kleine Zeitungen in Städten mittlerer Größe. Sie schaffen den Wettbewerb mit den größeren Konkurrenten nicht, die ihnen die Anzeigenkunden wegschnappen. Nur noch an zehn Orten erscheinen zwei Ortszeitungen, die um dieselbe Kundschaft konkurrieren.
Dass es in dem dünn besiedelten Land so viele Zeitungen gibt, ist nicht nur auf die 1969 eingeführte großzügige Unterstützung der Presse durch den Staat zurückzuführen, sondern auch auf die Tatsache, dass auf Zeitungen keine Mehrwertsteuer lastet. Die direkten Haushaltsleistungen an die Presse beliefen sich im Jahr 2000 auf 164 Millionen Kronen. Wie in Schweden und Finnland gibt es öffentliche Fördermittel für eine Reihe gemeinsamer Projekte, aber es sind die gezielten Zuwendungen, die am wirksamsten zur Aufrechterhaltung einer hohen Zahl von Zeitungen beitragen. Subventioniert werden Druckerzeug-nisse, die gegenüber einem lokalen Mitbewerber eine unterlegene Marktstellung haben, und Blätter mit sehr kleinen Auflagenzahlen. Die Kriterien für den Anspruch auf Pressehilfe sind also politisch neutral und an keine inhaltliche Qualitätskontrolle seitens des Staates gebunden.
Die Wertschätzung, die den Ortszeitungen widerfährt, wird manchmal als Ausdruck des typisch norwegischen Misstrauens der Zentralgewalt gegenüber interpretiert. Wenn das stimmt, ist es nur die halbe Wahrheit. Die Norweger sind nämlich auch im nationalen Maßstab sehr patriotisch gesinnt und haben im übrigen keinerlei Bedenken, Vater Staat um die Hilfe bei der Lösung lokaler Aufgaben anzugehen. Bei der kurzen Geschichte als selbständige Nation in moderner Zeit hat die Hauptstadt sich noch keinen großen Platz im Herzen der Bürger erobert. Es haftet ihr nicht der Nimbus einer bedeutenden Kulturstätte an, wie es in Staaten, mit denen wir uns gern vergleichen, der Fall ist. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass die entfernt gelegenen Regionen überverhältnismäßig stark im Storting vertreten sind.
Die Epoche der Parteizeitungen
Wenn wir schon die Geschichte und die nationalen Pressetraditionen als Erklärung für die vielen Zeitungen und damit zusammenhängende Erscheinungen bemühen, muss auch die Parteipresse erwähnt werden, die in Norwegen zählebiger als in vielen anderen Ländern war. Erst zwischen 1970 und 1990 verschwanden die Spuren der Parteizeitungen, die seit 1870 loyal ihre jeweilige Partei in den Leitartikeln und beim Redigieren der politischen Nachrichten unterstützten. Da die meisten Zeitungen derart ideologisch-politisch verankert waren, muss-te natürlich der Leser, der sich allseitig informieren wollte, mehrere Zeitungen lesen.
Eine parteigebundene Presse existiert in vielen Ländern. Sie scheint aber in Skandinavien und besonders in Norwegen mehr verbreitet zu sein als im übrigen Westeuropa und in den USA. Das lässt sich kaum anders als politisch erklären. Norwegen hat früh das Stimmrecht auf neue Bevölkerungsgruppen ausgedehnt und früher als viele andere Länder Europas 1884 den Parlamentarismus eingeführt. Letzterer kam erst nach anhaltenden politischen Auseinandersetzungen zu Stande, bei denen die Presse in einer Zeit, als es noch keine politischen Parteien gab, als formierende, polarisierende und organisierende Kraftwirkte.
Als es dann üblich wurde, die Herausgabe von Zeitungen in die politischen Programme aufzunehmen, entwickelte das System seine Eigendynamik. Jede Partei ließ es sich angelegen sein, den auflagenmäßigen Vorsprung der konkurrierenden Parteien im Bezirk einzuholen. Mitglieder und Sympathisanten wurden zu Spenden und freiwilligen Arbeitseinsätzen herangezogen. Noch waren die Investitionen in ein regionales oder lokales Sprachrohr erschwinglich. Einen starken Motivationsschub erhielten diese Anstrengungen durch die Polarisierung und Radikalisierung in der Zeit zwischen den Weltkriegen. Die Arbeiterpartei war die einzige der sozialdemokratischen Parteien Europas, die in den Zwanzigern Mitglied der kommunistischen Internationalen Komintern war. Und auf der andern Seite brachten viele der führenden bürgerlichen Zeitungen klare faschistische Sympathien zum Ausdruck.
