Norwegische Kinderliteratur: Sprachspiel und Ernst
Vielfalt der Gattungen und Formens
1990 wurde der norwegische Verfasser Tormod Haugen mit dem höchsten internationalen Preis der Kinderliteratur, dem Hans-Christian-Andersen-Preis, ausgezeichnet. Ein Jahr später errang Jostein Gaarders Geschichte der Filosofie "Sofies Welt" Rekordzahlen an Ehrungen und Auflagen. Mit diesen beiden Ereignissen eroberte sich Norwegen, diese kleine Sprachnation am Rande Europas, einen Platz auf der literarischen Weltkarte. Qualitätsliteratur für Kinder und Jugendliche ist heute eine Kulturexportware.
Ich möchte meinen Artikel über norwegische Kinderliteratur mit einem kurzen Rückblick beginnen.
Karin Beate Vold
"Š es geht darum, den Stoff zu finden, an dem sich der Schnittpunkt von Kindlichem und Poetischem darstellen lässt. Das Kind sucht nicht nur Unterhaltung. Es will denken, fühlen, wachsen und sich allseitig entwickeln; das ist ein natürlicher Drang [Š] es geht darum, den Weg zum Herzen zu finden."
So spricht ein Pädagoge, der im Namen der Kinder hohe künstlerische Ansprüche stellt. Und so schrieb ein Pädagoge, der am Ende des 19. Jahrhunderts einen strengen ästhetischen Maßstab an Literatur und Kunst für Kinder legte. Ein Mann, der an die Macht des Wortes und die Fähigkeit der Dichtung glaubte, die kindliche Seele zu formen. Nordahl Rolfsen, wie er hieß, beeinflusste nachhaltig unser Verständnis von den Kindern als Literaturkonsumenten. Das wirkte sich auch auf die Buch- und Illustrationskunst aus, was hundert Jahre später noch merkbar ist.
Das Zitat entstammt dem Vorwort zum Læsebog for folkeskolen [Lesebuch für die Volksschule] von 1892. Nordahl Rolfsens Lesebücher wurden zum Grundpfeiler der Lesekunst und -freude in Norwegen. Das Werk machte die Schüler mit Literatur, Volksdichtung und Zeichenkunst bekannt und vermittelte eine ästhetische Orientierung, die eine Abwendung von der moralisierenden pietistischen Pädagogik bedeutete, die bis dahin Schule und Kinderbuchprodukton beherrscht hatte.
Kinderbücher werden literarisch und politisch
Um 1890 machte sich eine Generation von Verfassern und Verfasserinnen geltend, die endgültig mit der Tradition des erzieherischen Zwecks brachen. Mit genuiner Einsicht in das kindliche Gefühlsleben und die kindlichen Bedürfnisse wurde eine Dichtung geschaffen, die zugleich Tendenzen der allgemeinen Literatur Norwegens widerspiegelte. In der Romantik war das Interesse für die Psychologie und die Entwicklung des Kindes geweckt worden. Aus dieser Epoche sind uns literarische Kinderportraits überliefert, die für immer ihren Platz als die großen Klassiker der Kinderliteratur behaupten werden. Als sich der Realismus in der norwegischen Kunst um 1870-1880 durchsetzte. wurde einer kritischen, aufklärerischen Literatur für Kinder der Weg bereitet. Das "goldene Zeitalter der Literatur" von 1890 bis 1914 bezeichnet auch eine realistische Kinderliteratur, deren Themen häufig die familiären und gesellschaftlichen Verhältnisse und Bedingungen waren, unter denen die Kinder heranwuchsen.
Um die vorige Jahrhundertwende drehten sich Politik und Kultur Norwegens um die nationale Selbständigkeit. 1905 gelang die Loslösung von Schweden. Natürlich wurde die Literatur für Kinder als Instrument zur nationalen Identitätsbildung genutzt.
Trotzdem setzte sich die künstlerische Qualität vor dem pädagogischen Nutzwert durch. Dabei war bei den Kinderbüchern der Jahrhundertwende typisch, dass ihre Verfasser auch für Erwachsene schrieben. Diese Erscheinung ist bis heute für die literarische Produktion in Norwegen kennzeichnend.
Neue Tendenzen
In der zweiten Hälfte unsere Jahrhunderts machten sich von zwei Seiten neue Einflüsse geltend, die zur Modernisierung der Kinder- und Jugendliteratur wesentlich beitrugen. Zum einen ging in den 50er Jahren die Schreib- und Erzählkunst eine enge Verbindung mit dem Rundfunk ein, dem Medium, das zu dieser Zeit Allgemeingut in Norwegen geworden war. Diese Allianz führte zu einer neuen Belebung insbesondere der Literatur für die Jüngsten. Zum andern schlug der gesellschaftskritische Trend in der Literatur für Erwachsene der 70er und 80er Jahre Breschen in die Abschirmung der Kinderliteratur. Auch Kinderbücher wurden nun eine Arena politischer Auseinandersetzungen und des Aufruhrs gegen das Establishment. Die vormals tabuisierten Bereiche Pubertät und Sexualität wurden anerkannte Motive. Daraus resultierte eine Neubelebung der Jugendliteratur. Das Jugendbuch setzte sich als eigene Gattung durch. Der antiautoritäre und problemorientierte Trend machte sich bald auch in den Büchern für jüngere Kinder geltend. Ein drittes Erscheinungsbild der norwegischen Kinderliteratur ist eine von allen Tendenzen unabhängige vitale Kinderpoesie.
Die Erneuerer der Erzähl- wie der Liederkunst für Kinder in den 1950er Jahren waren Thorbjörn Egner (1912 1990), Alf Pröysen (1914 1970) und Anne-Cath. Vestly (*1920). Alle drei sind allseitige Begabungen. Mit ihrer Musikalität und Bühnenerfahrung schlugen sie die Hörer des einzigen Programms des norwegischen Rundfunks in Bann. Sie vertreten verschiedene Genres: Egner baute ein Fantasieuniversum aus Hakkebakkewald und Kardemomme auf und bevölkerte es mit Märchengestalten wie den Zahntrolls Karius und Baktus. Pröysen schuf die Märchengestalt Frau Pepperpott die Frau, die so klein wie ein Teelöffel wurde. Vestlys Geschichten sind realistischer als die ihrer beiden Kollegen. Aber auch sie hat ein künstlerisches Universum geschaffen, eine Trabantenstadt, deren Leben sie seit mehr als 40 Jahren schildert. Von den vielen Personen rückt die Großmutter immer mehr in den Mittelpunkt der fiktiven Welt. Toleranz, Sozialisierung und Demokratie sind bei allen drei Autoren thematische Schwerpunkte. Die Teelöffelfrau und die Großmutter haben ausgeprägt antiautoritäre Neigungen. Diese Verfasser beherrschen seit mehr als 20 Jahren die Literatur für die Jüngsten und gehören längst zum kinderliterarischen Kanon Norwegens. Alle drei sind in viele Sprachen übersetzt.
Alf Pröysen schrieb Lieder und Prosa für Kinder und Erwachsene im Wechsel. Seine Kinderlieder sind von hoher poetischer Qualität. Es war jedoch Inger Hagerup (1905 - 1985), die der modernen Kinderpoesie 1950 mit der Sammlung Så rart zum Durchbruch verhalf. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits eine anerkannte Dichterin erwachsener Lyrik. Ihre Kindergedichte durchziehen Wortakrobatik, humoristische und antiautoritäre Sprachspiele und poetische Untertöne, womit sie neue Schreibweisen in die norwegische Kinderliteratur einführte und sie vor literarische Herausforderungen stellte. Später folgten andere anerkannte Poeten in ihren Spuren, u.a. André Bjerke (1918 1985) und Arnljot Eggen (*1923). Die einzige Nonsensdichterin der norwegischen Kinderliteratur, Zinken Hopp (1905 1987) schrieb schon 1948 ihr Prosawerk Trollkrittet und war die einzige der schmalen Genres, die sich auch international einen Ruf erwarb und in viele Sprachen übersetzt wurde.