Während der deutschen Besatzung 1940-1945 wurde die Zahl der Zeitungen drastisch reduziert. Zugelassen war nur noch eine zensurierte Zeitung pro Erscheinungsort außerhalb Oslos. Die ersten Nachkriegsjahre standen im Zeichen des Wiederaufbaus und der Einigkeit. Auch die Presse musste wieder aufgebaut werden. 1945-46 kamen wieder viele Vorkriegszeitungen ans Licht, die meisten mit finanzieller Unterstützung von politischen Stiftungen oder Gewerkschaften. Obwohl sie zahlenmäßig hinter dem Vorkriegsstand zurückblieben, waren es immer noch zu viele im Verhältnis zu dem wirtschaftlichen Rahmen, der für einen gewöhnlichen Zeitungsbetrieb galt. Die Folge war ein umfassendes Zeitungssterben in den 50er und 60er Jahren. Das war ein internationaler Trend, der paradoxerweise mit dem Wirtschaftsaufschwung zusammenhing.
Der langsame Tod der Parteipresse
Die Menge der Anzeigen, besonders der für Verbrauchsgüter, stieg ab den fünfziger Jahren steil an. Aber die Einnahmen daraus waren sehr schief verteilt. In der Regel sicherte sich die auflagenstärkste Zeitung des Bezirks einen größeren Teil der Anzeigeneinnahmen, als es ihrem Leser- oder Marktanteil nach angemessen gewesen wäre. Das hing damit zusammen, dass die großen Zeitungen auch einen bedeutenden Teil der Leser ihrer kleineren Mitbewerber erreichten, während die werbenden Firmen andererseits ihren Zielbereich nur unwesentlich ausweiteten, wenn sie in zwei oder mehr der konkurrierenden Blätter gleichzeitig warben.
Im Ergebnis dieser Konzentration der Werbeeinnahmen erreichten die großen Zeitungen ein Publikum, das die Wählerschaft der Partei, die die Zeitung herausgab, zahlenmäßig weit überstieg. Anders gesagt, entstand den größeren Zeitungen aus der Parteizugehörigkeit ein wirtschaftliches Risiko, das durch größere politische Breite abgefedert werden musste. Die kleineren Zeitungen dagegen gerieten in größere Abhängigkeit von der Unterstützung ihrer politischen Träger, wozu die Parteien aber finanziell immer weniger in der Lage waren. Also wendete man sich an den Staat, damit dieser die Verantwortung für eine allseitige Presse ohne zu große regionale Schlagseiten übernehme. Das Ziel der Pressesubvention aus Steuermitteln wurde nie eindeutig formuliert, denn die Kosten bei einer vollständig gerechten Verteilung unter den parteilichen Sprachrohren wären in einem Mehrparteiensystem zu hoch geworden.
Viele Beobachter waren der Meinung, dass mit den Pressesubventionen das Leben der Parteiorgane künstlich verlän-gert wurde. Aber auch das ist nur eine Hypothese, denn Zeitungen ohne direkte Konkurrenz haben keinen Anreiz, ihre Sympathien oder Antipathien zu ändern. Eine Parteizeitung ohne Mitbewerber wird natürlich die Lage zum Propagieren bestimmter politischer Standpunkte ausnutzen. Der Anstoß zur Wende im politischen Journalismus kam auch von außerhalb der Presse, und zwar vom Rundfunk, der bis 1981 als staatliches Monopol betrieben wurde. Die landesweiten Rundfunksendungen mussten als öffentliche Einrichtung Programme und Nachrichten natürlich parteipolitisch neutral gestalten. Als sich das Fernsehen am Ende der sechziger Jahre als neues Medium durchsetzte und die wichtigste Informationsquelle der Bürger wurde, sahen sich die Zeitungen vor ein journalistisches Dilemma gestellt. Wollten sie ihre Glaubwürdigkeit behalten, musste ihre Berichterstattung dem NRK folgen und vielseitiger werden. Es genügte nicht mehr, dem öffentlichen Nachrichtensender Einseitigkeit und Parteilichkeit vorzuwerfen, denn die Leser konnten selbst die Leistungen der verschiedenen Medien vergleichen. Der zuletzt eingesetzte öffentlich Ausschuss für Tageszeitungen, der die Pressesubventionen untersuchte und im Mai 2000 seinen Bericht vorlegte, hatte sich die Leitlinien der Zeitungen angesehen und festgestellt, dass die überwiegende Mehrzahl ihre politische Unabhängigkeit postuliert hatte.