Von Kulturpolitikern und Wissenschaftlern entdeckt
Neue Einstellungen, neue Schreibweisen und neue Genres kennzeichnen die 1970er und 80er Jahre, und sie lassen sich von verschiedenen Gesichtswinkeln aus beschreiben. In diesen turbulenten Jahren änderten sich die Rahmen-bedingungen der Kinderliteratur grundlegend, woraus auch der Nährboden für neues Wachstum entstand. Die Kulturpolitik der 60er Jahre war um die Erhaltung einer lebenden nationalen Literatur bemüht. Zu diesem Zweck wurde u.a. der Ankauf norwegischer Schönliteratur durch die öffentlichen Bibliotheken gesetzlich geregelt. Ab 1978 wurde die Regelung auf Kinderliteratur ausgedehnt, was auf die Arbeitsbedingungen der Verfasser und das Interesse der Verlage einen positiven Einfluss hatte. Die Reform kam nach langwierigen Verhandlungen zustande. Das stärkte wiederum das Selbstbewusstsein und die Solidarität der Kinderbuchautoren.
An den Universitäten und Hochschulen wurden im Sog der politischen Bewegung der 70er Jahre Frauen-, Unterhaltungs- und Kinderliteratur zum Gegenstand fachkritischer Studien. Trotz erheblicher Widerstände wurden diese Bereiche nach und nach anerkannte Forschungsgebiete. Die Kinderliteratur befand sich kulturpolitisch wie akademisch in einer dynamischen Entwicklung. Das verlieh ihr Prestige und Ausstrahlungskraft. Es bedeutete viel, dass ein Schrifttum, das lange am Rande des seriösen Kulturlebens dahinvegetiert hatte, endlich die gebührende Aufmerksamkeit erhielt. Dabei darf nicht vergessen werden, dass der Anstoß, der die Eigendynamik in Gang setzte, von der Literatur selbst ausging.
Nach 1968: Neue Generation. Solidarische Kinderperspektive
Zu Beginn der 70er Jahre machte sich eine neue, äußerst vitale Generation von Autoren bemerkbar, die in der Dichtung für Kinder eine neue sprachliche und künstlerische Herausforderung sahen.
Zu den herausragenden Namen dieser Generation gehören anerkannte Schriftsteller wie der Poet Einar Ökland (*1940), der Fabelerzähler Tor Aage Bringsvaerd (*1939) und der Debütant Tormod Haugen (*1945). Als Erneuerin des historischen Kinderromans gilt Torill Thorstad Hauger (*1943). Dicht auf ihren Fersen folgt der allseitige Erzähler und Lyriker Ragnar Hovland (*1952) und die originelle Verfasserin von Kurzprosa und Malerin Fam Ekman (*1946) sowie der Jugendbuchautor Rune Belsvik (*1956). Diese Verfasser haben in den vergangenen Jahrzehnten in allen literarischen Richtungen ihre Spuren hinterlassen, und ihre künstlerische Laufbahn ist noch lange nicht zu Ende.
Für die jungen Schriftsteller war das Kinderbuch ein Medium, mit dem sie ihr Anliegen, das sich oft um die Notwendigkeit neuer Einstellungen drehte, in einer ideologisch turbulenten Zeit vermitteln konnten. Alle außer Tormod Haugen schreiben abwechselnd für junge bzw. für erwachsene Leser. Dabei ist das Kinderbuch der Ort literarischer Experimente und Sprachspiele. Hier wird die Kindheit erforscht. Die Erziehungsabsicht, die in der Vergangenheit bei aller literarischen Verkleidung doch zugegen war, wird nun von den künstlerischen Ambitionen ganz in den Hintergrund gedrängt. Wo die Literatur vor hundert Jahren den kindlichen Gesichtswinkel entdeckte, erfolgt die heutige Dichtung in einer neuen, solidarischen Kinderperspektive, die die ideologischen Strömungen der Gegenwart in eine modernistische Schreibweise integriert.
Poesie und Bilderbuch. Allseitigkeit und Vielfalt
In seiner Kindergedichtsammlung Du er så rar 1973 verleiht Einar Ökland dem Kind als poetische Ich-Gestalt eine Autorität, die es bislang nicht hatte. In den Gedichten für Kinder der 50er Jahre waren Sprachspiele vorherrschend; Ökland geht einen Schritt weiter. Vom Standpunkt des Kindes aus gestaltet er in den Gedichten und in der späteren Prosa für Kinder im Zwiegespräch das Wundern. Er spielt mit Gattungen und Erzählkonventionen. Dichter wie Arild Nyquist (*1937), Oskar Stein Björlykke (*1939), Per Olav Kaldestad (*1947), Marit Tusvik (*1951) und Arnt Birkedal (*1959) verbinden Spaß und Ernst in ihren Texten für Kinder. Bei ihnen ist die Poetisierung des Alltags und des Alltäglichen typisch.
Schriftsteller, die oft auch Kurzprosa für Kinder schreiben, tun sich gern mit bildenden Künstlern ihres Temperaments zusammen. So entstehen die schönsten Bilderbücher. Tor Åge Bringsværd vermittelt seine Fabelgeschichten mit Hilfe der Illustrationen von Thore Hansen (*1942), so im Det blå folket og karamellfabrikken 1974, das das Thema Umweltverschmutzung in Märchenform für Kleinkinder behandelt. Das erzieherische Anliegen dieser Art von Literatur richtet sich nun eher gegen die Erwachsenen und ihren Umgang mit Natur und Umwelt. Bringsvaerd hat in den letzten Jahren den Text zu illustrierten Buchprojekten geschrieben, die von den großen Mythen unserer Kultur handeln. Ökland hat zusammen mit den IllustratorInnen Kari Böge (*1950), Wenche Öyen (*1946) und Gerhard Stolz (*1948) mehrere Bücher herausgebracht, während Nyquist eine fruchtbare Kooperation mit Hans Norman Dahl (*1937), Finn Graff (*1938) und Fam Ekman eingegangen ist.
Fam Ekman ist als Illustratorin wie als Verfasserin in erster Linie jedoch eine eigenständige Künstlerin. Das ist schon in ihrem Erstlingswerk Hva skal vi gjøre med lille Jill? von 1976 deutlich. Mit ihrem melancholisch humoristischen und minimalistischen Erzählstil und der originalen, experimentellen Bildsprache gibt sie die Richtung an, in der sich viele talentierte norwegische Verfasser bewegen, die dabei die Grenzen des überlieferten Bilderbuchs überwunden haben. Traditionell herrschte in diesem Genre der Realismus in Text und Bildern vor.
Heute wird allerseits fabuliert und fantasiert. Und während sich die Illustratoren der Vergangenheit an ihren Zeichentisch hielten, schreiben sie heute oft selber Geschichten. Rune Johan Andersson (*1946), Iben Sandemose (*1950) und Ingri Egeberg (*1951) illustrieren oft eigene Texte oder alliieren sich mit anderen Verfassern, so etwa Harald Nordberg(*1949), Hilde Kramer (*1960) und Inger Lise Belsvik. Dabei üben Künstler anderer Kulturen wie Malgorzata Piotrowska (*1957) und Akin Düzakin (*1961) einen positiven Einfluss auf die norwegischen Zeichner und Maler aus. Sie alle wurden in den 80er und 90er Jahren mit Preisen ausgezeichnet. In den 90er Jahren wird ein schrofferer und frecherer Strich bei Kim Hiortöy (*1973), Per Dybvig (*1964) und Anders Kaardal (*1949) sichtbar. Die kulturpolitische Unterstützung der nationalen Bilderbuchproduktion seit den 60er Jahren trägt Früchte. Heute existiert eine lebende Vielfalt auf diesem Gebiet.