Der Parteijournalismus und der moderne Nachrichtenjournalismus haben gegensätzliche normative Prämissen, die sich kaum innerhalb der gleichen Pressefilosofie vereinen lassen. Die Agitation für eine bestimmte Weltanschauung wird der Forderung nach journalistischer 'Objektivität', allseitiger Beleuchtung des Zeitgeschehens und dem aufrichtigen Streben nach nüchterner und sachlicher Informationsvermittlung immer im Wege stehen. Mit sachlicher Aufklärung lässt sich die Sympathie oder Antipathie der Wähler selten gewinnen. Ist man jedoch der Frage gegenüber aufgeschlossen, was den Inhalt einer Zeitung ausmachen soll, ist es möglich, viele Filosofien und Stilideale, wenn auch nicht alle Arten von Journalismus, zu mischen. Was als Tatsache präsentiert wird, sollte natürlich wahr sein und das Thema vorzugsweise von verschiedenen Seiten behandeln, wobei dann der Verfasser von Kolumnen und Kommentaren im Rahmen des Presseethos alle Freiheiten genießen kann. Gleichwohl gibt es viele Anzeichen dafür, dass der moderne, anglo-amerikanisch beeinflusste Nachrichtenjournalismus, der sich um die vorige Jahrhundertwende einen Weg bahnte, sich nur mit Mühen in Skandinavien und insbesondere in Norwegen durchsetzen konnte. Wir wissen es noch nicht ganz sicher. Weder, wann genau der Nachrichtenjournalismus seinen Durchbruch hatte, noch was den Niedergang des Parteienjournalismus einleitete. Die 1960er Jahre werden in diesem Zusammenhang als Meilenstein genannt.
Vor dem Hintergrund des heutigen Journalismus scheint diese Trägheit fast unverständlich. Der moderne Mensch ist daran gewöhnt, dass Stilideale und Programmkonzepte ohne Zeitverzug von den Fernsehanstalten länderübergreifend ein- und ausgeführt werden. Ähnliches geschieht in der Presse. Die nationalen Traditionen bei der Ausformung der Medien werden von der intensen Kommunikationsgemeinschaft geschwächt, die wir heute über alle Grenzen hinweg erleben.
Der Blick zurück zeigt deutlicher, wie eng die formellen und informellen Bindungen zwischen Parteien und Presse damals im Vergleich zu heute waren. Dabei war das Parteiorgan nicht nur ein sozialistisches Phänomen; es existierte gleichermaßen in den liberalen und konservativen Parteien. Kein anderer Berufsstand sandte so viele Vertreter in die politischen Organe und das Storting wie die Pressemitarbeiter. Bei den zahlreichen und oft schwachen Zeitungen suchten die Redakteure Anerkennung und soziales Prestige nicht nur durch ihre berufliche Tätigkeit zu gewinnen, sondern ebenso oft durch Ehrenämter in einer Partei oder einem öffentlichen Organ Vertrauliche Informationen und Gespräche zwischen Politikern und der Presse waren oft entscheidend dafür, was der Öffentlichkeit zu Ohren kam und was nicht. So konnten auch die politischen Parteien leichter die öffentliche Meinung kontrollieren. Als zum Beispiel Nils Hønsvald als Chefredakteur des Sarpsborg Arbeiderblad gleichzeitig Stortingsabgeordneter, Minister, Fraktionsführer der Arbeiterpartei, Präsident der einen, dann der andern Kammer des Stortings war, erschien das niemand unnatürlich. In seiner mehrere Legislaturperioden währenden Zeit als Abgeordneter schrieb Hønsvald die Leitartikel für seine Heimatzeitung in Sarpsborg. Und er war nicht der einzige; Herman Smitt Ingebretsen war gleichzeitig Volksvertreter und Chefredakteur zuerst des konservativen Morgenbladet, dann des bürgerlichen Aftenposten. Helge Seip war Abgeordneter, Minister und Chefredakteur des liberalen Dagbladet.
In den letzten Jahren wurde die umfassende Zusammenarbeit zwischen Behörden, Teilen der Presse und des Nachrichtendienstes während des kalten Krieges in Norwegen enthüllt. Die Presse hatte nicht nur ihre Aufgabe als öffentlicher Wachhund versäumt, sondern in vielen Fällen sogar vergessen, ihre eigenen Rechte in einer freien Demokratie zu verteidigen. Manches könnte vielleicht als Notwehr gegenüber einer diktatorischen, zeitweise tyrannischen gegnerischen Großmacht an der Grenze im Norden durchgehen. Aber insgesamt gehört eine derart verblendete Verteidigung der Demokratie zu der dunkleren Seite der Geschichte der Parteipresse.