Prosa für Kinder
Dasselbe kann mit einem gewissen Recht von der Prosaliteratur für Kinder behauptet werden. Der Kinderroman ist hier nicht mehr alleinherrschend. Auch Kurzprosa mit oder ohne Illustrationen ist sehr beliebt. Was Kinderromane betrifft, hat sich Tormod Haugen Anfang der 70er Jahre einen Namen gemacht. Ihn beschäftigt die Wehrlosigkeit des Kindes gegenüber der Unvernunft der Erwachsenen. Seinen künstlerischen Durchbruch erlebte er 1975 mit dem Buch Nattfuglene. Von hier bewegte er sich immer tiefer in die Thematik und erfuhr mit dem postmodernen Spannungsroman Skriket fra jungelen 1989 die höchste internationale Ehrung der Kinderliteratur, die Zuteilung des H. C. Andersen-Preises. "So zu schreiben, wie ich es tue, stellt mich vor große Herausforderungen. [Š] Man muss es wagen, sich der Hilflosigkeit der Kindheit zu stellen." Mit diesen Worten äußerte sich Haugen zu seiner eigenen Schreibkunst. Haugen hat den Bruch mit der starken realistischen Tradition der norwegischen Kinderliteratur vollzogen. Er führte schrittweise fantastische Elemente ein und schuf so die norwegische Fantasy-Literatur.
Rune Belsvik debütierte mit frischer, realistischer Prosa für Jugendliche und hat darüber hinaus einen Beitrag zur neuen poetischen Kleinkinderliteratur geleistet. Die Fantasiegestalt Dustefjerten und seine Freunde leben in einer märchenhaften norwegischen Landschaft.
Existentielle Probleme dichterisch für Kinder bearbeitet finden sich bei Jon Fosse (*1959) in seinem Werk Uendeleg seint von 1989, und in Rønnaug Kleivas (*1951) Ikkje gløym å klappe katten von 1997. Die Kurzprosatexte von Sissel Solbjörg Bjugn (*1947) und Marit Kaldhol (*1955) lassen sich auf verschiedene Arten lesen und kommunizieren auch mit erwachsenen Lesern. Diese Verfasser arbeiten oft mit bildenden Künstlern zusammen. Das Herangehen an das Thema ist natürlich je nach Temperament und Erzählweise des Verfassers verschieden. Aber allen gemeinsam ist das Anlegen der kindlichen Perspektive. Sie dringen tiefer in das kindliche Bewusst- oder Unterbewusstsein ein und überwinden damit die konventionelle Einstellung, dass Literatur für die Jüngsten eine geschützte Idylle darstellen müsse. Eines der jüngsten Talente dieses Genres ist Erlend Loe (*1970). Sein entwaffnend naiver Humor, zum Beispiel in dem preisgekrönten Kurt, quo vadis? von 1998, wird von allen Altersklassen genossen.
Gesellschaftskritische Spannungsliteratur
Die problematisierenden, oft psychologisch introvertierten Qualitätskinderbücher der 70er und 80er Jahre bekamen bald Konkurrenz von einer neuen Strömung, dem gesellschaftskritischen Spannungsbuch. Die Verlage nahmen den Wettbewerb mit der Heftchenliteratur der Kioske auf, und mehrere seriöse Verfasser stellten sich der Herausforderung. Es war nicht allein der literarturpädagogische Aspekt, der sie antrieb. Noch mehr reizte das Spiel mit den Gattungen an der Grenze zwischen Comics für Kinder und Kriminalromanen für Erwachsene.
Der Verfasser Ingvar Ambjörnsen (*1956) hatte sein Debüt am Kinderbuchmarkt mit den Geschichten von den "Detektiven" Peter- der Proff , in denen die Kriminalrätsel, die die Helden lösen müssen, gesellschaftspolitischer Art sind wie Umweltverschmutzung und Drogenverkehr. Auch Autorinnen erkannten die neuen Möglichkeiten dieses Genres und schufen Heldinnen für die lesenden Mädchen, so Erna Osland (*1951) in ihren Danielle D-Büchern und Pia Ibsen (*1956) in der Reihe Mina på sporet. Unter Beibehaltung der gesellschaftskritischen Perspektive wird in den Mädchenbüchern auch Romantik und Liebe ein Platz eingeräumt.
Spannende Unterhaltungsliteratur für Kinder und Jugendliche spielt oft in einer vergangenen geschichtlichen Epoche. Torill Thorstad Hauger fand ihre Motive in der Wikingerzeit und in der Ära der Auswanderung nach Nordamerika im 19. Jahrhundert. Mette Newth (*1942) schildert krass die Übergriffe gegen die Urbevölkerung Grönlands. Stig Holmaas (*1946) beschäftigt sich in seiner antiimperialistischen Spannungsreihe über Vinterhauk mit der Unterdrückung der Indianer.
In den zurückliegenden Jahrzehnten wurden außerdem anspruchsvolle Comics in Buchform herausgegeben. Hier wird geschichtlicher Stoff in Text und Bildern spannend nacherzählt. Ein interessanter Ableger der Gattung spannende Unterhaltungsliteratur.
Der neue Jugendroman
Auch nach dem quantitativen und qualitativen Wachstumsschub der 70er und 80er Jahre kann die norwegische Kinder- und Jugendliteratur der 90er Jahre noch als vital und allseitig bezeichnet werden. Neue Talente tauchen regelmäßig auf, und für die Schriftsteller hat sich das Umschalten zwischen erwachsener und kindlicher Leserschaft als sehr fruchtbar erwiesen.
Im Vergleich mit der übrigen skandinavischen Jugendliteratur beschäftigt sich die norwegische öfter mit dem Einzelmenschen als mit Gesellschaftskritik. Junge Menschen auf der Suche nach existentieller und geschlechtlicher Identität sind beliebte Themen bei Autorinnen wie Autoren. In den 80er Jahren standen Namen wie Kari Böge (*1950), Toril Eide (*1950), Tor Fretheim (*1946), Per Knutsen (*1951) und Erna Osland für den neuen Jugendroman.
Die Literatur für Kinder und Jugendliche der 70er und 80er Jahre legt einen neuen Maßstab an die Kindheit. Nicht mehr offene Opposition gegen die ältere Generation ist das Thema, sondern der Kampf, den viele Jugendliche in Abwesenheit der Erwachsenen führen. Die Rollen sind oft vertauscht, wobei die Erwachsenen sich der Zuwendung und Verantwortung entziehen. Auf der Suche nach Identität und Zugehörigkeit orientiert sich der junge Mensch außerhalb der Familie. Die Hauptperson kann durchaus ein Antiheld sein. Aber dieser Antiheld steht vor uns als ein Vorbild innerer Stärke in einem Dasein, in dem es keine einfache Lösungen gibt.
"Die Leute werden irgendwie nicht mehr erwachsen. [Š] Früher hatte man wenigstens den Trost, dass man erwachsen würde, und das bedeutete Schluss mit den Irrungen und Wirrungen. Aber heute werden sie nicht mehr erwachsen," heißt es bei Ragnar Hovland (*1952) in En motorsykkel i natta von 1992. Hovland machte sich bald bei dieser Art Literatur einen Namen. Seine Spezialität ist das Spiel mit Genre- und Texttypen, wobei es keinen Unterschied macht, ob er für Kinder, Jugendliche oder Erwachsene schreibt.