Eine selbständigere und professionellere Presse
Die hohen Anzeigeeinnahmen Ende der 50er Jahre führten zu steigenden Auflagen und einer wachsenden Zahl von Mitarbeitern. Während die Zahl der Zeitungen sank, stieg die der Reporter. Die Mitgliederzahl des norwegischen Verbandes der Journalisten verdoppelte sich von 1960 bis 1975 und noch einmal von 1975 bis 1987 auf nunmehr 4494 Mitglieder. Die Redaktionen besonders in den größeren Städten wurden besser bemannt. Das wiederum verstärkte die Grundlage der gewerkschaftlichen Organisierung der Pressemitarbeiter. Es ging ihnen nicht nur um höhere Löhne, sondern auch um bessere Arbeitsbedingungen und Mitbestimmung bei redaktionellen Fragen. Zu den Forderungen des Journalistenverbandes der 80er Jahre gehörte die Anhörung der Redakteure bei der Ernennung des Chefredakteurs und anderen Beförderungen. Das fasste die Gegenpartei, die Chefredakteure und Verleger, völlig richtig als eine Herausforderung der Verleger als Eigentümer auf, die allein das Recht hatten, die grundsätzliche politische und weltanschauliche Ausrichtung ihres Blattes zu bestimmen.
Die Aufdringlichkeit der Journalisten führte einerseits zu einer Schwächung der moralischen Grundlage der immer noch als Parteiorgane geführten Druckerzeugnisse. Andrerseits trug die von den Journalisten geforderte Professionalisierung ihres Berufs zu einem offeneren Arbeitsmarkt bei, die den Berichterstattern eine größere berufliche Mobilität zwischen den verschiedenen Parteiorganen ermöglichte. So war es möglich, dass Journalisten der marxistisch-leninistischen Tageszeitung Klassekampen später von der Wirtschaftszeitung Dagens Næringsliv übernommen wurden, weil sie in kritischer, analytischer Journalistik geübt waren.
Eine weitere Folge der Professionalisierung der Presse war, dass die Journalisten jetzt öfter selbst die Ereignisse des Tages ohne Hilfe von fremden Experten kommentierten, entweder in eigenen Kolumnen oder in Form von Interviews, die Kollegen mit ihnen im Fernsehen machten. Zuvor waren Kommentare oft von außenstehenden Persönlichkeiten geschrieben oder verlesen worden. In dieser Beziehung schottete sich der Journalismus gegen fremde Einsichten ab.
Im Zuge des Falls des parteipolitischen Journalismus wurden die Zeitungen überparteilich. Die bezweckte Einflussnahme muss-ste nun weichen vor dem Bemühen um größere Allseitigkeit und der Erkenntnis, dass eine neutrale Grundeinstellung auch neue Möglichkeiten in sich barg, Informationen und Tipps zu erhalten. Politiker ohne eigenes Presseorgan, und das waren jetzt fast alle, mussten nun den Medien zur Verfügung stehen, wenn sie zu den Wählern vordringen wollten.
Was Ursache ist und was Wirkung, lässt sich kaum trennen, jedenfalls verlief diese Entwicklung bei der Presse parallel mit der Auflösung der traditionellen Parteienloyalität der Wähler. Mehr als die Hälfte der Wähler wechselt die Partei von Wahl zu Wahl, was oft auch mit einem nicht vorhersagbaren politischen Richtungswechsel einhergeht. Minderheitsregierungen scheinen ein Dauerzustand zu sein, und die heutige Politik kommt ebenso oft als Kompromiss wechselnder Koalitionen zu Stande wie als Verwirklichung längerfristiger Zielstellungen in Parteiprogrammen. In dieser Lage hat die Presse vielleicht einen größeren Einfluss auf das politische Tagesgeschehen, als sie es in ihrer Zeit als Parteiorgan hatte.
Svennik Høyer (*1931) ist Professor an der Universität Oslo mit Presse- und Mediengeschichte als Fachgebiet.
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Herausgegeben von Nytt fra Norge für das Kgl. Norwegische Außenministerium. Gedruckt im November 2000. Der Verfasser ist für den Inhalt des Beitrags verantwortlich. Nachdruck gestattet.