In den 90er Jahren werden Formexperimente auch im Jugendroman vorgenommen, Gattungen werden gemischt und neue Schreibweisen versucht. Harald Rosenlöw Eeg (*1970) hat mit seiner bilderreichen, musikalischen Sprache schon in seinem ersten Jugendbuch Glasskår 1995 Beachtung gefunden. Viele Verfasser seiner Generation kommen von der Rockszene, wo sie musikalische Texte geschrieben haben. Das prägt zum Beispiel die Schreibweise und Thematik bei Sverre Knudsen (*1955).
Die Autoren der Jugendliteratur der 90er Jahre erlauben sich eine gewisse Nostalgie: männliche Verfasser schreiben empfindsam und humoristisch über frühe Phasen der Pubertät, so etwa Klaus Hagerup (*1946) in Markus og Diana von 1994. Bei Arne Berggren (*1960), z.B. Fisken. Rotter i våtdrakt von 1997 ist der Humor lauter und der Realismus gröber. Die Suche nach der Identität ist nun ein Thema, über das man lachen und ironisieren kann, nicht ohne Seitenblick auf den erwachsenen Leser. Diese "doppelte Stimme" ist in der Literatur für kleine und größere Kinder hörbar.
Norwegische Fachliteratur
Die öffentlichen Einkaufsvorschriften wurde ursprünglich eingeführt, um die Schönliteratur und die Sprache einer kleinen Nation zu fördern. In den 90er Jahren wurde die Regelung auf norwegische Fachliteratur für Kinder ausdehnt. Als übersetzte Fachbücher den Markt überschwemmten, wollte man in Oslo die Fachbuchverfasser zum Schreiben und die Verlage zur Herausgabe ermuntern. Wieder hat sich gezeigt, dass staatliche Förderung Früchte trägt. Insbesondere haben zwei Werke im In- und Ausland Aufmerksamkeit erregt: das von Björn Sortland (*1968) und Lars Elling (*1966) gemeinschaftlich verfasste Raudt, blått og litt gult von 1993, ein originales Buch über Kunstrezeption, und das von Eirik Newth (*1964) Jakten på sannheten von 1996, ein Buch über die Geschichte der Wissenschaft. 1998 wurde Helene Uri (*1964) mit dem Preis des Kulturministeriums für ein gelungenes Fachbuch ausgezeichnet, das das komplexe Fachgebiet der Sprachen beschreibt: Den store faktaboken om språk.
Im Fachbuchbereich ist eine Tendenz deutlich: der Wille zum Beseelen, den Stoff mit Hilfe der Fiktion lebendig zu machen, eine sogenannte "faction" zu schaffen, Erzählungen mit einem fachlichen Inhalt. Das ist keine neue Erscheinung, das machen Pädagogen seit hundert Jahren. Aber in einem Fall hat diese Erscheinung unerwartete Ausmaße angenommen und sich zum großen Abenteuer der Geschichte der norwegischen Kinderliteratur entwickelt: Sofies Welt, eine Fiktionalisierung der Geschichte der Filosofie für Kinder und Jugendliche. Gaarder sagt von sich, er sei auch ein Produkt der norwegischen Kulturpolitik, die seinerzeit die Breite der norwegischen Kinderbuchproduktion gewährleistete.
In den verschiedenen, um nicht zu sagen in allen Gattungen der Kinderbücher ist die Epoche des ziemlich strengen Realismus in der norwegischen Kinderliteratur endgültig vorbei. Das bedeutet nicht, das die hundert Jahre alte These Rolfsens, das Kind wolle "Ernst im Spiel" nicht mehr gültig wäre. Die Kinder- und Jugendliteratur ist durch die Reihe von existentiellem Ernst und Erkenntnisdrang geprägt, auch wenn sich an der Jahrtausendwende ein herausfordernder Humor breit macht. Wo norwegische Kinder- und Jugendliteratur auf die Kinderbuchkonventionen anderer Länder stößt, zeigt sich, dass Bücher, die hier für Kinder herausgegeben werden, dort den Erwachsenen vorbehalten sind. Das war bei Sofies Welt der Fall.
In der norwegischen Kinderliteratur gibt es eine starke Strömung, die die Grenze zwischen Literatur für Kinder und für Erwachsene immer durchlässiger macht. Die große Gattungsvielfalt bedeutet ein Angebot für jeden Geschmack. Im Verhältnis zum Ausland hat sich die norwegische Kinderliteratur als Türöffner und als Lokomotive für norwegische schöngeistige Literatur überhaupt erwiesen. Heute ist diese Literatur sogar ein bedeutender kultureller Ausfuhrartikel.
Karin Beate Vold (* 1944) hat den Universitätsgrad cand.philol. Sie ist seit 1985 Leiterin des Norwegischen Kinderbuchinstituts. Davor war sie u.a. als Verlagsredakteurin und als Kinderbuchkritikerin tätig. Die Kinderliteratur ist seit 25 Jahren ihr Forschungs- und Arbeitsgebiet. Sie hat eine Reihe einschlägiger Artikel veröffentlicht und war Mitverfasserin des Werkes Norwegische Kinderliteraturgeschichte (1997). Seit 1998 ist sie Redakteurin des Jahrbuchs für Literatur für Kinder und Jugendliche.
Das Norwegische Kinderbuchinstitut (NBI)
ist die zentrale Stelle für Kinder- und Jugendliteratur Norwegens. Das NBI stellt seine Kompetenz Universitäten, Hochschulen und Kultureinrichtungen im In- und Ausland, den Medien und der Öffentlichkeit zur Verfügung. Die Spezialbibliothek des Instituts zählt 55 000 Bände. Die Öffnungszeiten des Instituts sind Montag und Mittwoch von 9 16 Uhr, Donnerstag von 12 19 Uhr. Die Gebäudeanschrift lautet Kristian Augustsgt. 21 III, Oslo, die Postanschrift NBI, P.O.B. 6719 St. Olavs plass, 0130 Oslo. E-Mail: nbbi2@online.no. Homepage: www.nettdesign.no/nbi
Von NORLA (Norwegische Literatur im Ausland)
wird mitgeteilt, dass viele norwegische Kinder- und Jugendbücher übersetzt sind. Dazugehören u.a.:
Frida, von Torun Lian: Kleiner Bachmann Verlag, Bensheim 1999. Übersetzt von Janine Klein. ISBN 3-933160-08-1
Wie pflücke ich eine Butterblume? von Laila Stien. Ill.vom Malgorzata Piotrowska. Aarau: Sauerländer 1997. ISBN 3-7941-4253-5
Frau Pepperpott ganz groß in Fahrt. von Alf Prøysen. Obelisk-Verlag , St.Gabriel 1993. ISBN 3-85264-157-8.
Herman, von Lars Saabye Christensen Arena Verlag, Würzburg 1990. Übersetzt von Christel Hildebrandt. ISBN 3-401-04346-3
Den solbrente mammaen som blei bytta mot ti kameler (Zehn Kamele für Mama) von Bjørn Sortland: Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1997. Übersetzt von Christel Hildebrandt. ISDBN 3-596-85044-4.
Die Nachtvögel von Tormod Haugen, München 1992. ISBN 3-423-0740-5
NORLA erreichen Sie unter der Anschrift
NORLA, Bygdøy Allé 21, N-0262 Oslo
Telefon: +47 22 12 25 40
UDA425TY
Herausgegeben von Nytt fra Norge für das Kgl. Norwegische Außenministerium.. Gedruckt im Januar 2000.
Die Verfasserin ist für den Inhalt des Beitrags verantwortlich. Nachdruck gestattet.